Polycule der Kunst

Leyla Yenirce befindet sich in einer polyamourösen Beziehung mit den unterschiedlichen Kunstformen.

Von Ferial Nadja Karrasch
Fotos: Alexandra Polina

Missy Magazine 01/23, Titel
© Alexandra Polina

Du betrittst einen großen, dunklen Raum. Vier beinah mannshohe Propeller, aufgereiht auf einem flachen, im Bogen verlaufenden Podest, dreschen auf die Luft ein und wirbeln sie dir entgegen. Die Energie ist im ersten Moment überwältigend. Das laute, monotone Rattern der Propeller mischt sich mit einem heftigen Noise: ein rhythmisch wiederkehrendes, verzerrtes Schreien. Dann weibliche Stimmaufnahmen. In dem Moment, in dem dir der Propellerwind das erste Mal entgegenweht und du den Sound nicht nur hörst, sondern mit dem gesamten Körper wahrnimmst, siehst du auch die große Projektionsfläche, die etwas weiter hinten im Raum installiert ist. Darauf schwarzes, langes Haar, das sich im Wind bewegt. Die Installation „Nacht. Schlaf. Die Sterne“ (2021) der Künstlerin Leyla Yenirce

bildet das Zentrum ihrer ersten Einzelausstellung „So Much Energy“, die im Herbst im Kunsthaus Hamburg zu sehen war. Die Arbeit entstand in Auseinandersetzung mit der jüdischen Malerin Anita Rée (1885–1933) und kann heute, ein Jahr nach ihrer Fertigstellung, auch als Kommentar auf den aktuellen Protest iranischer Frauen verstanden werden. Die Hamburgerin Anita Rée begann 1905 ihre künstlerische Ausbildung und konnte sich trotz aller Widerstände schnell in der männerdominierten Kunstwelt etablieren. Anfang der 1930er-Jahre floh sie vor dem Terror der Nationalsozialisten nach Sylt, wo sie sich kurz darauf das Leben nahm.

Lässt Yenirce Rées Haare, die wir von ihren Selbstporträts als streng zum Zopf gebunden kennen, im Sylter Küstenwind wehen? Steht die fließende Bewegung der Haare mit ihrer beinah meditativen Wirkung im Kontrast zu der aggressiven Dynamik der Propeller und dem anstrengenden, zuweilen beunruhigenden Sound oder ist es erst die brutale Kraft der …