Comictipps 04/25
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Am Anfang ist ein Strich
Die 1957 in Japan geborene Zeichnerin Fumiko Takano ist eine der ersten weiblichen Manga-Zeichner*innen. Mit ihrem leichten, teilweise offenen Strich hat sie das Genre bis heute stilistisch geprägt. Die Sammlung „Am Anfang ist ein Strich“ enthält sechs Kurzgeschichten aus den Jahren 1987 bis 1994. Sie bilden den unkonventionellen Erzählstil Takanos ab, die mit Perspektiven, fantastischen Elementen und skurrilen Details spielt. Der Band führt durch verschiedenste Wirklichkeiten in japanischen Settings: die einer Frau eines Fabrikarbeiters, eines Kindes im Krankenhaus und winziger Fantasiewesen der japanischen Folklore. Der minimalistische Federstrich erinnert stellenweise an 50er-Jahre-Illustration. In der titelgebenden Story fragt ein Cyborg-Wesen den Protagonisten nach seiner Erinnerung an Auberginen, die er vor 25 Jahren gegessen haben soll. Der absurde Dialog gleicht der kaum nachvollziehbaren Erzählung eines Traums voller verwirrender Details. Das detaillierte Nachwort hilft beim Verstehen von Fumiko Takanos gezeichneter Poesie. Amelie Persson
Fumiko Takano „Am Anfang ist ein Strich“ ( Aus dem Japanischen von Nora Bierich. Reprodukt, 208 S., 20 Euro )

Unruhe
Auf einmal ist da dieses Loch. Mitten im Bergdorf Ruhe klafft es, endlos tief und schwarz. Niemand weiß, wie es da hingekommen ist. Alle sind in Aufruhr, versuchen sich vor mysteriösem „Tiefenstaub“ zu schützen und zerstreiten sich. Aus dem abgeschiedenen, beschaulichen Örtchen Ruhe, das nur durch eine steile Seilbahn zu erreichen ist, wird auf einmal „Unruhe“. So heißt die Abschlussarbeit von Sarah Hübner für die Hochschule Wismar, die der Jaja Verlag nun als Graphic Novel veröffentlicht. Mit dynamischem, grauschwarzem Strich, der zwischen skizzenhaften Interaktionen und detailreichen Dorf- und Naturansichten wechselt, beschreibt Hübner das Entstehen von Verschwörungstheorien, Angstmache und gesellschaftlicher Spaltung in einem ländlichen Mikrokosmos. Auch wenn die Suche nach dem „Brandstifter“ durch die unkorrumpierte, kritische Postbotin aus dem Tal dabei mitunter ein wenig schematisch gerät, funktioniert der Comic doch als simultan heutiges und zeitloses, schaurig schönes (Anti-)Märchen. Sonja Eismann
Sarah Hübner „Unruhe“ ( Jaja Verlag, 304 S., 24 Euro )
Diese Texte erschienen zuerst in Missy 04/25.