Manchmal scheint es so, als hätten wir vergessen, wie sich „Normalität“ anfühlt. Zu den weltweiten Krisen, die alle betreffen – wie Pandemie, Klimakatastrophe, Inflation, Kriege, faschistische Regierungen –, kommen für uns verlagsinterne dazu: Das Geld ist knapp, die Löhne sind beschissen, Kolleg*innen verlassen uns – die Krisen überlappen und überlagern sich.

Und mittendrin: wir, das kleine Team des Missy Magazine mit unserem unabhängigen  eministischen Verlag. Ein politisches Projekt, das sich nicht rausziehen kann und es auch nicht will. Im Zentrum steht unser Magazin, das sich seit 17 Jahren für die Sichtbarkeit und die Rechte marginalisierter Gruppen einsetzt.
Eine Kollegin sagt zu mir bei einem Kaffee, den wir in den ersten Sonnenstrahlen im sonst so grauen Berlin zusammen trinken, dass sich ihre letzten zwei Jahre bei Missy anfühlten wie eine dauerhafte Notlage. Ich bin jetzt sechs dabei, für mich sind es dreimal so viele Jahre dieses Gefühls. Ich kann, mit unterhaltsamer Ironie, aus jedem Missy-Jahr eine signifikante, anstrengende und bedrohliche Krisenstory abrufen. Je nach Kontext erzähle ich sie als softere Dinner-Unterhaltungsshow oder als Real Talk darüber, wie tough es ist, unabhängigen feministischen und linken Journalismus zu erhalten. Was wir alle persönlich dafür opfern. Ich frage mich oft, wie man handlungsfähig bleibt, wenn alle ständig am Limit sind? Und was ist daran bitte schön feministisch? Was ich gelernt habe: Durchhalten allein reicht nicht. Widerstandsfähigkeit ist auch ein hübsches Buzzword für Selbstausbeutung.

Wie wir der Krise als feministisches Unternehmen begegnen: mit Care. Care heißt nicht, dass jede*r bei Missy immer das bekommt, was sie*er*dey sich wünscht. Aber es heißt: sich gegenseitig daran zu erinnern, dass es einerseits extrem wichtig ist, was wir hier machen, und gleichzeitig auch nur Lohnarbeit. Sich gegenseitig zu empowern, sich krankschreiben zu lassen oder auch länger freizunehmen, wenn es mental sein muss. Gemeinsam Spaß zu haben, Konflikte anzugehen und vorhandene Skills zu teilen, anstatt miteinander in Konkurrenz zu stehen. Unser Journalismus ist uns wichtig; das Heft, das du in den Händen hältst, ist unsere Leidenschaft und für jede*n von uns ein politischer Auftrag, aber wichtiger sind am Ende die Kolleg*innen, das Team. Wir erlauben uns, wütend zu sein, müde oder auch mal überfordert – ohne dass wir das als Schwäche verstehen.

In meinem Posteingang landen konstant Anfragen, in denen das Politische, das Feministische, das Unbequeme unserer Arbeit gelobt wird. Gleichzeitig ist da der Druck, dass wir liefern müssen, um sichtbar zu bleiben, dass wir Haltung zeigen müssen in einer extrem komplexen Gegenwart. Dabei müssen wir möglichst effizient funktionieren, um aus unseren knappen Ressourcen das Maximum rauszuholen. Unsere Abozahlen sind trotzdem rückläufig, denn auch ihr, unsere Leser*innen, seid von Krisen betroffen und habt weniger Geld. Es gibt keine Blaupause für das Arbeiten in der Dauerkrise. Es gibt nur das ständige Aushandeln: von Tempo, von Verantwortung, von Kapazitäten und von Solidarität untereinander. Und die Erkenntnis, dass dieses Weitermachen nicht immer bedeutet, alles zu schaffen. Sondern: das Richtige zu tun, mit den Mitteln, die da sind. Denn wir wissen, dass selbst die kleinsten Schritte Richtung Gerechtigkeit Kraft kosten – aber auch welche geben können. Dafür sind wir hier, gemeinsam mit euch! Wir arbeiten weiter. Nicht, obwohl alles Krise ist. Sondern gerade deswegen: jetzt Missy-Abo abschließen oder verschenken!

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/25.