Zur Kritik der Kritik

Die Verharmlosung des Islamismus ist für jede progressive Debatte herausfordernd, schreiben unsere Autor*innen

Profilfoto Zain Salam Assaad

Zain Salam Assaad
Zain Salam Assaad: In einer Kleinstadt in Westsyrien geboren und aufgewachsen lebt Zain seit Mitte 2016 in Deutschland. Er*sie studierte Kommunikations- und Medienwissenschaft in Leipzig und arbeitet als frei*e Journalist*in, Übersetzer*in und Kurator*in. In der Freizeit holt sich Zain Udon Nudeln mit veganer Ente und beschwert sich über das Wetter in Deutschland, toxische Netzkulturen und empathiefreie Debatten. Instagram/twitter: @zainsalamassaad

Von Zain Salam Assaad und  Bahar Çati

Dieser Text ist in Zusammenarbeit mit Bahar Çati entstanden. Bahar Çati studiert Sozialwissenschaften in Berlin. Sie beschäftigt sich mit feministischen Bewegungen in der SWANA Region, vor allem Kurdistan.

Sei es der Messerangriff auf den Schriftsteller Salman Rushdie in New York, die Mord- und Bombendrohung auf Mina Ahadi in Leipzig oder das offenbar erste Todesurteil gegen Protestierende des Mullah-Regimes in Iran – hinter all dem steckt der Islamismus. Online findet der Marathon des Islamismus seit Jahren statt. Genau das kann man sehen, wenn die Aktivitäten islamistischer Influencer*innen und deren Anhänger*innen im Netz verfolgt werden.

© Rahel Süßkind

Es bedarf Kritik an der medialen Aufmerksamkeit von islamistischen Inhalten – aber auch Kritik an Islamismus offline. Vorwürfe wie, man würde antimuslimischen Rassismus (re-)produzieren, müssen nuanciert betrachtet werden. Und die Gewalt, die hinter Islamismus steht, muss ernst genommen werden. Zwischen all diesen Facetten müssen wir besser differenzieren, sodass wir eine Kritik von links formulieren können.

Die Notwendigkeit linker Kritik an Islamismus ist nicht neu, sondern zeitlos, wie uns die derzeitige Revolution in Iran und Rojhilat (Ostkurdistan) mit all ihren transnationalen Auswirkungen verdeutlicht. Deutschlandweit geschehen islamistische Angriffe auf feministische Gruppierungen. Jüngst wurde am 12. November 2022 der Sitzstreik der Gruppe Feminista Berlin vor dem Gebäude der Grünen in Berlin attackiert.

Kontext, bitte!

Die neoliberalen Bemühungen Islamismuskritik eindimensional als rassistisch einzuordnen, geht an dem Problem der Radikalisierung durch religiöse Autoritäten vorbei. Nicht überraschend werden im „Westen“ Rassismen verstärkt, wenn Sachverhalte nicht in den Kontext gesetzt oder durch Stereotype begründet und abgebildet werden. Es ist jedoch nicht sinnvoll, Stereotype mit Stereotypen zu bekämpfen. Und natürlich brauchen wir nuancierte Analysen und Berichterstattung zu allen Geschehnissen und deren Konsequenzen, wie im Fall von Iran. Das kann allerdings nie passieren, wenn wir weiterhin Probleme gegeneinander ausspielen. Ungerechtigkeiten sind gleichzeitig überall zu finden und gehören überall gleichzeitig bekämpft.

Das geht in viele Richtungen: Die Würde von Menschen soll bewahrt werden, ohne dass Extremismus als normalisierte Kulturform dargestellt wird. An dieser Stelle ist wichtig zu erwähnen, dass der Extremismusbegriff eine Ideologie zu einem Randproblem erklärt, obwohl es längst keines mehr ist. Das wird bei Islamismus, gerade im Netz, besonders deutlich, weil er bereits in der politischen Mitte stattfindet, sich in der Mitte radikalisiert und sich dort auch normalisiert hat. Ein essentialistischer Kulturbegriff mit Blick auf Islamismus ignoriert das, indem er von einer „Kultur des Anderen“ ausgeht. Gleichzeitig werden, aufgrund der Vereinnahmung von Kultur und sogenanntem Extremismus, rassistische und stereotypische Bilder als Folge reproduziert. So können wir nicht vom Zusammenleben sprechen, wenn wir in jeder Sache Argumente nicht auf tatsächliche Ereignisse zurückführen, die Menschen in ihrem Religiös- oder Nichtreligiössein einschränken. Im Netz fängt diese Debatte jedes Mal von null an und jede Kritik an islamistischen Propagandist*innen wird von links und rechts abgetan oder für andere Zwecke benutzt.

„Darf ich in Schweinfurt leben?“

Die Onlinepräsenz islamistischer Ideologien in Deutschland steigt und wird seit circa 2010 von islamistischen Influencer*innen auf Youtube oder TikTok repräsentiert. Dahinter verbirgt sich eine starke, mediale Strategie islamistischer Gruppierungen, die seit Jahrzehnten über eigene Fernsehsender und -kanäle ihre Propaganda in der SWANA-Region, aber auch in Deutschland, verbreiten. Ihre Reichweite nimmt unter anderem zu, weil sie eine bestimmte Ästhetik und Humor aufgreifen, die für viele muslimische, aber auch nicht muslimische Jugendliche sehr empfänglich ist. Dazu zählen humoröse, dennoch klar islamistische Aussagen und Videos, wie: „Darf ich in Schweinfurt leben?“ So zynisch es klingen mag, verharmlosen solche Inhalte die Instrumentalisierung von wirkmächtigen Fatwas* in der heutigen Welt. Somit wird die Diffamierung und Verfolgung von Islamismuskritiker*innen, aber auch die Unterdrückung von Frauen, queeren Menschen sowie von ethnischen und religiösen Gruppen, die sich nicht den Normen islamischer Dominanzgesellschaften anpassen wollen, weiterhin legimitiert. Die Dynamik islamischer Dominanzgesellschaften findet sich auch in Konflikten innerhalb von muslimischen Gesellschaften wieder, indem Sunnit*innen in mehrheitlichen schiitischen Gesellschaften wie in Iran staatliche und gesellschaftliche Unterdrückung erleben. Ein gegensätzliches Beispiel hierfür ist Saudi-Arabien.

Zur Kritik der Kritik

Islamisten wie Ibrahim Al-Azzazi erhalten millionenfache Reichweite auf TikTok. Woran liegt das? Zum einen kann es an mangelndem Gegenwind liegen, zum anderen, dass gewisse eurozentrische (auch manchmal bestimmte antirassistische) Analysen diese Arbeiten auch legitimieren können. Dabei ist es wichtig, genau ebendieses Opfernarrativ von Islamismus-Praktizierenden kritisch zu hinterfragen, weil es Islamisten online sowie offline stärkt. Die Bekämpfung von Rassismen soll die Widersprüchlichkeiten von Marginalisierung und Gewaltausübung aushalten und differenzieren können. Darüber hinaus soll es auch rechte und islamistische Gewalt ablehnen, die in jeder Gesellschaft zum Ausdruck kommen kann.

Eines muss so weit klar sein: Die politischen Interessen im Internet sind deckungsgleich zu denen, die uns im realen Leben begleiten. Weltweit nutzen Jugendliche zunehmend Social Media. Der fast kontrollfreie und ungeschützte Online-Space macht es Islamisten einfach, ihre Propaganda zu verbreiten. Diese vermeintliche Onlinekontrollfreiheit dient der Radikalisierung und Mobilisierung islamistischer Kräfte weltweit. Während Typen wie Donald Trump und Elon Musk zu mehr Meinungsfreiheit, gegen „Wokeness“ plädieren und somit Raum für rechte Ideologien schaffen, werden progressive und linke Inhalte – insbesondere der kurdischen Bewegungen – zensiert und/oder gesperrt. Daher muss unsere Kritik durch ständigen Dialog up to date bleiben.

Der Westen vs. der Osten

Der Transport islamistischer Ideologien über Soziale Medien wie TikTok, Instagram und YouTube, ergibt sich aus einer medialen und gesellschaftlichen Kontinuität, die Extremismus relativiert und ihn in seiner Vielfalt als Kulturgut oder als berechtigte Reaktion darstellt. Genauso wie das Patriarchat existieren und existierten Narrative der Eroberung, Vernichtung und Assimilierung in vielen geschichtlichen Momenten und das lässt sich so nicht auf „West-Ost“-Dualismen herunterbrechen. Eine linke, internationalistische und antirassistische Praxis braucht einen nuancierten Raum für Islamismuskritik. Daher dürfen rechte und islamistische Drohungen und Angriffe auf Menschen in der Öffentlichkeit nicht relativiert werden – selbst wenn man einer anderen Auffassung ist als die der Person, die bedroht wird. Dass Islamismus nicht als rechte Ideologie gesehen wird, verhindert politische Auseinandersetzungen mit den Konsequenzen und dem Kampf gegen seine Erscheinungsformen. Eine Leerstelle? Vielleicht. Rechte und islamistische Gewalt ist ein universelles Phänomen und muss als solches anerkannt und benannt werden, um bewusst dagegen agitieren zu können.

* Arabisch für Rechtsgutachten religiöser Autorität