Drei Fragen und eine Revolution

Leichte Erklärung, warum Transfeindlichkeit Menschenfeindlichkeit bedeutet, von Kolumnistin Felicia Ewert.

Profilfoto Felicia Ewert

Felicia Ewert
Felicia Ewert ist Politikwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Geschlechterforschung, (Co-)Autorin der Bücher „Trans. Frau. Sein. - Aspekte geschlechtlicher Marginalisierung und „Feminism is for everyone - Argumente für eine gleichberechtigte Gesellschaft“. Sie ist Podcasterin („Unter anderen Umständen“) und gerne wieder auf Vorträgen als Reiselesbe und politische Referentin unterwegs. Sie spricht zu den Themen Transfeindlichkeit, Transmisogynie, Homofeindlichkeit und Sexismus.

Mit lesbischen Grüßen von Felicia Ewert

„Was ist cis?“, „Was ist eine Frau?“, „Wie genau definierst du lesbisch?“

Das sind seit Langem gängige Fragen auf Social Media. Doch handelt sich hierbei immer seltener um Fragen, die auf Erkenntnisgewinn abzielen. Es geht den Menschen, die diese Fragen stellen, nicht um Aufklärung, Diskurs, Wissenserweiterung. Es sind auch mehr als bloße Fragen; sie bitten nicht, sie fragen nicht mal, sie fordern Antwort ein. Und zwar unverzüglich. Und wehe, diese weicht vom eigenen binärideologischen Planquadrat ab.

© Xueh Margrini Troll

Die Menschen, die diese Sätze formulieren, haben ohnehin bereits ihre eigenen cissexistischen, transfeindlichen, misogynen Antworten parat.

„Cis gibt es nicht, ich bin einfach Frau.“

„Eine Frau ist ein erwachsenes menschliches Weibchen.“ Kein Witz, die Herleitung kommt hierbei von den verbündeten TERFs aus Großbritannien. Siehe hierzu den Begriff „Adult human female“. Ganz ehrlich, wenn dich die Interpretation deines selbstidentifizierten Feminismus an den Punkt brachte, dich selbst wohlwollend so zu bezeichnen, dann kann ich dir auch nicht mehr helfen.

„Lesben sind Frauen, die Frauen lieben.“ Die weitere spezifizierte Ausformulierung bezüglich des einzig und allumfänglichen Hingezogenfühlens zu einem – und nur einem normierten Intimbausatz – erspare ich euch an dieser Stelle.

Fangen wir jetzt noch mal bei der ersten „Frage“ an: „Was ist cis?“

Spoiler: Es geht um Geschlecht.

Hier entlang bitte.

„Cis“ ist Latein und bedeutet so viel wie „diesseits“. Cis ist die Kurzform von cisgeschlechtlich, cisgender etc. Es bedeutet in geschlechtsbezogenen Kontexten: Personen, die sich mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen spätestens bei der Geburt zugewiesen wurde. „Wieso spätestens?“

Antwort: Ultraschalluntersuchungen und Geschlechternormen in Bezug auf Körper.

Nein, cis zu sein heißt nicht, dass du dich mit geschlechtlichen Stereotypen identifizierst, mit sexistischen Ansichten, offener Transfeindlichkeit oder bestimmten Geschlechterrollen. Dass das viele von denen trotzdem tun, hm, anderes Kapitel.
Und für alle „hahaha ich bin ja eher ein Fis/Dis-Gender“ unlustigen Komiker*innen mit Bezug auf die Tonleiter: Begriffe können mehrere Bedeutungen gleichzeitig haben. Denkt mal an die verschiedenen möglichen Verwendungsformen des deutschen Wortes „bitte“. Gern geschehen.

Es bedeutet einfach nur, jemand hat damals gesagt, „du bist ein Junge/ Mädchen“ und das passt auch für dich. Cis zu sein ist nicht schlimm.
Ach ja, wenn ihr cis Personen richtig nerven wollt, nennt sie „Cissexuelle“ – das ärgert sie sehr.

Sie sind es nämlich gewohnt, andere Menschen fremdzudefinieren und kommen nicht klar, wenn sie nicht mehr als „die Norm“ gelten. Was wir stets, auch gerade bei locker lässigen Tweets beachten müssen: Menschen können cis und intergeschlechtlich sein. Das schließt sich nicht aus.

Menschen können trans und intergeschlechtlich sein. Das schließt sich auch nicht aus. Personen, die nicht intergeschlechtlich, kurz „inter“ sind, werden endogeschlechtlich oder kurz „endo“ genannt. Ja ja, ich weiß, was ihr denkt: Wenn ihr über Menschen sprechen möchtet, müsst ihr euch echt ganz schön den Kopf zerbrechen. Bevor ihr über Menschen sprecht, versucht doch erst mal, mit ihnen zu sprechen. Aber kommt damit klar, dass viele marginalisierte Menschen aufgrund ihrer Gewalterfahrungen keinerlei Redebedarf mit euch haben. Wie gesagt, cis zu sein ist nicht schlimm, aber es geht mit Privilegien einher, dessen müsst ihr euch bewusst werden. Da dauert es meist nicht lange, bis Empörung aufzieht: „Also ich bin aber eine Frau im Patriarchat, ich habe keine Privilegien!“
Heike, du bist eine weiße, cisgeschlechtliche, nicht behinderte Frau in Deutschland. Denk mal über historische Kontexte nach. Danke.

Kimberlé Crenshaw beschrieb in den 1980er-Jahren die intersectional analysis, also eine intersektionale, mehrdimensionale Analyse von Diskriminierungen. Ich erlebe Transfeindlichkeit/Queerfeindlichkeit, Frauenfeindlichkeit, explizite Lesbenfeindlichkeit und dennoch besitze ich einen deutschen Ausweis, eine deutsche Staatszugehörigkeit, leide nicht unter struktureller Behindertenfeindlichkeit und ich bin weiß. Das macht mich gegenüber vielen Menschen massiv privilegiert, auch wenn ich viel Gewalt erlebte und noch erleben werde. Im Fall von Heike TM kann selbstverständlich bestätigt werden, dass sie aufgrund von Sexismus und Patriarchat Misogynie und geschlechtsbezogene Gewalt erlebt. Das stand übrigens nie zur Debatte. Doch besonders als weiße Menschen haben wir die verdammte Verantwortung, uns konstant bewusst zu machen, dass wir trotz erlebter Gewalt und struktureller Diskriminierung immer noch Privilegien haben.
Wenn du endo, cisgeschlechtlich bist, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass du dein zugewiesenes Geschlecht selten bis nie ernsthaft selbst hinterfragt hast oder gar rechtfertigen musstest. Schon gar nicht vor einem Gericht. Freu dich darüber.
Keine Frage: Geschlechternormen wirken ebenso mit voller Wucht gegen cis Personen. „Unmännlich!/Mannsweib!“ – so was ist bekannt. Das wird in den kommenden Jahren übrigens noch schlimmer, bedankt euch bei euren cis Geschwistern, die „Wissenschaftsfreiheit!“ und #TeamRealität“ grölen.

Frage zwei: „Was ist eine Frau?“

Ich habe eine potenzielle Antwort auf die Frage. Potenziell, weil ich hier als gute Wissenschaftlerin keine „Wahrheitsforschung“ betreibe.

„Jede Person, die sich selbst als Frau begreift.“

Oh Wissenschaft bewahre, ich fühle die Drohkulissen: Sport, Gefängnisse, sogenannte Frauenumkleiden. Jetzt mal Realtalk. Ich kam irgendwann zu dem Bewusstsein, dass ich eine Frau bin. Deshalb wäre ich aber niemals der Überzeugung gewesen, dass die Welt da draußen es auf der Stelle genauso sieht. Und nein, ich bin dann nicht umgehend im Schwimmbad in die korrekte Umkleide gegangen (schwimmen kam für mich ohnehin zwanzig Jahre lang nicht infrage), ich bin nicht am Abend zur FLINTA-Kneipe gegangen (den Begriff gab’s damals tatsächlich auch noch gar nicht wirklich) und selbstverständlich habe ich nicht um umgehende Gehaltskürzung gebeten, wie es mir als Frau im Patriarchat ja zustehen müsse.

Ein Coming-out ist mitunter ein langer, jahrelanger, vielleicht sogar jahrzehntelanger Prozess für viele von uns.
Also nein, Thomas, Sebastian und Thorsten, kurz Tho-Se-Tho genannt, euer „aber was wäre, wenn ich jetzt auch einfach behaupte, eine Frau zu sein, und gehe dann direkt ins …“, dann würde ich dir dringend empfehlen, dir ein Paar schnelle Schuhe zum Weglaufen anzuziehen. Gern geschehen.

„Was ist eine Frau?“ will eine universell einsetzbare Definition einfordern. Nicht, um die Lebensrealitäten aller Frauen abzubilden, einzufangen, zu repräsentieren. Sondern um gezielt Frauen auszuschließen, deren Existenzen zu negieren und ganz zu verunmöglichen. Bei gleichzeitiger Vereinnahmung von Männern und nicht binären Personen als Frauen, aufgrund cissexistischer Körpernormen.

Und diese Frage wird nicht einfach von anonymen Twitter-Accounts in den Raum geworfen. Am 29. September postete die Bundestagsabgeordnete Ricarda Lang: „Frauenrechte sind der Gradmesser der Demokratie. Und in Iran kämpfen mutige Frauen und Männer für diese Demokratie. Wir stehen solidarisch an ihrer Seite. Wir brauchen noch stärkere Sanktionen gegen das Mullah-Regime.“
Unter diesem Tweet kommentierte eine selbstidentifizierte Feministin, die Biologin Marie-Luise Vollbrecht Folgendes: „Was ist eine Frau?“ Sie hätte ihre Reichweite nutzen können, um Stimmen aus dem Iran zu verstärken, Sichtbarkeit zu schaffen, doch sie nutzte ihre Reichweite, um öffentlichkeitswirksam ihre transmisogyne Agenda zu pushen und Beifall von vielen krass feministischen Personen zu bekommen, die Frauen mitunter so dermaßen verachten und gerne immer wieder nach welchen suchen, auf die sich noch besser herabtreten lässt.

Best friends forever.

Selbstidentifizierte Feminist*innen (TERFs) ekeln sich selbst praktisch vor gar nichts mehr, versuchen, die Agenda weiter zu pushen, und werfen doch glatt die Frage auf, ob transgeschlechtliche Frauen in Iran überhaupt Gewalt zu befürchten hätten. Ein transgeschlechtliches Coming-out ist in Iran keineswegs, ebenso wenig wie in Deutschland, ein „easy way aus dem Patriarchat. Zwangs-„therapien“, gesellschaftliche Ächtung, physische Gewalt, lebensbedrohliche queerfeindliche Gesetze, Operationszwang und striktes Einhalten sexistischer Normen sind die Realität. Allein schon transgeschlechtlichen Frauen irgendeine Form der besonderen Privilegierung zu unterstellen, ist eine bewusste Relativierung und Leugnung misogyner Zustände. Und all das, während Menschen für ihre Existenz und Freiheit kämpfen.

Oder auch der Moment, als verschiedene konservative Frauen ihre „Solidarität mit den Frauen in Iran“ zum Ausdruck bringen wollten. Freilich versuchen sie lediglich, die Proteste, Kämpfe und Revolution in Iran für ihren antimuslimischen Rassismus zu vereinnahmen. Höhepunkt der Absurdität hierbei: Sie posierten mit Schildern, auf denen „Frauen, Leben, Freiheit“ stand. Der Leitspruch kurdischer Volks- bzw. Frauenverteidigungseinheiten, die in Deutschland mitunter, oh Wunder, als „terroristische Organisationen“ kriminalisiert werden.

Anmerkung: Wenn sich Konservative und Faschos auf einmal „für Frauen starkmachen“ wollen, dann sollten bei euch wirklich alle Alarmglocken läuten und alle Redflags aufploppen. Und das bedeutet nicht, dass nicht leider ebenso viele Linke die Aufstände in Iran nur deshalb feiern, um ihren eigenen antimuslimischen Rassismus bedienen zu können.

Frage drei: „Wie genau definierst du lesbisch?“

Hm, muss überlegen, hm, eventuell so: lesbische Menschen, die lesbisch sind.

Für den Tweet: „Weiß nicht, wer das gerade braucht, aber Lesbischsein heißt nicht zwingend, dass du eine Frau bist. Oder sein musst. Danke für die Aufmerksamkeit“ bekam ich, wer hätte es ahnen können, viel negative Aufmerksamkeit, weil Leute aufgrund ihres binären Denkens nun auf meinen Tweet projizierten, dass ich damit wohl definitiv Männer meinen würde. Es ging mir aber explizit um nicht binäre, abinäre, agender Personen. Dass queerfeindliche Leute als Erstes an cis Männer dachten, verdeutlicht den Wunsch, Unterstellungen zu machen und gezielt Falschinformationen zu teilen.

Eines noch: Transgeschlechtliche Frauen erleben alle Formen geschlechtsbasierter, sexistischer und sexualisierter Gewalt. Allein dies in Zweifel zu ziehen, zu leugnen oder „Beweise“ einzufordern, ist Teil dieser Gewaltstruktur.

Mit lesbischen Grüßen und tiefstem Respekt, Jin Jiyan Azadî!

 

Quellen: