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Du siehst so traurig und so hot zugleich aus“, sagt mein Lover, bevor er mir meine Jeans aufknöpft. „Das ist meine Spezialität“, sage ich, und vergesse kurz, wie traurig ich bin. Von den meisten Testosteron-Nebenwirkungen wurde ich bisher verschont: Meine Hautunreinheiten sind nicht ansatzweise Akne, die mich meine erste Pubertät über verfolgt hat, und meine Kopfhaare scheinen mir nicht auszufallen. Wären da bloß nicht meine Gefühle: Wenn ich nicht gerade horny bin, bin ich oft aggressiv und gereizt. Noch häufiger aber bin ich traurig. „Du wirst dich unbesiegbar fühlen“, besagt der Mythos. Ich hingegen möchte mich auf meinem Teppich legen und an die Decke starren, bis alles aufhört.

Transness und psychisches Leiden werden in transfeindlicher Weise miteinander verknüpft: So heißt es, dass wir trans sind als Ausdruck einer psychologischen Abweichung, eines Traumas, das es zu

beseitigen gilt. Der Gegenentwurf: Trans Personen sind wegen Gender Dysphoria depressiv – und genau das wird uns ärztlich bescheinigt, damit wir endlich, endlich, glücklich werden können. Um zu beweisen, dass beides nicht zutrifft, dass diese Erzählungen den Zugang zu Care verhindern oder an problematische Bedingungen knüpfen, wünschte ich mir, dass meine Affekte vieldeutiger wären. Wenn schon depressed und trans, dann bitte Keta-chic, über Dissoziation schreibend in einem Club oder auf einem perfekt verschwommenen Foto mit Sixpack. Wir wollen alle komplexe trans Freude, oder, wie ein*e Missy-Redakteur*in mir schrieb: „Es wär nice, wenn es nicht nur traurige Texte werden, sondern auch lustvolle […]. Traurig, aber sexy.“ Aber meine Depression ist nicht interessant oder subversiv und meine iPhone-Kamera zu schlecht für hotte Selfies. Ich binge „Queer As Folk“, esse sehr viel Cereal und masturbiere zu FTM-Porno, während ich mich frage, ob ich trans genug bin, um einen Text über Transness zu schreiben. …

Evan Tepest

Evan Tepest ist Autor*in und Journalist*in. Evans Essayband „Power Bottom“ über lesbisch-queeren Sex erschien im März im MÄRZ Verlag. Dey ist Teil des Kollektivs DYKE DOGS, mit dem Evan die gleichnamige lesbische Kulturreihe organisiert und Finalist*in des Open Mikes 2020 war.