Der Perfektionismus in unseren Adern

Was passiert, wenn jüdische Leistungstradition auf Hollywood trifft?

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Debora Antmann
1989 in Berlin geboren und die meiste Zeit dort aufgewachsen. Als weiße, lesbische, jüdische, analytische Queer_Feministin, Autorin und Körperkünstlerin, schreibt sie auf ihrem Blog »Don’t degrade Debs, Darling!« seit einigen Jahren zu Identitätspolitiken, vor allem zu jüdischer Identität, intersektionalem Feminismus, Heteronormativität/ Heterosexismus und Körpernormen. Jenseits des Blogs publiziert sie zu lesbisch-jüdischer Widerstandsgeschichte in der BRD, philosophiert privat über Magneto (XMen) als jüdische Widerstandsfigur und sammelt High Heels für ihr Superheld_innen-Dasein.

Loud’n Jewcy von Debora Antmann

Ich sitze vor dem leeren Dokument und kann mich nicht entscheiden, ob ich meine Kolumne dieses Monat zum Thema jüdisches Overachievement oder zur Ausradierung von Jüd*innen und ihren Geschichten aus Film und Fernsehen schreiben soll. Und während ich so darüber nachgrüble, fange ich an, mich zu fragen, ob das überhaupt zwei unterschiedliche Texte sind. Gehen ständige Unsichtbarmachung und der Gedanke, unsere Geschichten seien als jüdische Geschichten nichts wert, nicht Hand in Hand? Verbinden sie sich nicht in dem Gefühl, nicht nur gut sein zu müssen, sondern herausragend, um in unserem Jüdischsein geschätzt zu werden und mit der eigenen Existenz von Bedeutung zu sein? Ist der Perfektionismus in unseren Adern nicht auch eine Folge davon, dass unsere Existenz nur in der Exzellenz nicht umgeschrieben wird?

Es gibt viele Gründe, warum für Jüd*innen Übererfüllung die eigene Normalität ist. Jahrtausendealte Überlebensstrategie ist eine davon. Die Narrative, in denen wir existieren, und antisemitische Stereotype sind ein anderer Teil. Für viele mischt sich eine ebenso fordernde Exsowjetmentalität dazu. Entweder die eigene oder die der Eltern. Es ist so selbstverständlich, dass wir oft gar nicht infrage stellen, ob es eine Alternative zu dem Druck und der ständigen Qual des Besserseins, des Erfolgreichseins gibt – gar nicht unbedingt materiell oder beruflich, sondern einfach in allem, was wir tun. Wir erleben es in der Schule, wenn unsere Erfolge in den Augen der ein oder anderen Lehrkraft irgendwie ein bisschen weniger wert zu sein scheinen, weil sie ja nicht unserer Arbeit, unserem Fleiß, unserer Anstrengung entspringen, sondern einfach unserem Jüdischsein. Deswegen müssen wir immer ein bisschen mehr leisten, ein bisschen besser sein, um diesen vermeintlichen (unfairen) Vorteil im Leistungsvergleich auszugleichen. Und so bestätigen sich alle bewussten und unbewussten Vorurteile von selbst. Es ist die Scheu, mit dem kulturellen Bild der großen, begabten Jüd*innen zu brechen und etwas in die Welt zu geben, was banal, albern, unfertig oder einfach nicht gut ist. Nicht gut kann auch bedeuten, keine Diskussion wert, nicht provokativ genug, nicht neu, nicht alt, nicht innovativ, nicht klassisch genug. Vielleicht etwas, das wir aus dem simplen Grund geschaffen haben, weil es uns Freude macht, nicht, weil wir Meister*innen darin sind: für einige nicht vorstellbar, für andere ein innerer Kampf zwischen Gelerntem, Erwartetem und neu entdeckten Bedürfnissen.

© Bär Kittelmann

Ironischerweise sind es die jüdischen Praxen selbst, die uns in Form von Riten Tools an die Hand geben, um einen besseren Umgang, ein Ventil für diesen Wahnsinn zu finden. Wenn das Problem des jüdischen Overachievements so alt ist, dass in unseren Kulturpraxen aktiv versucht wird, Gegenmaßnahmen zu ergreifen (ob nun Schabbat, die Havdalah, Mitzwot, die unseren Tag strukturieren, oder andere Rituale), dann würde ich sagen: „The struggle is real!“

Wenn zu dem konstanten über Jahrtausende anhaltenden Leistungsrauschen dann noch der Umstand kommt, dass nur die Einsteins und Else Lasker-Schülers in ihrer Genialität ihre jüdischen Geschichten behalten dürfen, aber bei Geschichten jüdischer (Alltags-)Held*innen, die nicht von „Genius“ geprägt sind, das Jüdische „wegreduziert“ wird, dann steigt der Leistungsdruck ins Unendliche. Bspw. Tim Burton liefert immer wieder exzellentes Anschauungsmaterial, um das handfest vor Augen zu führen. Der Film „Corps Bride“ beruht auf dem jüdischen Volksmärchen „Der Finger“ und wurde von Burton adaptiert und „universalisiert“. In seinem Fall bedeutet das, er hat alles Jüdische rausgenommen, um es „relatable“ zu machen. Es ist nicht so, als ob Burton auf jegliche kulturelle Referenz (als wäre das möglich) oder Religion verzichtet hätte, er hat sie einfach durch christliche ersetzt. Der Rabbi wird zum Priester, die Hochzeit wird zu einer christlichen gemacht usw. Und das ist nicht das einzige Mal, das Tim Burton beschlossen hat, jüdische Geschichte(n) unsichtbar zu machen. Auch in „Die Insel der besonderen Kinder“ („Miss Peregrine’s Home For Peculiar Children“) hat Tim Burton die jüdische Familiengeschichte, die im Originalbuch von Ransom Riggs die Wurzel des übernatürlichen Konflikts widerspiegelt, bewusst komplett weggelassen. Das geht so weit, dass er sogar Namen geändert hat. Doch es ist nicht nur Tim Burton. Ein Beispiel, das mich besonders getroffen hat, war die Serienadaption von „Batwoman“. Die Superheldin wurde von den originären jüdischen Autoren der Comics explizit als jüdische Lesbe geschrieben. Zumindest in der ersten Staffel der Serie war von dem Jüdischen nichts geblieben. Erst nach viel Druck und Kritik erklärte Produzentin Caroline Dries 2019 CW’s[1]„Kate Kane is a Jewish woman“, also auch die Serienversion sei jüdisch, betonte jedoch auch: „Wir versuchen, das unterzubringen, ohne dass es ein großes Ding in der Story wird.“ Immerhin die Beerdigung der totgeglaubten Batwoman war dann jüdisch … Was für eine Ironie.

Das sind nur einige Beispiele von vielen, von einer Kultur, in der „das Jüdische“ nur von Bedeutung ist, wenn es Exzellenz untermalt oder das Böse versinnbildlicht (z. B. Harry Potter). Ist es nicht naheliegend, dass in einer Realität in der Popkultur so prägend für unser Empfinden von Normalität und Relevanz ist, diese Kultur des kontinuierlichen Rausschreibens „nicht relevanter“ jüdischer Geschichte(n), die Praxis von Erasure von allem jenseits jüdischer Exzellenz (abgesehen von der Verkörperung des Bösen und Unheimlichen) unser jüdisches Selbstbild beeinflusst? Wie soll bei diesem Ausblick unser jahrtausendealter Übererfüllungsimperativ nicht wie auf Stereoiden sein?! Overachievement ist eine Überlebensstrategie und wir sehen all die jüdischen Erzählleichen an uns vorbeiflimmern. Tag für Tag. Bekommen unsere Irrelevanz vorgehalten, gezeigt, wie verzichtbar wir sind. Es ist nicht der Tim-Burton-Film, der mich nachts wach liegen lässt, weil ich nach 14 Stunden Arbeit immer noch das Gefühl habe, nicht genug geleistet zu haben. Nicht gut genug zu sein. Dass die Erfolge nicht erfolgreich genug waren. Es ist das, wofür er steht.

Ich schätze, zu guter Letzt waren beide Themen der gleiche Text. Fragmente vom gleichen Schmerz. Womit der eine Text aber vielleicht gestartet wäre und was hier vielleicht etwas random erscheint, aber trotzdem geschrieben gehört: Wir alle kennen Erschöpfung und trotzdem ist es okay, als Jüd*innen die jüdische Komponente darin zu sehen. Wir alle wissen, wie es ist, ausgebrannt zu sein, und trotzdem ist es wichtig, als Jüd*innen die jüdische Komponente darin anzuerkennen. Wir Jüd*innen dürfen einen Zusammenhang zwischen unserer Erschöpfung, den Ansprüchen, die an uns gestellt werden, und unserem Jüdischsein herstellen. Das schmälert die Erschöpfung und das Recht, erschöpft zu sein, von niemand anderem!

Wir Jüd*innen dürfen einen Zusammenhang zwischen Antisemitismus, jüdischen Leistungsmantren und unseren zerreibenden Selbstansprüchen aussprechen, ohne rechtfertigen zu müssen, warum auch andere erschöpft, zerrieben und selbstkritisch sind. Mit unserer Realität nehmen wir niemandem die Legitimität, erschöpft zu sein, wir schaffen nur weitere.

[1] CW ist der Sender, auf dem „Batwoman“ läuft. CW steht für die beiden Unternehmen, denen der Sender gehört: CBS und Warner Bros.