Triple Water 💦 von Evan Tepest

Sex ist immer schon etwas anderes als es selbst. Müssen wir verstehen, was wir begehren? Wo fängt die Lust an und wer entscheidet, was wir hot finden? Von PMS-Sex bis Porn-Gifs, über die juicy Texte der 70er-Jahre Radikalfeminist*innen bis hin zu queeren Heteros – in Triple Water wird es lesbisch, lebensfroh und nur ein kleines bisschen verklemmt.

Noch vor ein paar Jahren habe ich mir in 95 Prozent der Fälle mindestens sehr heterosexuelle, manchmal auch ganz und gar gewaltvolle Sachen vorgestellt, um zu kommen. Egal, ob beim Sex oder bei der Masturbation: Zwei bis drei Minuten vor meinem Orgasmus ereilten mich, fast gegen meinen Willen, Bilder von übergriffigen Männern aller Couleur. Doch vor einigen Monaten veränderten sich meine Fantasien. Die aggressiven Vermieter wurden durch Berggipfel ersetzt, auf denen ich alleine im Nachmittagssonnenschein liege, der anonyme Penis durchs weiße Gipfelkreuz. Mehr noch: Das Mantra, zu dem ich greife, wird immer unsexueller oder abstrakter – manchmal reichen schon Sätze („Die Berge so weit“), manchmal Zahlen (Additionen oder ein wiederholtes Herunterzählen von zwanzig zu null) to put me over the edge. Was ist in der Zwischenzeit passiert?

Sex ist immer auch Fixierung. Ich weiß nicht, ob irgendwer kommen kann, ohne sich zu fokussieren. Manche halten die Luft an, andere spannen so sehr ihre Waden, ihren Arsch oder Beckenboden an, dass sie danach Krämpfe haben. Es scheint so, als bräuchte es eine Steigerung, einen Tunnel im Tunnel, die Verdichtung bis zu dem Punkt, an dem für Sekunden keine Sprache mehr ist.

Evan Tepest

Evan Tepest ist Autor*in und Journalist*in. Evans Essayband „Power Bottom“ über lesbisch-queeren Sex erschien im März im MÄRZ Verlag. Dey ist Teil des Kollektivs DYKE DOGS, mit dem Evan die gleichnamige lesbische Kulturreihe organisiert und Finalist*in des Open Mikes 2020 war.

Es gibt medizinische Gründe für meine Beschwörungen, die wie Gebete über die Wiederholung und die Anrufung funktionieren, das Objekt außerhalb von mir. Eine große Rolle spielt dabei unser vegetatives Nervensystem. Dieses steuert Vorgänge wie den Blutkreislauf oder den Stoffwechsel. Grob gesagt hat das vegetative Nervensystem zwei Funktionsweisen: den Sympathikus, der etwa den „Fight, flight or freeze“-Modus aktiviert (in dem wir den Impuls verspüren, zu kämpfen, zu flüchten oder zu erstarren), und den Parasympathikus, der für „rest and digest“ („Ausruhen und Verdauen“) zuständig ist. Beim Sex sind beide beteiligt. Menschen brauchen demnach ein Maß an Entspannung, um in einen Zustand körperlicher Erregung zu kommen. Zugleich setzt zumindest der cis männliche Orgasmus voraus, dass der Sympathikus übernimmt und die Anspannung steigt (die Körper von Personen mit Vulven sind in diesem Bereich mal wieder eine untererforschte Leerstelle).

Welche Rolle spielt dabei aber der Inhalt der Fantasien, der erotische Space, in den wir uns begeben? Erst einmal scheint es extrem naheliegend, dass der Gefahrenmodus des Sympathikus mit gewaltvollen Fantasien einhergeht. Denn toxische Männlichkeit, also solche, die über Einschüchterung und Gewalt bis hin zur Vernichtung funktioniert, ist für das Gegenüber eng verknüpft mit körperlichem Stress, Angst und Wut. Auf einem ganz anderen Blatt scheinen hingegen meine Bilder, Sätze und Zahlen zu stehen, diese Antifantasien von grünen Wäldern und Vogelgezwitscher. Ist es am Ende ganz egal, ob mein „Masturbationsdispositiv“* eine Vergewaltigungsfantasie oder ein Gipfelkreuz in den Alpen ist?

Um diese Frage zu beantworten, beschäftige ich mich mit der Kulturgeschichte der sexuellen Fantasien – und dem Siegeszug der pornografischen Bilder.

© Viki Mladenovski

In der westlichen Moderne wurde Pornografie in der Nachkriegszeit zu einem Massenphänomen. Dass etwa der „Playboy“ zwischenzeitlich das auflagenstärkste Magazin der Welt war, lag neben Techniken der massenmedialen Verbreitung von Masturbationsvorlagen (Hugh Hefner erfand 1953 das ausklappbare Pin-up-Bild mit einem Foto von Marilyn Monroe) auch an einer ganz bestimmten Vorstellung des sexuellen Raums. „Playboy“-Mansion, verspiegelte Gucklöcher, drehbare Betten – der Fokus liegt auf der Lust des Mannes und der Verfügbarkeit der Frau.

In ihrem Buch „My Secret Garden“ hat die Autorin Nancy Friday 1973 als eine der Ersten die sexuellen Fantasien von Frauen zusammengestellt. Die ersten fünf Räume in Fridays „Haus der Fantasie“ sind:

„Raum Nr. 1: Anonymität
Raum Nr. 2: Das Publikum
Raum Nr. 3: Vergewaltigung
Raum Nr. 4: Schmerz und Masochismus
Raum Nr. 5: Dominanz.“

Unsere erotischen Spaces waren aber nicht immer und überall ausdrücklich sexuell und voller dominanter Männer. Im Japan der Edo-Zeit (1603–1868) zeigten erotische Abbildungen (shunga, dt.: Frühlingsbilder) bei Weitem nicht nur sexuelle Akte, sondern auch Paare, die Flussfahrten unternahmen, oder ama (dt. Meermensch), Frauen, die nach Austernperlen tauchten, nach Seeigeln und Oktopussen. Im präkolonialen Zentralafrika zelebrierten zahllose Rituale Sex als eine Öffnung des eigenen Selbst für die Sinnlichkeit der Natur. Der marxistische Kommunist Wilhelm Reich erklärte in den Dreißigerjahren das Wetter, die Wolken und den Regen, und die Erotik zu einem atmosphärischen Kontinuum. Und ich wette, dass isolierte Schweizer*innen sich früher einen auf das Matterhorn runterholten.

Es ist ein Gemeinplatz, dass alles Mögliche sexuell sein kann, aber in meinem Fall brauchte es wie so oft ein intimes Gegenüber, um das zu checken. Vor ein paar Jahren hat eine Frau mir erzählt, dass sie in ihren Fantasien immer wieder in ein leerstehendes Gebäude zurückkehrt, das sie vor langer Zeit in Minsk gesehen hatte. Charlotte Griefs Schilderung war ausgefallen und detailliert. Ich glaube, damals habe ich zum ersten Mal gespürt, dass es für mich Orgasmen geben könnte, die mich nicht niedergeschlagen zurückließen. Dass mein sexueller Raum schön sein könnte. Ich bin froh darüber, seitdem meine Fixations sich verändert haben. Dabei habe ich sie nicht ersetzt, sondern verändert – und das, ohne dass ich mir bestimmte Fantasien rundheraus verboten habe.

„Ich suche nach einer Erotik der Vertrautheit.“ Das habe ich mir vor einigen Jahren aufgeschrieben, und langsam verstehe ich es besser. Patriarchale Fantasien können dieses Vertraute sein, und das ist okay. Heutzutage sind es für mich jedoch geborgenere Räume, Grüntöne und Ausatmen. Ich habe mir zum ersten Mal in meinem Leben Wanderschuhe gekauft und bin gerade vielleicht in der Sächsischen Schweiz oder im Piemont. Ich bin, für einen Moment, allein, auf einem Berg, in der Nachmittagssonne. Ich wünsche euch schöne Sommertage und Berg frei.

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* Paul Preciado, „Pornotopia: Architektur, Sexualität und Multimedia im Playboy“, Berlin 2012.