Triple Water 💦 von Evan Tepest

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© Viki Mladenovski

Sex ist immer schon etwas anderes als es selbst. Müssen wir verstehen, was wir begehren? Wo fängt die Lust an und wer entscheidet, was wir hot finden? Von PMS-Sex bis Porn-Gifs, über die juicy Texte der 70er-Jahre Radikalfeminist*innen bis hin zu queeren Heteros – in Triple Water wird es lesbisch, lebensfroh und nur ein kleines bisschen verklemmt.

Gibt es irgendwas Hotteres als Hände? Ich kann dir nicht sagen, wie die Oberkörper der Menschen beschaffen sind, mit denen ich auf einem Date war. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich die Augenfarbe einer Person korrekt bestimmen kann, liegt bei circa 50 Prozent. Aber ich werde mich an ihre Hände erinnern. Ich erinnere mich an den Handballen meiner Mitschülerin mit der fast verheilten Blase, an die großen, warmen Hände von J, an die Art, wie ein Lover immer die Zigarette zwischen Daumen- und Zeigefinger gehalten hat. Ich schaue das Foto eines Maybe-Crushes an, auf dem deren Hände ein umgedrehtes „V“ formen (ich bin immer noch überzeugt, dass Angela Merkel eine Lesbe ist). Ich denke immerzu an einen Satz der (underrated!) Autorin Ali Smith: „Einer Hand wie deiner würde ich überallhin folgen.”[1] Hände können kratzen und Thirst Traps posten, Katzen streicheln und Bohrmaschinen handeln. Hände haben dreitausend Tastrezeptoren in jeder Fingerspitze und dreißig Muskeln.

„Alle Lesben haben einen Handfetisch. Alle Hände sind lesbisch.“

Die Sextherapeutin Jenny Skyler hat der „Cosmopolitan“ gesagt, dass „[W]enn jemand einen klinischen Fetisch hat, er das Objekt [in diesem Fall die Hände] braucht, um erregt zu werden und zum Orgasmus zu kommen.“ Alle Lesben haben einen Handfetisch. Alle Hände sind lesbisch.

Evan Tepest

Evan Tepest ist Autor*in und Journalist*in. Evans Essayband „Power Bottom“ über lesbisch-queeren Sex erschien im März im MÄRZ Verlag. Dey ist Teil des Kollektivs DYKE DOGS, mit dem Evan die gleichnamige lesbische Kulturreihe organisiert und Finalist*in des Open Mikes 2020 war.

A Sapphische Hände erkennen

Woran lassen sich sapphische Hände erkennen? Ein vielversprechender Hinweis sind Ringe. Alle Ringe. Ja, auch Eheringe. Besonders aber solche, die immer mal wieder irgendwo auf deinem Sofatisch abgelegt, vor deinen Augen hin- und hergedreht oder versehentlich bei dir liegen gelassen werden. Kommen dazu Tattoos auf den Fingerknöcheln („DYKE“ z. B. oder „LECK“) oder auf den Unterarmen (Schlangen! Tiger!) ist die Sache schon fast geritzt. Doch um die sapphischen Hände eindeutig zu identifizieren, geht es ans Handgemachte: Sapphische Hände sind schlaksig und kräftig, weich und fest. Sie drehen die filigransten Joints, tippen die schönsten Emoticons und benutzen die ausuferndste Gestik. Sapphische Hände wissen, was sie tun.

¯\_(ツ)_/¯

Was dir kein Anzeichen sein sollte: ob die Nägel lang oder kurz, manikürt oder nicht sind. Ob dein Ringfinger genauso lang oder gar länger als dein Zeigefinger ist. Übrigens: Meine Hände sind genauso wie die von meinem Vater, aber mein Vater ist irgendwie auch eine Lesbe.

B Sapphische Hände performen

Wenn du ein oder mehrere Paar Hände gespottet hast, ist es möglicherweise an der Zeit, deinem Fetischobjekt näherzukommen. Warum nicht deine Hände für eine Thirst Trap nutzen, die dir kaum je zum Verhängnis werden kann? Auf TikTok trenden allerhand sapphische Hände, etwa solche, die in Slow-Mo über den Rand eines Natursteinwaschbeckens gleiten, oder solche, die eigentlich gar nichts machen und dennoch Hunderte Kommentare erhalten. So gelingt es dir hoffentlich, anderen Händen näherzukommen, so nah, dass du die Nagelhaut siehst und die Härchen auf dem Fingerrücken. Zum Greifen nah. Das kann Angst machen. „Als ich das erste Mal die Hand eines Mädchens hielt, dachte ich vorher so intensiv darüber nach, dass ich mich übergeben musste”, schreibt die Autorin Kirsten Arnett. „Die Angst war so allumfassend, dass ich drei Mal gekotzt habe.”

„Das queere Händchenhalten ist ein Akt des Widerstands.“

Ich habe mehrfach geträumt, die Hand des Mädchens zu halten, in das ich in meiner Schulzeit unfassbar verliebt war, bis ich mich eines wolkenverhangenen Tages im August getraut habe. Ich checke immer noch jedes Mal meine Umgebung ab, bevor ich die Hand meiner Partner*innen halte. Das queere Händchenhalten ist ein Akt des Widerstands. Wenn wir uns auf der Straße trauen und Kinder uns freundlich und neugierig anstarren. Wenn wir uns bei einem Familienfest oder einer Job Function, bei der nur cis Leute sind, unter dem Tisch berühren, um uns zu versichern, dass wir okay und nicht das Problem sind. Wenn wir uns, wieder zu Hause, die Handflächen massieren, um die Last des Tages zu lindern. Doch auch der intime Handkontakt im Bett oder auf der Clubtoilette kann wirklich anstrengend sein, besonders für poly Hände, die nicht nur einer Person den morgendlichen Orangensaft auspressen. Auf „Autostraddle” hat Ro White in diesem Zusammenhang Übungen für die Handgesundheit zusammengestellt. Too­­­ long, didn’t read: 1. Es dreht sich alles um die Schultern. 2. Bouldern ist der perfekte Ausgleich zur lesbischen Handarbeit. 3. Was immer hilft: im Zweifelsfall mal die Hand wechseln.

C Händische Problemzonen überwinden

Hast du deine geliebten Hände verloren (oder einfach nicht griffbereit), gibt es Möglichkeiten, den Phantomschmerz zu überwinden. Du könntest dich in ein Café oder eine Bibliothek setzen und die dort agierenden Hände beobachten, die überall nackt zu sehen sind. Sie zählen und zeichnen. Vielleicht bist du handwerklich versiert, machst Keramik (gay!) oder kannst dir einen 3D-Drucker ausleihen. Dann könntest du dir Handobjekte erschaffen, die den Händen deiner Ex oder deinem Celezbian Crush ähneln. Die Künstlerin Paige Gratland hat in ihrem Projekt „Celebrity Lezbian Fist” die Fäuste lesbischer Ikonen, darunter Eileen Myles, Cheryl Dune und Jack Halberstam, in Silikon gegossen. Damit hat sie nicht nur die „cock castings“ von Cynthia Plaster Caster kommentiert (die ab den Sechzigern die Penisse von Rockstars in Gips abformte), sondern auch Geld für queere kanadische Jugendliche gesammelt. „Das finale Objekt schwankt zwischen einem Emblem des politischen Widerstands und einem Sexspielzeug – eine eiserne Faust in einem Samthandschuh”, kommentiert Gratland ihre Aktion. Vielleicht sollten wir Peggy Piesche, Martina Voss-Tecklenburg und Kerstin Ott bitten, uns ihre Fäuste zur Rettung der Missy zur Verfügung zu stellen? Wenn dir das alles zu kompliziert ist, kannst du natürlich immer auf immaterielle Hände zurückgreifen. Sapphische Hände sind in der Literatur eine stabile Größe.

„[Sarahs] Haare lagen auch in den Duschen, den Waschbecken und verfingen sich dort im Abfluss. Ich fasste sie gerne an. Ich hatte dann das Gefühl, als wären meine Hände nur dafür gemacht.”

Yael Inokai, „Ein simpler Eingriff”

„Aber du, Dika,
bindest deine Haare mit sweeten Kränzen,
Du flichst Dillzweige mit lanky Händen“
Sappho, „But you, O Dika, wreathe lovely garlands in your hair”[2]

„Meine Hände sind zu zwei Fäusten geballt, jederzeit bereit, den Gesichtern dieser Fotzen den Rest zu geben.“

Hengameh Yaghoobifarah, „Ministerium der Träume”

Übrigens: Die Hände, die das hier tippen, gehören fortan zu Evan. Sie werden älter und faltiger werden. Sie könnten sich noch mehr verändern, wenn ich einmal Testosteron nehmen sollte. Aber sie werden immer meine lesbischen Hände sein.

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[1] Ali Smith, Artful, „I’d let a hand like yours take me anywhere.”

[2] Eigene Übersetzung.