Deepfakes gegen Hypersexualisierung
Von
Interview: Charmaine Poh

Wie hast du zur Schauspielerei gefunden?
Das kam für alle in meiner chinesischstämmigen Großfamilie überraschend, denn ich war ein eher introvertiertes Kind. Ich habe viel Zeit damit verbracht, Bücher zu lesen, fernzusehen, mir Welten auszudenken, und ich vermute, damit hat alles angefangen. Als ich etwa neun Jahre alt war, hat mich meine Mutter für einen Theaterkurs angemeldet – weil sie meinte, ich hätte mit dem Spiegel gesprochen! Sie war etwas besorgt und wollte mir die Möglichkeit geben, mich anderen Menschen gegenüber auszudrücken. Mit zwölf Jahren habe ich dann eine Kinderdetektivin in einer singapurischen Sonntagmorgenserie gespielt.
Diese Erfahrung thematisierst du in deiner Videoarbeit „Good Morning Young Body“, in der du mit einem Avatar von dir als Zwölfjährige die Sexismen und den Hass, die damals völlig ungefiltert im Internet auf dich niedergingen, analysierst. Wie hast du diese Zeit empfunden?
Damals war ich mitten in der Pubertät, wo alle Emotionen und Reaktionen ohnehin exponentiell größer sind. Ich glaube, dass die öffentliche Wahrnehmung meiner Person, meines Körpers und meines Aussehens für mich verheerend war. Die Aufmerksamkeit, die mir auf einmal zuteilwurde, war extrem verwirrend. Was ich am Schauspielern geliebt habe, war nicht, dass ich im Fernsehen zu sehen war, sondern dass ich jemand anders sein, mich verwandeln konnte. Aber dabei hatte ich übersehen, dass es ja immer noch mein Körper war, den die Leute sahen und beurteilten.
Dein Körper wurde sozusagen, wie du es in deinem Video, u. a. auch in Bezug auf den damaligen Umgang mit Britney Spears, ausdrückst, in Form von Bildern und Pixeln von der Öffentlichkeit konsumiert, verschlungen?
Ja, genau das war das Problem – und ist es auch heute noch. Meine Figur war ein smarter Bücherwurm. Und wurde trotzdem sexualisiert. Es geht um so viel mehr als die reine Darstellung einer Teenagerin in einer TV-Serie, es geht auch um das Außerhalb: Wie dein Körper vermarktet wird, was du anziehen und wie du posieren sollst …
Waren die Diskussionen um die pseudoironischen Sexismen der 2000er-Jahre, die wir seit einigen Jahren endlich führen, für dich ein Anlass, dich noch einmal mit deiner Rolle in der Kinderserie zu beschäftigen?
Es sind viele Dinge gleichzeitig passiert, z. B. wurde es einfacher, Deepfakes zu erstellen. Ich habe auch Zugang zu all meinen alten Aufnahmen bekommen, weil während der Pandemie alle Archive des Fernsehsenders online gestellt wurden und kostenlos gestreamt werden konnten. Auf einmal kam alles zusammen, und ich entwarf das Skript für das Video an nur einem Tag.
Wie hat sich das für dich angefühlt, noch mal in diese Zeit zurückzukehren?
Ich war nicht in erster Linie wütend oder verletzt. Am liebsten hätte ich dieses junge Mädchen einfach umarmt und ihr gesagt: „Sei nicht so hart zu dir. Es ist okay.“
Konntest du die Internetkommentare über dich aus der Zeit, um die es im Video geht, noch ansehen?
Ein paar. Viele waren schon gelöscht, und damals hat man ja noch nicht daran gedacht, Screenshots von allem zu machen. Aber ich war ja nicht die Einzige, ich war nur eine von vielen. Diese Art der sexualisierenden, degradierenden Kommentare gibt es noch immer, nur eben heute über andere junge Menschen.
Wie bist du technisch vorgegangen, um dich noch einmal in dein jüngeres Selbst zu verwandeln?
Ich habe einen Deepfake von mir als Teenager erstellt. Das ist im Grunde genommen eine Art Haut, die man sich digital überstreifen kann. Man braucht dafür nur ein Archiv mit Filmmaterial dieser Person aus den verschiedensten Blickwinkeln. Dann verwendet man KI, um Teile dieses Archivs zusammenzufügen und ein Bewegtbild zu erzeugen. Das ist mittlerweile gefährlich einfach.
Hat es nicht auch etwas Verstörendes, damit eine jüngere Version des Selbst wieder betrachten zu können? Zumal aus einer Zeit, in der, wie dein Avatar im Video sagt, Leute öffentlich deine pubertäre Brust für zu klein befanden oder urteilten, dein Kopf sehe aus wie eine Erdnuss …
Ich denke, das Besondere für mich ist, dass das Projekt es den Betrachter*innen nicht leicht macht. Denn dieser digitale Körper ist sowohl Vergangenheit als auch Zukunft, jung und alt, unsterblich und sterblich. Andererseits ist allgemein bekannt, dass das Medium des Deepfake tatsächlich missbraucht wird, z. B. in Deepfake-Pornografie ohne Zustimmung der Abgebildeten. Genau das hat mein Interesse geweckt, weil die ursprüngliche Verletzung meiner Figur dadurch nie vollständig aufgelöst werden kann, weil der Kontext des Mediums selbst so gewalttätig ist.
„Good Morning Young Body“ hat eine sehr nüchterne Y2K-Desktop-Ästhetik, dein Video über queere Elternschaft in Singapur hingegen – „What’s Softest In The World Rushes And Runs Over What’s Hardest In The World“ – ist, wie der Titel schon sagt, unglaublich sanft und visuell ansprechend. Hattest du keine Sorge, die darin dargestellten Kämpfe der lesbischen Protagonistinnen mit Bildern von kleinen Schnecken und Babyhänden zu ästhetisieren?
Nein, es war genau meine Strategie, einen möglichst „makellosen“ Film zu produzieren. Denn in Singapur darf queere Liebe auf öffentlich zugänglichen Kanälen nicht als etwas Positives dargestellt werden. Es gibt dafür sogar verbindliche, einsehbare Richtlinien. Also wurde mein Film, in dem queere Paare über ihren Weg vom Kinderwunsch zur Elternschaft und die damit verbundenen Probleme und Ängste sprechen, so unskandalös wie möglich: Keine Nacktheit, keine Schimpfwörter, nicht einmal Gesichter sind zu sehen. Trotzdem bekam er erst eine Altersfreigabe ab 21, was bedeutet hat, dass ich ihn nicht wie geplant in einer Galerie zeigen konnte. Also habe ich statt des Filmes einfach ein graues Rechteck gezeigt und dann ein privates Screening organisiert.
In deiner neuesten Videoarbeit „The Moon Is Wet“ geht es auch wieder um weibliche Selbstbestimmung. Im Kontext der komplexen Beziehung zwischen der heute dominanten chinesischstämmigen, der indigenen und der migrantischen Bevölkerung geht es um matriarchale Traditionen. Warum gehst du nun noch weiter in die Vergangenheit zurück?
Eine der drei Figuren stammt aus einer Gruppe südchinesischer Arbeitsmigrantinnen, die seit Beginn des 20. Jahrhunderts als Care-Workerinnen nach Singapur kamen und Keuschheitsgelübde ablegten, um sich nur um die Arbeit und umeinander zu kümmern. Ab den 1970er-Jahren wurden sie durch Frauen aus Südostasien ersetzt, was im Film durch eine zeitgenössische Hausangestellte aus Indonesien dargestellt wird. Das sind Entwicklungen, die mich sehr interessieren – vor allem im Rahmen der in Singapur wirkmächtigen techno-orientalistischen Konzepte, wo einerseits ein technologiegetriebener Neoliberalismus, andererseits aber auch die konservative Vorstellung von der hetero Familie mit den den Eltern auf ewig treu ergebenen Kindern als Fundamente der Gesellschaft gesehen werden.
Charmaine Poh „Make A Travel Deep Of Your Inside, And Don’t Forget Me To Take“ – Bis 23.02.2026, Palais Populaire, Berlin, palaispopulaire.db.com
Dieser Text erschien zuerst in Missy 05/25.