© Charlie Spies

Es ist 11:11 Uhr an einem Dienstag und mich haben bereits zwei Unbekannte nach meinem Penis gefragt. Im Gegensatz zu dem Arzt, den ich interviewe, und der Autorin, die ich einmal getroffen habe und privat null kenne, habe ich mir bis vor Kurzem wenig Gedanken zu meinem Penis gemacht. Dabei beschäftige ich mich seit einem Jahr mit zwanzig Prozent meiner mentalen Kapazitäten mit meiner Transition, was sehr viel ist.

Das Begehren nach einem eigenen Penis, zumal einem aus Fleisch und Blut, ist in queeren Kreisen wenig präsent. Ich kenne zwei Dutzend transmaskuline Personen mit Mastektomien und Hormontherapien und

nur eine mit Phalloplastik. Von den 2598 geschlechtsangleichenden OPs in Deutschland 2021 entfallen unter fünfhundert auf Phalloplastiken (bei der mittels dem Unterarm oder Oberschenkel entnommener Haut ein Penoid geformt wird). „Love your Vagina“-Workshops, -Bücher und -Buttons sind allgegenwärtig, aber ich finde kein feministisches Pendant, das eine solidarische und lustvolle Penispraxis verspricht. Und in erklärtermaßen queeren Pornos ist mir noch nie eine Person mit Penoid untergekommen. 

Es ist naheliegend, dass der Peniswunsch einen schlechten Ruf unter Feminist*innen hat. Neben der massiven Gewalt, die der Penis verkörpert, sind wir, seit wir denken können, mit der Freud’schen These vom Penisneid konfrontiert, nach der vielen Menschen zeit ihres Lebens etwas fehlt. Ich glaube, dass der Penisneid ein Ablenkungsmanöver ist. Dass sich dahinter die Angst verbirgt, dass, wenn jemand den Penis erlangen kann, wer anders ihn auch verlieren kann. Wie sähe eine Welt aus, in der jeder einen Penis besit…

Evan Tepest

Evan Tepest lebt als Autor in Berlin. 2024 erschien sein erster Roman „Schreib den Namen deiner Mutter“, 2023 erschien Essayband „Power Bottom“. Seine Texte sind außerdem in Anthologien und Zeitschriften erschienen, zuletzt in „Delfi. Zeitschriftfür neue Literatur“. Tepest ist Kolumnist für das Missy Magazine und ist im Wintersemester 24/25 Dozent für Essayistik am Deutschen Literaturinstitut Leipzig.