Hallo, ich bin eine von euch
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Blicke bohren sich in meinen Rücken. Sie sezieren meinen Körper und versuchen, mich zuzuordnen. Bin ich für sie fremd, exotisch, aus einer fernen Galaxie?
Alienation, zu Deutsch Entfremdung, ist der Begriff, unter dem Forscher*innen meine Gefühle zusammenfassen. Für die Mehrheit ein weiterer akademischer Begriff, mit dem in „woken Räumen“ um sich geworfen wird. Für mich der Alltag, über den sich ein Schleier aus Angst legt. Kann ich ihr überhaupt entkommen? Manchmal ist sie mir näher, als ich es mir selbst bin. Eine treue Begleiterin, die mir folgt, wenn ich irgendwo neu bin. Die sich zu mir setzt, wenn ich abends heimfahre. Manchmal legt sie sich
sogar zu mir ins Bett. Dann wird sie zu Albträumen. Sobald der Sternenhimmel aufzieht, sehe ich Bilder von Polizeigewalt. Von Schlägen auf Demos. Von Schüssen in die Rücken von Menschen, die aussehen wie ich. Den Gesichtern, die keine Chance mehr auf Träume haben. Sie ähneln denen meiner Geschwister.
Vielen, ja sogar meinen Freund*innen, scheint diese Angst fremd. Ob ein Ort zum Angstraum oder Safer Space wird, ändert sich mit den Erfahrungen, die wir machen.
Auch heute. Es ist Juni und die Sommersonnenwende läutet die neue Jahreszeit ein. Ich bin mit Freund*innen abends im Park verabredet und packe meine Tasche. Obwohl ich schon spät dran bin, überlege ich drei Mal, ob ich noch mein Pfefferspray einpacken sollte. Als Frau bietet es mir Sicherheit und Schutz. Als Schwarze Person sorge ich mich, dass es mir bei einer Polizeikontrolle zum Verhängnis wird. Ich denke an Lorenz. Er wurde im Mai dieses Jahres in Oldenburg von einem Polizisten ermordet, nachdem er ein Pfefferspray benutzte. D…