Queerfeindliches Wort, queerfeindliche Tat

Transfeindliche Angriffe sind kein Sonderphänomen, sondern trauriger Alltag.

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Felicia Ewert
Felicia Ewert ist Politikwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Geschlechterforschung, (Co-)Autorin der Bücher „Trans. Frau. Sein. - Aspekte geschlechtlicher Marginalisierung und „Feminism is for everyone - Argumente für eine gleichberechtigte Gesellschaft“. Sie ist Podcasterin („Unter anderen Umständen“) und gerne wieder auf Vorträgen als Reiselesbe und politische Referentin unterwegs. Sie spricht zu den Themen Transfeindlichkeit, Transmisogynie, Homofeindlichkeit und Sexismus.

Mit lesbischen Grüßen von Felicia Ewert

Am 20. November wird jährlich transgeschlechtlichen und nicht-binären Menschen gedacht, die ermordet und von Staaten, Gesetzen sowie Gesellschaften in den Suizid getrieben wurden. 327 Menschen zählt das Trans Murder Monitoring für die Zeit zwischen September 2021 und Oktober 2022. Das sind lediglich die bekannten Fälle. Nicht selten werden transgeschlechtliche Menschen in Medien und Statistiken nach ihrem Tod aktiv misgendert oder überhaupt nicht als transgeschlechtlich angesehen und begriffen. Die erfahrene und tödliche Gewalt wird hierdurch fortgesetzt. Sie töten uns noch einmal, selbst wenn wir schon tot sind.

© Bär Kittelmann

Begangen wird dieser Tag international seit 1999. Im Jahr zuvor wurde die Schwarze, transgeschlechtliche Frau Rita Hester ermordet in ihrer Wohnung aufgefunden. Der Mord ist bis heute nicht aufgeklärt. Aufgrund des weitestgehend medialen Desinteresses startete Gwendolyn Ann Smith das Projekt „Rembering Our Dead“, aus dem anschließend der Transgender Day of Remembrance hervorging. Mehrheitlich sind Schwarze und transgeschlechtliche Frauen of Color von dieser tödlichen Gewalt betroffen. Die Verzahnung (Intersektionen) aus Misogynie, oftmals Sexarbeiter*innenfeindlichkeit und Rassismus wird leider zu oft ignoriert. Transmisogynoir ist der Begriff hierfür.

Der Tod von Malte C. Im August 2022 nach dem CSD Münster ließ Deutschland damit seit Langem wieder in der Statistik auftauchen. Trauriger Höhepunkt hierbei waren zum einen die rassistischen Vereinnahmungen gegen den Täter, mit denen Rechte plötzlich auf „pro queer“ machten. Ebenso wollten weiße TERFs versuchen, die Tötung als Misogynie zu framen und misgenderten Malte hiermit nach seinem Tod mit Vorsatz. Auch der öffentliche Suizid von Ella Nik Bayan im vergangenen September 2021 gehört zu den Ereignissen, denen gedacht werden muss. Auch bei ihrem Tod wurde oftmals aus weißer Perspektive ein zu starker Fokus auf Transfeindlichkeit gelegt und der institutionelle Rassismus außen vorgelassen. Im Falle von Ella kommen noch die schrecklichen Taten, wie die Verhöhnung ihres Körpers im Krankenwagen und der Notaufnahme durch das Klinikpersonal, hinzu. Kurz nach den Geschehnissen wurden in Chatgruppen Fotos, die sie nackt und mit schlimmsten Verbrennungen zeigten, veröffentlicht. Bisher konnte nur eine tatbeteiligte Person identifiziert werden, so die Meldungen hierzu.

Eine in der Bremer Straßenbahn von 15 Jugendlichen attackierte transgeschlechtliche Frau im September. Ein fast getötetes transgeschlechtliches Mädchen in Herne im April. Drei bekannte Anschläge auf Queer Bars in diesem Jahr. Oslo im Juni am Abend vor der Pride, Bratislava im Oktober und Colorado Springs. Letzteres in der Nacht zum Transgender Day of Remembrance. Insgesamt mehrere Tote und Dutzende Verletzte sind das Ergebnis dieser Angriffe.

Gerade bei den attackierten Bars ist es unsere Pflicht, keinerlei Unterscheidung oder gar Hierarchisierung dahingehend zu machen, ob ausschließlich cis homosexuelle Menschen zu Schaden kamen. Wir stehen zusammen und können nicht voneinander abgetrennt werden. Wer versucht, explizite Transfeindlichkeit als Teil queerfeindlicher Gewalt bei all diesen Vorfällen zu ignorieren, versucht, Opfergruppen zu delegitimieren. Wer dies mit einer Gruppe versucht, wird dies bald auch mit anderen Menschen versuchen, sagte eine Freundin unlängst im Gespräch zu mir.

Exakt so, wenn weiße, deutsche selbstidentifizierte Feminist*innen versuchen, queere Menschen, explizit transgeschlechtliche Menschen als Opfer und Überlebende von NS-Verbrechen zu delegitimieren. Es ist der Versuch, Grenzen auszuloten, sie zu überschreiten und dies auch entgegen historischen Ereignissen als debattierbare Sache darzustellen. Distanzieren kann man sich von der eigenen Aussage im Nachhinein natürlich immer. ZwinkyZwonky.

Wer gezielt versucht, Geschichtsfälschung gegen transgeschlechtliche Menschen zu betreiben, tut das nicht aus Zeitvertreib. Es ist nur ein weiterer Versuch, uns von marginalisierten Menschen zur Bedrohung zu verklären.

Es soll Angriffe auf uns legitimieren. Egal, ob verbal oder körperlich. Es ist die sprachliche Bodenbereitung für alle queerfeindlichen Konsequenzen. Dies nennt sich Stochastischer Terrorismus. Hierbei stacheln Menschen medial zu Feindlichkeiten auf. Die Finger müssen sie sich selbst nicht schmutzig machen. Das übernehmen andere williger Helfer*innen für sie. Sie betrachten aus der Ferne, in imaginäre weiße Westen gehüllt, dass sie lediglich „besorgt“ waren.

Die Gewalt wird für die Öffentlichkeit sichtbarer. Durch unsere jahre- und jahrzehntelange Aufklärungsarbeit werden uns Plattformen gegeben, um Menschen zu unserem Schutz weiterbilden zu können. Viele erkennen aber auch langsam ihre Verantwortung, sich selbst weiterzubilden, um vulnerable Gruppen unterstützen und schützen zu können. Wir brauchen euch.

Ich wünschte, wir würden geschützt, damit wir nicht zu Hashtags werden müssen.

Mit lesbischen Grüßen

 

Links:

Definition Trans Awareness Week

Spiegel: Münster – Nach Tod von trans Mann Malte C solidarisiert sich die Polizei mit querer Gemeinschaft

Queer.de: Mehrere hundert Trauernde nehmen Abschied von Malte C.

Queer.de:Transgender Day of Remembrance: 327 Morde in 12 Monaten

transrespect.org: Trans Murder Monitoring

Wikipedia: Transgender Day of Remembrance

SJWiki: Transmisogynoir

Taz: Öffentlicher Suizid einer trans Frau 

Queer.de: Nur ein Beschuldigter bei Straftaten gegen Ella Nik Bayan identifiziert

Tagesschau: Oslo Terrorverdacht Islamismus