Die Rückkehr von Size Zero
Von
Von Luise Gonca Demirden

Es ist 2018 und ich sitze in einer Arztpraxis. Während ich warte, blättere ich durch die Magazine, die neben mir auf einem kleinen Tisch liegen. Ich schlage eine Doppelseite auf, auf der ein Model porträtiert wird. Erschrocken klappe ich die Doppelseite sofort wieder zu und sehe mich um. Als ich sicher bin, dass niemand über meine Schulter guckt, schlage ich sie wieder auf und starre auf die Seiten. Ein fettes Model in Unterwäsche und sexy Posen. Ich bin völlig verwirrt. Was ich sehe, ist mir peinlich, aber gleichzeitig bin ich auch fasziniert. Ich lese das Interview so schnell, als könnte es jeden Moment wieder verschwinden.
Das war der Beginn meiner politischen Auseinandersetzung mit meinem fetten Körper. Ausgerechnet im
Wartezimmer einer Arztpraxis und ausgerechnet mit einem Modemagazin.
Nachdem ich zu Hause war, habe ich Tess Holliday gegoogelt und bin ihr auf Insta gefolgt. Ich war immer noch total verwirrt, ob ich gut fand oder nicht, wie sie sich als fette Frau zeigte – aber ich wollte mehr wissen. Schnell entdeckte ich eine ganze Welt von fetten Leuten, die Meinungen zu Schönheitstrends, Diskriminierung und Gesundheit hatten. Ich bestellte noch in derselben Woche mehrere Bücher von Fettaktivist*innen und verschlang sie. Endlich, endlich, endlich hatte ich Worte für etwas gefunden, das mein Leben so stark strukturiert hatte wie nichts anderes. Ich weinte tagelang, weil mir so viel klar wurde über mein Leben.
Ohne dieses Magazin mit diesem Interview wäre das nicht passiert. Ich bin unheimlich dankbar dafür, dass ich es gesehen habe – und trotzdem bleibt mir ein bitterer Beigeschmack. Denn eigentlich glaube ich heute nicht mehr, dass sich das Interview mit Tess Holliday an mich als andere fette Frau richtete.&nb…