Schluss mit jüdisch

Wie unsere Kolumnistin unfreiwillig evangelisch wurde.

Profilfoto Debora Antmann

Debora Antmann
1989 in Berlin geboren und die meiste Zeit dort aufgewachsen. Als weiße, lesbische, jüdische, analytische Queer_Feministin, Autorin und Körperkünstlerin, schreibt sie auf ihrem Blog »Don’t degrade Debs, Darling!« seit einigen Jahren zu Identitätspolitiken, vor allem zu jüdischer Identität, intersektionalem Feminismus, Heteronormativität/ Heterosexismus und Körpernormen. Jenseits des Blogs publiziert sie zu lesbisch-jüdischer Widerstandsgeschichte in der BRD, philosophiert privat über Magneto (XMen) als jüdische Widerstandsfigur und sammelt High Heels für ihr Superheld_innen-Dasein.

Loud’n Jewcy von Debora Antmann

Ich habe vor ein paar Wochen ein Schreiben vom Finanzamt erhalten, das mir mitteilte, ich wäre ihnen Kirchensteuer schuldig, weil ich seit 2021 evangelisch sei. Wait what?! Ich hatte keine Ahnung! Mit dabei ein Formular, in dem sie tausend Dinge von mir wissen wollten: Wann wurde ich getauft? Wo wurde ich getauft? Wie war meine Wohnanschrift zum Zeitpunkt der Taufe UND zum Zeitpunkt meiner Geburt (fühlt sich an wie eine Fangfrage)? Bin ich ausgetreten und wenn ja wann (Nachweise bitte beifügen). Als hätte ich Zeit, das alles auszufüllen! Mit dem Fakt, dass ich offensichtlich seit einem Jahr Evangelin bin, kommt ein ganzer Rattenschwanz an To-dos.

  1. Meine Kolumne

Ich kann ja schlecht bei dem Namen Loud’n Jewcy bleiben, jetzt wo meine Seele der heiligen Dreifaltigkeit gehört … Wäre ich Katholikin geworden (hier hätte ich nach vier Jahren katholischer Privatschule immerhin das Know-how gehabt!), hätte ich meine Kolumne einfach in „Ab(er)bitte“ umbenannt. Wie viele protestantische Wortspiele kann es schon geben?! Nach reichlicher Überlegung habe ich mich jetzt für „99 Thesen, but a witch ain’t one“ entschieden. Seht ihr, wie verzweifelt ich bin? Andererseits ist der neue Titel ein Beweis für meine Lernfähigkeit. Man sollte meinen, dass dieser ganze relativierende „Aber die Hexenverbrennung“-Bullshit seit den Neunzigern nicht mehr en vogue ist, aber mir begegnen immer noch regelmäßig Personen, die mir erzählen, jemand hätte ihnen an den Kopf geworfen, früher hätte man Frauen wie sie als Hexen verbrannt. Ich glaube ja, dass das die letzte Bastion der Opression-Olympics ist, aber als neue Evangelin nehme ich die Herausforderung gerne an!

  1. Rausfinden: Welche Art Evangelin bin ich überhaupt?

Hätten die nicht etwas spezifischer sein können? Ich hätte dafür gerne einen „Bravo“-Psychotest: Welcher Protestantismus passt zu dir?  Als Lutheranerin könnte all mein Wissen über Luthers Antisemitismus ganz neue Anwendung finden. Andererseits würde das nicht einfach als rebellischer Akt gewertet? Ich könnte Reformerin sein. So als Gegenzug zu jenen, die permanent glauben, „das Judentum“ besser machen, es reformieren zu müssen. Gleichzeitig: Wie viel wird da tatsächlich noch reformiert? Es gäbe die Freikirchen, aber wie groß ist hier die Gefahr, in irgendwelchen Sekten zu landen?! Und ich schätze Freikirchen sind das Letzte, was sich das Finanzamt wünscht. Oder gerade, weil weniger Aufwand? Protestantismus ist wirklich nicht so einfach, wie man glaubt!

  1. Judenschweine meißeln lernen

Als echtes evangelisches Mitglied werde ich ab jetzt Judenschweine nicht mehr in Anführungszeichen setzen. Aber Teufel noch eins … Muskelgedächtnis macht mir die Sache nicht leicht. Dennoch ist das sehr wichtig, weil man Geschichte ja nicht einfach umschreiben kann, richtig? Deswegen ist es von immenser Bedeutung, dass Judenschweine gut sichtbar dort bleiben, wo sie sind. Doch was ist, wenn irgendwann alle Judenschweine kaputtgehen? Dann weiß niemand mehr, wie antisemitisch die Vergangenheit war und wie wunderbar wir in der Gegenwart sind. Deshalb ist es so wichtig, dass jemand für Nachschub sorgt. Ich werde mich dieser Aufgabe annehmen.

  1. Jesus lieben lernen

That’s a hard one … Ich mein, ich kenn ihn nicht persönlich. Es ist wirklich schwer, da Liebe zu entwickeln. Ist ein bisschen so, wie wenn dir jemand erzählt, dass es diese super cute Person gibt, und dir stundenlang vorschwärmt, warum die Person so wunderbar ist. Und trotzdem keine Schmetterlinge hier … Und hat irgendjemand mal über den Datingplattform-Effekt nachgedacht? Du liest, was eine Person messaged, und denkst „okay Crush“ und dann trefft ihr euch und du stellst fest, alles, was du als Sarkasmus gelesen hast, war keiner und es ist kein trockener Humor, sondern nur trocken? Wir verlassen uns bei unserer Jesus-Liebe auf die Texting-Eigenschaften von Typen. Das kommt mir risky vor … Ich meine, wäre ich über Nacht Katholikin geworden, wäre immerhin Marienverehrung eine Option gewesen. Das ist ein Kink, mit dem ich mich zur Not hätte arrangieren können.

5. Random Bibelverse auswendig lernen

Es ist mir sehr peinlich, dass ich schon seit einem Jahr Evangelin bin und nicht zu jedem Gespräch einen Bibelvers beitragen kann. Besonders in den Sozialen Medien ist das Gold wert. Ich meine, wer liebt das nicht? Man scrollt durch Kommentarspalten und dann gibt es diese wunderbare Person, die unbestechbar alle Argumente mit einem Jünger-Zitat beiseitefegt. Deswegen: „Diese Leute sind nicht betrunken, wie Sie meinen, denn es ist erst neun Uhr morgens.“ Apostelgeschichte 2:15

Es ist so. Viel. Zu. Tun. Ich frage mich, wie das Finanzamt bei dieser umfangreichen To-do-Liste (und ich bin mir sicher, ich habe die Hälfte vergessen) von mir erwarten kann, dass ich mal eben rausfinde, wann ich letztes Jahr versehentlich in Weihwasser geraten bin. Eine unbeabsichtigte Taufe nachzuvollziehen, ist nicht so einfach. Vor allem ein Jahr später! Und mir ist auch immer noch nicht so ganz klar, wie das überhaupt passiert sein könnte. Ich war ja pandemiebedingt kaum draußen. Wer also plausible (oder unterhaltsame) Theorien hat oder gegebenenfalls sogar Zeug*in meiner versehentlichen Taufe war, ich freu mich über sachdienliche Hinweise.

Herzliche Segensgrüße,
Debora

Edit der Autorin: Einen Tag nach Abgabe der Kolumne kam der Steuerbescheid: immer noch evangelisch. Trotz Telefonat mit dem Finanzamt, trotz eines Schreibens. Auch im Poststapel: Weihnachtsgrüße des Deutschen Evangelischen Kirchentages. Schätze, jetzt gibt es wirklich kein Zurück mehr …