Literaturtipps 01/25
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Wenn nachts die Kampfhunde spazieren gehen
Von außen betrachtet sind die Richters eine Bilderbuchfamilie: Vater, Mutter und zwei Töchter, in mittlerem Wohlstand in einem Häuschen in Bielefeld lebend. Die Abgründe, die sich hinter der vermeintlichen Idylle verbergen, offenbaren sich subtil. Drehbuchautorin und Schauspielerin Anna Brüggemann schreibt in ihrem zweiten Roman „Wenn nachts die Kampfhunde spazieren gehen“ mit großem Einfühlungsvermögen und genauem Blick. Schon auf der ersten Seite wird klar, welche der Töchter Mutter Reginas Liebling ist – diejenige nämlich, die ihr am meisten ähnelt. Trotz Reginas persönlicher Unzulänglichkeiten wird sie in Brüggemanns feiner Figurenpsychologie nicht als Monster gezeichnet, sondern als Narzisstin, die aber das Beste für ihre Tochter will. Eine von vielen unauflösbaren Diskrepanzen des „ganz normalen Lebens“, das in diesem Roman immer wieder Risse bekommt. Der sanfte Vater verblasst an der Seite seiner glamourösen, stets bestens informierten Ehefrau, die sich einerseits über das traditionelle Familienmodell lustig macht, gleichzeitig aber genau diese bürgerliche Fassade aufrechterhalten will. Beide Töchter, auch die bevorzugte, entwickeln Symptome, die das Wunschpanorama der Mutter empfindlich stören. Weder Magersucht noch Leistungsverweigerung hatte Regina für beide vorgesehen, die doch ihre unerfüllten Träume leben und verwirklichen sollten – was sie am Ende auch tun, nur ganz anders als geplant. Christina Mohr
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Anna Brüggemann „Wenn nachts die Kampfhunde spazieren gehen“ ( Ullstein, 384 S., 22,99 Euro )

Chaos
Wie fühlt es sich an, in einer Welt zu leben, die vermeintliche „Andersartigkeit“ ablehnt? Die uns in Formen drängt, die nicht zu uns passen? Yassamin-Sophia Boussaoud sucht in deren Debüt „Chaos“ nach Antworten auf diese Frage. Geschildert wird ein Leben, das von kulturellen Spannungen und inneren Kämpfen geprägt ist: Als Kind eines tunesischen Vaters und einer deutschen Mutter wächst Boussaoud in Prien am Chiemsee auf. Schon früh sind die Einflüsse beider Kulturen ein wichtiges Thema; die gesellschaftlichen Erwartungen werden zu einem Käfig. Teenager-Elternschaft, der Hass auf den Körper, der von der Familie eingeimpft wird, und ein noch nicht ausgehandeltes Verhältnis zur Heimat des eigenen Vaters. Boussaoud schreibt sehr persönlich, lässt die Lesenden an deren Gefühlswelt teilhaben, dreht sich buchstäblich auf links. Das erfordert Mut. Die Gedankengänge im Buch springen: Der chaotische Stil entspricht dem dem Titel, darauf muss man sich einlassen. Beeindruckend ist vor allem die Offenheit, mit der Boussaoud deren Erfahrungen teilt und das Buch regt zum Nachdenken an. Miriam Amro
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Yassamin-Sophia Boussaoud „Chaos. Von Gefühlen und anderen Menschlichkeiten“ ( Haymon, 208 S., 22,90 Euro )

Umlaufbahnen
In Samantha Harveys fünftem Roman „Umlaufbahnen“ begleiten wir sechs Raumfahrer*innen neunzig Tage lang auf einer internationalen Raumstation – wo Urin zu Trinkwasser umgewandelt wird und zwei Stunden Sport pro Tag Pflicht sind, um in der Schwerelosigkeit Muskelschwund zu verhindern. Diese Einblicke hat die englische Autorin teils bei der NASA und ESA erfragt, teils während COVID-Lockdowns selbst recherchiert, wie sie im Interview mit dem „Guardian“ sagte: „Es war ein enormer Trost für mich, jeden Tag im Geiste virtuell ins Weltall reisen zu können.“ Mit einem Philosophie-PhD in der Tasche erweitert sie unseren Horizont auch in existenzieller Hinsicht: Wer in 24 Stunden 16-mal die Erde umkreist (das sind 16 Sonnenauf- und untergänge!), wer oben nicht mehr von unten, links nicht mehr von rechts unterscheiden kann, entwickelt ein völlig neues Gefühl für Raum und Zeit. Alles, was bisher als selbstverständlich galt, wird plötzlich fundamental infrage gestellt. Ohne dogmatisch zu sein, reflektiert Harvey über Wissbegierde, Machthunger und moralische Dilemmata – etwa den Tod einer Angehörigen, während man im All festsitzt. Der mit dem Booker und Hawthornden Prize ausgezeichnete Roman weckt Entdeckerlust, sich im Denken und Fühlen außerhalb der gewohnten Bahnen zu bewegen und sich im Geiste in den Orbit zu begeben. Sci-Fi-Eskapismus mit Tiefgang. Carina Scherer
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Samantha Harvey „Umlaufbahnen“ ( Aus dem Englischen von Julia Wolf. dtv, 224 S., 22 Euro )

Du musst das alles NICHT …
Von Jugendlichen, die als Mädchen gelesen werden oder sich als solche identifizieren, wird eine Menge erwartet: sich die Beine rasieren, schlank sein, Blowjobs geben, penetrativen Sex haben, hetero sein und vieles mehr. In letzter Konsequenz mitunter also: leiden. Die feministische Autorin und Filmemacherin Ovidie und die Illustratorin und feministische Aktivistin Diglee drehen den Spieß nun um. Mit ihrem Buch für diese junge Zielgruppe machen sie deutlich: „Du musst das alles NICHT“! Ihr Ratgeber ist direkt und umfassend, beinhaltet neben Cisgeschlechtlichkeit und Heteronormativität entsprechend auch Trans- und Intergeschlechtlichkeit, homo- und bisexuelles Begehren und vermittelt Themen wie Konsens, Selbstbestimmung und Solidarität. Die Comics, teils angelehnt an Charaktere aus der Serie „Sex Education“, sind divers, bunt und empowernd. Leider wirkt das Layout des Buches abseits der Illustrationen eher lieblos. Die große Textlastigkeit mit teils hochschwelligen Formulierungen und Hinweisen auf wissenschaftliche Kontexte wird vermutlich nicht alle Jugendlichen ansprechen. Auch die Übertragung des französischen Kontexts ins Deutsche gelingt nicht immer. Trotzdem werden sich einige weiblich gelesene Jugendliche darin wiederfinden können – und möglicherweise dankbar sein für eine empowernde Haltung, die sie darin bestärkt, Grenzen zu setzen. Laura Schiemann
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Ovidie & Diglee „Du musst das alles NICHT … “ ( Aus dem Französischen von Marie-Theres Cermann. Orlanda, 101 S., 18 Euro )

Ein Nachmittag im Mai
Was auf den ersten Seiten wie der x-te schnulzige hetero Liebesroman anmutet, täuscht. Hetero bleibt es, aber der erstmals ins Deutsche übersetzte Debütroman „Ein Nachmittag im Mai“ (1975) der walisischen Autorin Siân James hält einiges an Überraschungen parat. Protagonistin Anna – 36 Jahre alt, drei Töchter, verwitwet, wohlsituiert – verliebt sich Hals über Kopf in den deutlich jüngeren Schauspieler Charly, der ordentlich Trubel in ihr Familienleben bringt. Aus Annas Perspektive erzählt, bekommen die Leser*innen Einblicke in die Gedanken und Erinnerungen einer Frau, die auf bestimmte und teilweise sehr humorvolle Art mit den gesellschaftlichen Normen ihrer Zeit, dem ländlichen Wales der 1970er-Jahre, bricht. Während die männlichen Figuren auf unterschiedliche Weise durchaus typische Männlichkeitsbilder reproduzieren – sei es durch Unzuverlässigkeit, Aufdringlichkeit oder Betrug –, lässt sich Anna nicht aus der Ruhe bringen. Sie priorisiert sich selbst, ihre Bedürfnisse und die ihrer Töchter. Sie lebt ihr Leben, wie sie es für richtig hält, und erntet dafür auch Widerspruch, z. B. von ihrer Haushälterin Mrs Lamb. James’ Roman erzählt von weiblicher Unabhängigkeit, Solidarität zwischen Frauen und dem Verliebtsein – auf eine unaufgeregte, aber leidenschaftliche und gleichzeitig realistische Art und Weise. Tamina Rössger
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Siân James „Ein Nachmittag im Mai“ ( Aus dem Englischen von Sabine Längsfeld. Rowohlt, 288 S., 15 Euro )

Zusammensein
„Dieses Buch ist eines, das ich gebraucht hätte, als ich Mutter und zur Verbündeten meines Kindes wurde.“ Das schreibt Hadija Haruna-Oelker, Schwarze Politologin und Journalistin, in ihrem neuen Buch „Zusammensein“. Sie erzählt darin vom Leben mit ihrem behinderten Kind, von Diskriminierungen, leeren Inklusionsversprechen, von Spielplätzen voller Barrieren und davon, wie sich ableistische und rassistische Ausgrenzungen überschneiden. Das Buch ist sehr persönlich und gleichzeitig eine politische Bestandsaufnahme. Ein Kapitel widmet sich dem Massenmord an behinderten und kranken Menschen in NS-Deutschland und eines dem menschenverachtenden Sozialdarwinismus, der mit Leuten wie Björn Höcke eine Renaissance erlebt. Haruna-Oelker zeigt aber auch, dass es ableistische Gewalt nicht nur weit rechts, sondern fast überall gibt. Sie erzählt andererseits von Selbstbehauptung und Gegenbewegungen, davon, wie „Krüppel“ in den 1980er-Jahren zum Widerstandsbegriff wurde, sie berichtet von Disability Studies, von Bündnissen Schwarzer Menschen mit Behinderung und vielen anderen Kämpfen. „Zusammensein“ zeigt und analysiert krasse Missstände. Und es stellt ein Denken und Handeln vor, das von Unterschieden nicht überfordert ist, sondern sie als integralen Bestandteil jeden Zusammenseins begreift. Da ist nur folgerichtig, dass jedes Kapitel auch eine Zusammenfassung in Einfacher Sprache hat. Sabine Rohlf
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Hadija Haruna-Oelker „Zusammensein. Plädoyer für eine Gesellschaft der Gegenseitigkeit“ ( btb, 411 S., 25 Euro )

Kassandra in Mogadischu
Der autofiktionale Roman „Kassandra in Mogadischu“ der italienisch-somalischen Schriftstellerin Igiaba Scego erzählt die Biografie ihrer eigenen Familie. Die Ich-Erzählerin wohnt in Rom und schreibt einen Brief an ihre in Kanada lebende Nichte. Wie eine Chronistin erzählt sie ihr collagenartig, wie es für sie war, als Teenagerin in Italien aufzuwachsen und miterleben zu müssen, wie die Mutter für zwei Jahre in Somalia verschwindet, wo der Bürgerkrieg wütet, und wie sich diese Sorgen in ihrem Körper als Essstörung bahnbrechen. Es ist eine Familiengeschichte durchsetzt von Gewalterfahrungen, eng verwoben mit der Geschichte Somalias, die von Kolonialisierung, Diaspora, Diktatur und Krieg geprägt ist. Wie sich das vor allem auf weibliche Körper niederschlägt, beschreibt Scego ungeschönt und in teils drastischen Bildern. Das ist nicht immer leicht zu lesen, aber umso eindringlicher. „Kassandra in Mogadischu“ ist auch die Suche nach einer durch Migration geraubten Identität: Ihre Mutter etwa, in Somalia die Frau eines Politikers, eine Art First Lady, muss in Rom putzen gehen. Gleichzeitig ist es die Erzählung einer Familie, die über Tausende Kilometer hinweg zusammenhält und sich Hoffnung gibt. Scegos Stimme ist literarisch spannend und bietet gerade im postfaschistisch regierten Italien eine wichtige Perspektive – ein Blick auf Italiens Kolonialgeschichte und die Diskriminierungen von heute. Tamara Marszalkowski
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Igiaba Scego „Kassandra in Mogadischu“ ( Aus dem Italienischen von Verena von Koskull. S. Fischer, 416 S., 26 Euro )

Die bärtige Frau
Alex, Anfang dreißig, besucht in der bayrischen Provinz ihre Mutter, die sich ein Bein gebrochen hat. Sie ist das erste Mal getrennt von ihrer einjährigen Tochter Paula, hat gerade abgestillt; der Vater Oliver ist vier Tage mit ihr allein. Alex nimmt den Ort ihrer Kindheit, um sich, ihren Körper und die Rolle als Mutter zu reflektieren. Neben wegen Milchstau schmerzenden Brüsten begleitet sie auch ein fast körperlicher Schmerz durch die Trennung von ihrer Tochter. Wollte sie nicht eigentlich immer unabhängig sein? In ihrem dritten Roman „Die bärtige Frau“ traut sich Bettina Wilpert, unangenehme Wahrheiten auszusprechen: über die Schwangerschaft, die Geburt, das Stillen und die Zeit danach. Die Intimität zwischen zwei Lebewesen, das Gefühl, beim Stillen nur noch Körper zu sein, die Einsamkeit als junge Mutter, die ihre neue Rolle kennenlernen muss. Offen und schonungslos seziert sie Mutterschaft, Sexualität und Weiblichkeit. Auch wird offenbart, dass sich die Beziehung zwischen den ungleichen Schwestern Lena und Alex seit der Geburt von Paula verändert hat. Allein Oliver als Vaterfigur bleibt etwas blass, zeigt jedoch eine Stärke, die Alex dringend benötigt. Ein Roman über Mutterschaft aus einer sehr persönlichen Perspektive, die niemals vergisst, in welcher Gesellschaft wir uns bewegen. Julia Tautz
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Bettina Wilpert „Die bärtige Frau“ ( Verbrecher Verlag, 190 S., 22 Euro )

Shanghai Story
Shanghai, 2048: Eko und ihre Töchter warten auf einen Flug nach Boston. Während Yumi und Yoko Lippenstifte ausprobieren, denkt Eko über ihre eigene Jugend nach. Sie konnte sich damals nicht einfach kaufen, was sie wollte – aber vielleicht ist es gut, dass ihre Kinder das können? Auch Ekos Mann Leo sinniert über seine Familie. Nachdem er die drei zum Flughafen gebracht hat, fährt er mit der Bahn nach Hause zu Kiko, der jüngsten seiner drei Töchter. Seine Gedanken schweifen ab: Wie es wohl wäre, würde er mit der jungen Frau, die ihm gegenübersitzt, einen Neuanfang wagen? Diese Frage bleibt, wie so manches in Juli Mins „Shanghai Story“, eine melancholische Tagträumerei. Die fünf Shanghaier*innen leben zwar in materiellem Reichtum – und zwischen Paris, Shanghai und Boston –, doch sie entkommen weder dem Wahnsinn noch der Langeweile einer bürgerlichen Kleinfamilie. Während der Roman zwischen Orten und Perspektiven wechselt, erfahren wir immer mehr über die Sehnsüchte und Verletzungen der Protagonist*innen – aber nicht, wie es in ihrem Leben weitergeht. Denn für ihren Debütroman hat Juli Min eine ungewöhnliche Art des episodischen Rückwärtserzählens gewählt: „Shanghai Story“ beginnt 2048 und endet 2014. Eine Leseerfahrung, die so bereichernd wie berührend ist – und eine Tiefe birgt, die erst einsickert, wenn das Buch wieder zugeklappt ist. Merle Groneweg
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Juli Min „Shanghai Story“ ( Aus dem Englischen von Jan Schönherr. Eichborn, 288 S., 25 Euro )

Drift
Es gibt Bücher, bei denen fällt es leicht, den Inhalt in wenigen Sätzen zusammenzufassen. Und dann gibt es Werke wie Kate Zambrenos „Drift“, die vor allem von philosophischen Überlegungen, der Sprache, einem Vibe leben. Was die Ich-Erzählerin in diesem autofiktionalen Romanessay macht, ist genau das, was der Titel verrät, sich driften, also treiben lassen. Nicht nur durch die Straßen von New York City, sondern auch durch die Gedanken, die Gegenwart. „Wie leicht einem die Tage entwischen (…) wie schwer ist zuweilen der Versuch, sie zu durchdringen“, notiert sie an einem kühlen Herbstnachmittag, und das beschreibt ihre Motivation vielleicht am besten. „Drift“ lebt von Zambrenos genauen Beobachtungen ihrer Umgebung, ihrer Vorliebe für das Unfertige und Ungewisse, der hypnotischen Wiederholung und ihrer Reflexion darüber, was Autor*innenschaft und Schreiben überhaupt bedeutet. Später dann, als sie schwanger wird, schließen diese Reflexionen auch Mutterschaft ein. Ähnlich wie etwa Maggie Nelson und Olivia Laing arbeitet Zambreno stark intertextuell, bezieht sich immer wieder auf andere Künstler*innen, allen voran Rainer Maria Rilke. Auf der Länge von 320 Seiten nutzt sich diese eigentlich poetische Form der Repetition allerdings etwas ab, wird auf Dauer ein wenig monoton. Trotzdem ist es schön, dass der AKI-Verlag nach „Mutter“ jetzt schon das zweite Essaybuch dieser hochinteressanten Autorin ins Deutsche übertragen hat. Isabella Caldart
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Kate Zambreno „Drift“ ( Aus dem Englischen von Dorothee Elmiger. AKI-Verlag, 320 S., 26 Euro )

Körper aus Licht
Die überraschende Facebook-Nachricht eines Mannes, der auf der Suche nach einer Frau aus Maggies ferner Vergangenheit ist, lässt die Ich-Erzählerin im Roman „Körper aus Licht“ auf ihr Leben zurückblicken. Ihre Kindheit ist gezeichnet von drogensüchtigen Eltern, die sie früh verliert, von einer Reihe an Pflegefamilien, Wohngruppen und Heimen und durch einen Mangel an Stabilität und Vorbildern. Maggie erfährt schon früh sexualisierten Missbrauch durch Männer, denen sie theoretisch vertrauen sollte. Trotz aller Widrigkeiten schafft sie es, ihren Schulabschluss zu machen und ein Studium zu beginnen. Doch auf alles Gute in ihrem Leben folgt wieder und wieder etwas Schreckliches. Wie viel Leid kann ein Mensch ertragen, fragt man sich. Die australische Schriftstellerin Jennifer Down lässt ihre Protagonistin überleben, indem sie immer wieder aus ihrem Leben flüchtet und neue Identitäten annimmt. Dabei geht sie der Frage nach, was eine Person braucht, um sich ein neues Leben zu erschaffen, und was sexualisierte Gewalt, Vernachlässigung, Verlust, Drogen- und Medikamentenmissbrauch mit einem Menschen machen und wie sie ihn formen. Es ist aufgrund des vielen Leids keine leichte Lektüre, aber eine, die die Leser*innen noch lange über Maggie und die Vielzahl der enthaltenen Themen und Fragen nachdenken lässt … und eine, bei der man sich sehnlich ein Happy End für Maggie wünscht. Nicole Hoffmann
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Jennifer Down „Körper aus Licht“ ( Aus dem Englischen von Claudia Voit. Ullstein, 544 S., 24,99 Euro )

Missbrauch, Macht & Medien
Im Oktober 2021 wurde der Name Juliane Löffler über Nacht deutschlandbekannt: Zusammen mit drei Kolleg*innen hatte die auf queere und feministische Themen spezialisierte Journalistin der Ippen-Gruppe zu Vorwürfen wegen Machtmissbrauchs gegen den damaligen „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt recherchiert. Unmittelbar vor der Veröffentlichung dieser Recherchen wurde sie vom Verleger Dirk Ippen verhindert; der Text fand schließlich im „Spiegel“ ein Zuhause. In ihrem Buch „Missbrauch, Macht & Medien“ zeichnet Löffler nun diese Zeit nach. Sie geht aber auch darüber hinaus und erläutert viele weitere interessante Fragen: Wie finden Journalist*innen überhaupt MeToo-Themen? Wie geht man mit den mutmaßlichen Opfern um, wie konfrontiert man mutmaßliche Täter*innen? Welche ethischen, journalistischen und juristischen Standards müssen dabei bedacht werden? Und wie kommt es, dass nur wenige der Beschuldigungen überhaupt veröffentlicht werden können? Phasenweise dürfte das Buch für diejenigen, die sich mit dem Thema MeToo generell auskennen, wenig Neues erzählen. Der Großteil aber ist ein faszinierender Blick hinter die Kulissen, der den Leser*innen aufschlussreich vermittelt, warum es so wichtig ist, die Namen von prominenten Täter*innen zu benennen, wie die Arbeit von Journalist*innen und deutschen Medien funktioniert und an welchen Stellen ihnen die Hände gebunden sind. Isabella Caldart
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Juliane Löffler „Missbrauch, Macht & Medien. Was #MeToo in Deutschland verändert hat“ ( DVA, 272 S., 23 Euro )
Diese Texte erschienen zuerst in Missy 01/25.