„Das könntest du sein“

Aktivistin Diba Mashreqie über die Situation von LGBTQ und Frauen, die in Afghanistan immer mehr protestieren.

Interview mit Diba Mashreqie: Ayesha Khan

Wie geht es dir gerade und was geht dir durch den Kopf?
Eigentlich geht es mir persönlich gut. Ich gehe auf viele Events und Aktionen und treffe viele Menschen, aber ich habe ein ganz schlechtes Gefühl wegen der momentanen Lage in Afghanistan und Iran. Ich muss immer wieder wegen Nika Shakarami weinen. Die iranische Polizei behauptet, die 17-Jährige sei während einer Versammlung von einem hohen Gebäude in den Tod gestürzt, doch wir wissen alle, wie sie umgekommen ist. (Sie wurde nach Angaben von Angehörigen vom iranischen Geheimdienst verhaftet und getötet, Anm. d. Red.) Außerdem hat es Ende September in Kabul, in Dashte Barchi, einen Anschlag auf eine Schule gegeben. Es sind 53 Schüler*innen gestorben und über hundert Menschen wurden verletzt. Immer wieder denke ich: „Diba, das könntest du sein. In Iran und in Afghanistan. Hier bist du frei, aber dein Herz ist in Afghanistan.“ 

Wie schätzt du die aktuelle Lage in Afghanistan für Frauen und LGBTQ ein? Gibt es Unterstützungsstrukturen?

 

Es gibt leider keine Supportstrukturen mehr in Afghanistan. Es ist sogar so, dass die Leute mich dort durch die Sozialen Medien kennen und kontaktieren, weil sie vor Ort niemanden haben, mit dem sie reden können. Für sie bin ich eine bekannte trans Person und viele aus der afghanischen LGBTQ-Community suchen den Kontakt zu mir und fragen nach Hilfe. Wir konnten gemeinsam mit Freund*innen einigen wenigen Menschen helfen, über Pakistan zu flüchten. Nun sind einige von ihnen in Deutschland, Kanada oder Irland. Doch es sind immer noch viel zu viele Menschen bedroht. Ich stehe in Kontakt mit Menschen in Herat, Kunduz und Mazar-i-Sharif. Sie halten sich versteckt, haben Angst, können nicht arbeiten oder zur Schule gehen. Hin- zu kommt leider oft, dass queere Menschen von ihren eigenen Familien verstoßen werden, die unter anderen Umständen vielleicht anders handeln würden. Eine andere bekannte Person von mir aus Afghanistan wollte kurz vor der Machtübernahme der Taliban aus Iran in die Türkei flüchte…