Musiktipps 01/23

Die neuesten Musik Tipps von Missy.

Missy Magazine 01/23, Musikrezis

Grace Kelly
„Dengo“
( recordJet )

Als Hommage an eine glückerfüllte, durchtanzte Nacht. So in etwa könnte die Kurzform der ersten EP von Grace Kelly heißen. Mit „Dengo“ lädt Grace Kelly nach Zeiten der Distanz dazu ein, miteinander zu tanzen und sich zu verbinden. Das portugiesische Wort „Dengo“ kann mit „sich näherkommen“ übersetzt werden. Dafür sorgt die Musikerin, DJ und Produzentin Grace Kelly seit über zwanzig Jahren in den Clubs weltweit. Bislang trat sie hauptsächlich live auf und versetzte Menschen mit ihrem Mix aus House, Techno, Rap und afro-brasilianischen Rhythmen in Trance. In ihre Musik fließt auch ihre Erfahrung als Schwarze, queere und migrierte Person ein. So schafft sie ihren eigenen Erfahrungen und den Themen ihrer Community einen Artikulationsraum. Diese Kombination aus elektronischer Tanzmusik und politischen Messages wird auf der EP deutlich. „Oxe“ bspw. ist der Black-Lives-Matter- Bewegung gewidmet. Grace Kelly mischt darin tiefe, satte Bässe mit Vocals des Slogans und vorwärtstreibenden Drumbeats. Aber auch Liebhaber*innen von housigen Tönen kommen auf ihre Kosten. „Body Vibration“ beschreibt das Berliner Clubleben und erweckt auch die letzten eingerosteten Hüften zum Leben. Kein Wunder also, dass auch den Glücksboten des Körpers ein ganzer Song gewidmet wurde („Do Pa Mina“). Damit besteht das vielleicht einzige Manko der EP darin, dass man sich nach vier Tracks gerade erst warmgetanzt hat. Lina Niebling

 

Missy Magazine 01/23, Musikrezis

Samia
„Honey“
( Grand Jury )

Stell dir vor, du spulst dein Leben vor, fast forward ans Ende: Was gäbe es zu sagen, wiedergutzumachen, zu vermissen? Dem spürt Samia auf „Honey“ nach. Entstanden sind elf Tracks über People Pleasing, das Herauswachsen aus Freund*innenschaften, übers Träumen und Sich-nicht-liebenswert-Fühlen. Indiefolk-Sounds und pulsierende Dancepop- Tracks wechseln sich ab, manchmal begleitet die 26-Jährige ihre Stimme nur mit einer Gitarre oder am Klavier. Ob Samia die Vocals soft und nah belässt oder glitchy Effekte darüberlegt: Die Tracks pumpen Zuhörenden eine Melancholie durch die Blutbahnen, die sich anfühlt, als würden alle Sinne weit geöffnet. Mal liegt die Musik näher beim Bedürfnis, sich alleine einzurollen, mal bebt sie vor Glück. Auch, weil die Lyrics Verletzlichkeit und Humor ineinander verlaufen lassen – das ist es, was „Honey“ auszeichnet. Samia nennt das Album eine „community record“ und hat es gemeinsam mit Freund*innen aufgenommen. Es geht ums Lieben(lernen) in allen Formen: „Kill Her Freak Out“ reißt uns in den Schmerz- Loop einer vergangenen Beziehung, „Nanana“ zelebriert zwischenmenschliche Beständigkeit, „Sea Lions“ vertont das Fremdwerden und Vermissen. Samias neues Album ist gleichzeitig zuversichtlicher und trauriger als das Debüt „The Baby“ – „Honey“ trifft den Sweet Spot für Gefühle, die in alle Richtungen wachsen. Was am Schluss nachhallt? „How much better can anything get / than sitting on your porch remembering / to me, it was a good time.“ Alisa Fäh

 

Missy Magazine 01/23, Musikrezis

Rasha Nahas
„Amrat“
( Cooking Vinyl, VÖ: 20.01. )

Ein Stimmgewirr. Kein erkennbares Wort. Ein geräuschvoller Fußabdruck eines nächtlichen Ritts in der Berliner U8. So beginnt „Amrat“ das zweite Album von Rasha Nahas. Die ,)تارمأ( in Haifa geborene Sängerin machte Berlin zu ihrer Wahlheimat und schlägt nun mit ihren ersten arabischsprachigen Stücken eine Brücke zurück zu ihren Wurzeln. „Amrat“ ist ein Album, das zwischen den Welten existiert. Dem Akustischen und dem Elektronischen, Berlin und Haifa, der Sehnsucht nach der Tranquilität der Natur und dem Reiz der tosenden Stadt. Das Album gedeiht in diesen Ambiguitäten. Nahas beschreibt sie als einen dritten Raum („third space“), der ihr die kreative Freiheit gibt, Musik und Identität außerhalb zugeschriebener Binaritäten zu verstehen. Diese Freiheit ist formativ. Auf dem Album fließen die warmen Klän- ,)يتنب اي( “ge der Akustikgitarre auf „Ya Binti der berührenden Ode an ein früheres Selbst, durch dieselben Adern wie der düstere Synthe- حاير( “sizer-getriebene Rocksong „Ryah Jnoob begleitet von ,)بونجلا der ebenfalls palästinensischen Künstlerin Terez Sliman. „Amrat“ ist wie ein Kleber, der die Welten, in denen Rasha Nahas sich bewegt, zusammenhält, und gleichzeitig das musikalisch anspruchsvolle Werk einer Künstlerin, die der Gesellschaft einen Spiegel vorhält, um sich gegen einen orientalisierenden Diskurs zu wehren. Liv Toerkel

 

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Big Joanie
„Back Home“
( Daydream Library Series )

Vier Jahre nach ihrem Debütalbum präsentieren Big Joanie mit „Back Home“ ihr zweites Album. Als Schwarze Feminist*innen machen sie Punk und beziehen sich auf die Riot-Grrrl- Bewegung. Sie feiern queere Liebe und Freundschaft („In My Arms“), singen über den Wunsch, depressive Episoden zu überstehen („Happier Still“), und kritisieren Hochstapler, die nur so tun als ob („Confident Man“). Ihr Lo-Fi-Sound ist wütend, schreiend und laut – aber nicht nur. Mit melancholischen Streichern, sphärischen Gitarren und poppigen Synthesizern kreieren sie ihren eigenen Sound mit Einflüssen von Art- Punk und Post-Punk. Für das Album haben sie über die Frage nachgedacht, was Heimat sein kann und wie diese beschaffen ist. Ob ein konkreter Ort oder einer, der nicht wirklich existiert, die Frage danach, wo der eigene Platz ist, beschäftigt sie. Mit ihrer Musik erschaffen sie metaphorisch so einen Ort, der für Menschen ein Zuhause sein könnte. Doch auch neben der Musik eröffnen sie Räume. Als wichtige Mitglieder der Londoner DIY-Szene gestalten sie das Decolonise Fest in London, ein Festival für und von Punks of Color. Ein ähnlicher Ort bildete vor neun Jahren den Beginn von Big Joanie. In dem dazugehörigen Manifest des Festivals heißt es: „We are loud and proud and demand the space we deserve.“ Der feste Platz in der Reihe der aktuell wichtigsten feministischen Punkbands ist ihnen spätestens mit dem neuen Album sicher. Lina Niebling

 

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Sinemis
„Dua“
( Injazero Records )

Musik machen, um zu heilen, oder Musik, die heilt? „Dua“ entstand aus dem Impuls Sinemis’ alias Sine Buyukas heraus, mit einer schwierigen Diagnose umzugehen. Buyuka fühlte sich während ihres Heilungsprozesses zu traditioneller Sufi-Musik, einer rituellen Glaubensmusik aus der Türkei und Westasien, hingezogen, die sie mit kühl anmutendem Ambient kombiniert. Was als wichtiger Schritt in Richtung Heilung begann, hat nun selbst eine wohltuende Geste entfaltet. Bei dem Debütalbum der Wahllondonerin treffen insbesondere die Ney-Flöte, die lange, wallende Töne abgibt, und analoge Perkussionen auf digitale Instrumentation – beide Elemente gehen aber in einem sanften Wummern und Wabern auf. Bei dem Herzstück des Albums, „Gazel“, wird es ganz wuschelig mit einer Mischung aus tiefen, lang gezogenen Flötenklängen, flächigen Pads und akzentuierend eingesetzten Synths. Bei „Only Breath“ treffen raunende Synths, die den Eindruck rhythmischen Ein- und Ausatmens geben, auf rauchig nebelige Pads. „Dua“ ist durchzogen von Vibrationen, mit denen es sich schnell in meditative Gefilde abdriften lässt. Die einzelnen Klangelemente vereinen in Summe nicht nur Analoges mit Digitalem, sondern kommen daher als ein zäher Fluss auf- und abebbender Schwingungen. Jeder Track nimmt sich seine Zeit, bis er sich ganz entfaltet, und wartet geduldig auf den Moment, der eine*n beruhigt innehalten lässt. Louisa Neitz

 

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Eunique
„Split“
( Sony Music )

Lange war es still um sie, jetzt meldet sich Rapperin Eunique mit ihrem zweiten Album „Split“ endlich zurück. Die genauen Gründe für ihre vierjährige Abwesenheit aus dem Musikbusiness hält die 27-Jährige vage. Aber Eunique ist wieder da und selbstbewusster denn je. „Und bald nennt man mich weibliche Drake“, rappt sie in ihrem Intro. Damit wird einmal mehr deutlich, wie groß der
Ehrgeiz ist, der die junge Musikerin antreibt,die neben Layla und Nura eine von wenigen Schwarzen Rapperinnen in Deutschland ist. „Split“ ist zugleich Neubeginn und Konter; Abschließen und Abrechnen – mit der Vergangenheit, der Gesellschaft, der Musikindustrie, falschen Freund*innen, Männern. Ihren Mund lässt sich Eunique nicht verbieten, hat sie nie, wird sie nie, das macht sie in ihrem zweiten Album noch deutlicher als im ersten. Lines wie „Free Eunique, ich bin schriftlich frei / Becoming me, doch sie killen den Vibe / vier Jahre durfte ich nicht sein“ („Wieso“) oder „Wann wart ihr korrekt? Nie / Fuckboys please don’t text me“ („Drive“) machen Euniques alte, neu gewonnene Energie spür- und hörbar. Zugegeben, nicht auf allen Songs – die Single „Alles (für dich)“ z. B. ist ein Sample des Songs „Stereo Love“ von Edward Maya und Vika Jigulina von 2009 und hinkt im Kontrast zum Rest des Albums musikalisch etwas hinterher. Aber Electro-Pop-Ausreißer wie „Drive“ oder „Man nennt mich“ holen das mit großer Leichtigkeit wieder raus und präsentieren uns die Hamburger Rapperin in ihrer gewohnten musikalischen Stärke. Leonie Claire Recksiek

 

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Nina Chuba
„Glas“
( Sony Music )

Wer in den letzten Monaten das Radio angemacht hat, kam nicht um den Track „Wildberry Lillet“ von Nina Chuba herum. Der Song der 24-Jährigen landete prompt auf Platz eins der Charts und in so manchen Supermärkten suchte man vergeblich nach dem besungenen Getränk. Was viele nicht wissen: Nina Chubas Karriere begann 2008 als Detektivin – bzw. als Schauspielerin in der Serie „Die Pfefferkörner“. Bis 2021 sang sie Texte auf Englisch und veröffentlichte noch im selben Jahr mit „Neben mir“ ihren ersten Song auf Deutsch. „Glas“ ist mit 18 Tracks das erste Album der Sängerin. Gute Laune, simple, tanzbare Beats, die perfekt in den Sommer passen, das ist das, womit man Nina Chuba verbindet. Und auch das neue Album stiftet eine*n mit Sounds, die teilweise an Seeed oder Peter Fox erinnern, zum Tanzen an. Doch das Album ist vielschichtiger, als man anfangs meinen mag. Ohrwürmer und tanzbare Tracks wechseln sich mit Songs ab, die von unerfüllten Wünschen und Sehnsüchten zeugen. Nina Chuba singt von Beziehungen, die nicht funktionieren, und solchen, die wehtun. Ob zu anderen oder zu sich selbst. Vor allem der Song „Glas“, nach dem das Album benannt wurde, sticht
hierbei heraus. Mit leisen Klaviertönen und einem geradezu an Lana Del Rey erinnernden Frauenchor verpasst der Song den Hörenden eine Gänsehaut, die bleibt. Zudem machen Features von Majan, Provinz und Chapo102 im Vorfeld schon Lust auf mehr. Nadine Al-Bayaa

 

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Lous and The Yakuza
„IOTA“
( Sony Music )

Sich nach Ruhe sehnen, während man Konfliktherde erzeugt: „Dilemme“ wird 2019 der erste Hit von Marie-Pierra Kakoma alias Lous and The Yakuza. Die Solokünstlerin will durch ihren Namen den Eindruck einer Gruppe vermitteln, weil immer mehr Menschen involviert sind, wie etwa ihr Produzent El Guincho (arbeitet auch mit Rosalía) oder ihre Videoregisseurin Wendy Morgan, denen sie Tribut zollen will. Die 26-Jährige, die im Kongo geboren wird, mit vier Jahren mit ihrer Familie vor dem Zweiten Kongokrieg flieht und in Belgien eine Wahlheimat findet, wird als eine der einflussreichsten Stimmen des französischsprachigen R&B und Pop gehandelt. Ihr Look, inspiriert durch ihr Interesse an Spiritualität und japanischer Kultur, zieht Modemagazine magisch an. Mit dem Debüt „Gore“ zeigt sie einen schnörkellosen Blick auf ihr schwieriges Heranwachsen samt Leben auf der Straße. Zwei Jahre später folgt „IOTA“ (griechisch: etwas sehr Kleines): eine Erkundung dessen, was von der Liebe bleibt, wenn alles endet. Dabei geht es oft nicht um Leid, sondern um Nostalgie oder einen essenziellen Gedanken, der anhält. Süßlich besingt sie die Entscheidung für eine verschlingende Leidenschaft in „Hiroshima“ oder beerdigt eine Beziehung, die nur in Polizeiwachen und Moshpits stattfand, während der trappige Beat auf „Kisé“ die Beine vibrieren lässt. „Lubie“ kommt unscheinbar mit ruhiger Gitarre daher, doch zelebriert die Sängerin mit Rapper Damso eine Freundschaft, wo das zählt, was nicht gesagt wird. Yuki Schubert

 

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Biig Piig
„Bubblegum“
( RCA Records, VÖ: 20.01. )

Neo-Soul, Breakbeat, HipHop, Rockgitarre und Radiokitsch gehören nicht zusammen? Von wegen! Jessica Smyth alias Biig Piig mischt musikalische Welten in ihrem Debüt-Mixtape „Bubblegum“ zum perfekten Klangkaugummi. Zäh klingen die sieben Songs dabei keineswegs – auch wenn gerade die Single „This Is What They Meant“ fast schon überproduziertem Pop gleicht. Das ist wohl der hörbare Einfluss der USA und Sonys RCA Records, bei denen die irische Künstlerin seit 2019 unter Vertrag steht. Ihrem entspannten Flow bleibt sie dennoch treu, besonders beim Track „Ghostin“. Souliger Rap auf britischem Englisch wird da von spanischen Passagen unterbrochen, die von Biig Piigs Kindheit auf der iberischen Halbinsel zeugen. Wir werden an frühere Songs wie „Perdida“ (2018) von der ersten LP ihrer DIY- Trilogie erinnert. Perfekt für deprimierendes Regenwetter – die Beats sind weich wie Watte, ihre Stimme verspricht Sicherheit, der Rhythmus trägt uns davon. „Bubblegum“ drängt uns aber auch schnell wieder aus der Komfortzone raus. Biig Piig testet darin wie immer Grenzen aus. Sie hat keine Angst – weder vor flehenden Botschaften noch vor neuen Stimmhöhen, mehr Zerbrechlichkeit oder schnellen Baselines. Das zeigt der clubtaugliche Song „Kerosene“ – Biig Piigs ganz eigene Interpretation von Dance Music, bei der ihre Stimme an die kanadische Electroclash-Sängerin Peaches erinnert. Als Mitglied des Londoner Nine8-Kollektivs ist Biig Piig subversiver Gegenkultur eben doch näher als dem Mainstream Pop. Laura Helene May

 

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Teri Gender Bender
„Saturn Sex“
( Clouds Hill Records )

In den späten 2000ern waren Le Butcherettes eine der bedeutendsten mexikanischen Riot Grrrl Bands und hierzulande ein Geheimtipp. Heute veröffentlicht Teri Gender Bender, ihres Zeichens Frontfrau der Band, Soloplatten, sowohl digital als auch teilweise auf Vinyl. Dabei ist „Saturn Sex“ Teil ihrer „Complexify“-Kollektion, die bereits aus zehn EPs mit jeweils vier
Songs besteht und noch weitere EPs nach sich ziehen wird. Am Ende werden es stolze sechzig Songs sein, deren Texte sowohl auf Englisch als auch auf Spanisch sind. Auf dieser Platte nun finden sich „The Get Up“, „Get Your Money Straight With Me“, „Saturn Sex“ und „Mind Your Feelings“. Kategorisieren lassen sie sich alle nicht. Teris Musik ist elektronisch, rockig, poppig, verspielt, abgedreht, ruhig, exzentrisch, ziehend, treibend, philosophisch, irritierend, (dis-)harmonisch und, wie der Pressetext verheißt, tatsächlich Björkesk. Die Stücke laden ein, sich zurückzulehnen und gleichzeitig den Kopf anzuschalten. „I never did enough. Why can’t I get up?“, singt Teri z. B. auf „The Get Up“ und diese Frage krallt sich genauso fest wie die Zeile „Your goal was never to protect us“ auf „Saturn Sex“. Nicht alle Songs sind direkt verständlich, teils bleibt die Verwunderung noch tagelang hängen. Und so muss man die Platte, genauso wie die anderen, immer wieder hören, um der Botschaft vielleicht ein Stückchen näherzukommen. Zu den EPs gesellen sich noch zahlreiche Musikvideos, die nur erahnen lassen, welches Gesamtkunstwerk uns erwartet. Avan Weis

 

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Tuvaband
„New Orders“
( Passion Flames, VÖ: 20.01. )

Die Musik von Tuvaband klingt, als spiele sie ihre Songs in einer kleinen zarten Schneekugel: Am runden, hauchdünnen Glas bricht sich der Klang ihrer sanften, gefühlvollen Stimme Mal um Mal, und Tausende glitzernde Funken wirbeln durch den idyllischen Mikrokosmos. Aus den vielen Soundschnipseln ergibt sich eine wunderbare Idylle, die mit ihrer Zerbrechlichkeit in den Bann zieht. Die Musikerin sagt, dass sie bislang immer Sorge hatte, ihre Musik sei zu kitschig, zu niedlich. Auf dem Album „New Orders“ soll das nun anders sein. Glücklicherweise hat die norwegische Musikerin sich ganz auf ihr Gefühl verlassen und sich von eben solchen Befürchtungen befreit, denn nur weil ihr Klang so wunderbar fein ist, geht aus jedem Song eine ungeheure Kraft hervor. Jedes Wort steckt voller Gefühl, Ehrlichkeit und Ausdruck. Besonders der Titel „Cross My Fingers“ sticht hervor. Mit stärkeren Folk-Einflüssen wechseln sich hier Gitarrenmelodien mit verspielten Synthesizern ab. Auf „New Orders“ spielt Tuva außerdem mit einer enormen Bandbreite an Instrumenten. Synthies pulsieren, Bassläufe reihen sich aneinander, Bläser klingen und immer wieder landet man in dem glänzenden, fragilen Bild einer Schneekugel, von der man sich in kindlicher Faszination einfach nicht lösen kann. Rosalie Ernst

 

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Weyes Blood
„And In The Darkness, Hearts Aglow“
(SubPop)

Wie gern würde sie ein Lied schreiben, das die Welt rettet, aber sie könne niemanden bekehren, verriet Natalie Mering aka Weyes Blood unlängst dem „Guardian“. Dabei ist sie doch Meisterin der Betörung, wie sie 2019 auf ihrem vierten Soloalbum „Titanic Rising“ bewies, dem ersten Album auf dem Label Sub Pop. Nun kommt „And In The Darkness, Hearts Aglow“ heraus und klingt wie eine logische Folge zu „Titanic“, mit Kratzern im Lack. Tatsächlich litt Weyes Blood wie alle unter den Covid-Lockdowns: allein, dem Hund sein Essen kochend, mit Freund*innen chattend, Filme guckend. In dem der Platteninfo beigefügten Brief schreibt die in L.A. lebende Künstlerin, dass „Titanic“ die Gefühle des bevorstehenden Untergangs ausdrücken sollte und „And In The Darkness, Hearts Aglow“ nun von der nächsten Phase handeln würde – in der wir „festhängen, auf Sinnsuche in einer Zeit der Instabilität und des Wandels“. Der Chamber-Pop-Opener „It’s Not Just Me, It’s Everybody“ steigt fast schon meditativ ein. „Hearts Aglow“ beginnt mit Meeresrauschen und mündet in einen flirrenden Slow-Pop-Song: „Oh baby, let’s dance, because I’ve been waiting for my life to begin“, singt sie, bis eine schüchterne Westerngitarre reingrätscht. Das hittige „The Worst Is Done“ erinnert an stompende Abba-Songs, nur darker. Beim letzten Song, der Ballade „A Given Thing“, treibt Liebeskummer sein Unwesen: „Sometimes we confuse the dream for one another“, befürchtet Blood. Tatsächlich sind alle zehn Songs des Albums auf ihre Art Liebeslieder, gleichzeitig happy und traurig, zwischen Leben und Tod. Vielleicht sollte Weyes Blood doch einen Weltrettungssong schreiben, sie hat es in der Hand. Barbara Schulz

Diese Texte erschienen zuerst in Missy 01/23.