Drei Kilometer bis zum Ende der Welt
„Hast du Angst davor, was die Welt sagen wird?“, fragt Adi (Ciprian Chiujdea) seine Mutter. Und fügt hinzu: „Die Welt ist nicht meine Familie.“ – „Nein“, erwidert sie. „Aber du musst in ihr leben.“ Doch wo, wie und mit wem Adi leben will, darf der 17-Jährige nicht selbst entscheiden. Nachdem er nachts brutal zusammengeschlagen wird, sind seine Eltern außer sich vor Sorge und erstatten Anzeige bei der Polizei. Dann erfahren sie, dass ihr Sohn Opfer einer schwulenfeindlichen Gewalttat wurde. Statt Schutz folgt Repression: Die Eltern suchen „Hilfe“ beim Dorfpriester. Die Polizei, eingebettet in ein korruptes Netzwerk, verfolgt eigene Interessen. „Drei Kilometer bis zum Ende der Welt“ zeigt eindrücklich, wie Familie, Kirche und Staat zusammenwirken, um Queerness systematisch zu unterdrücken. Im Fokus des Filmes steht dabei nicht das Innenleben und Begehren von Adi, sondern das Handeln der anderen: Eltern, Priester, Polizisten, Täter, Jugendschutz. Regisseur Emanuel Pârvu erzählt eine queere Leidensgeschichte, die mit bekannten Versatzstücken arbeitet: Gewalt, Coming-out, Religion. Bei den Filmfestspielen in Cannes hat er dafür die „Queere Palme“ gewonnen. Das Drama in einem rumänischen Dorf im Donaudelta, getragen von strahlenden Farben und einer ruhigen Kamera, berührt und schmerzt. Merle Groneweg

„Drei Kilometer bis zum Ende der Welt“ RO 2024 ( Regie: ­Emanuel Pârvu. Mit Ciprian Chiujdea, Bogdan Dumitrache, Laura Vasiliu u. a., 105 Min., Start: 25.09. )

Die Möllner Briefe
Hoyerswerda, Solingen, Rostock-Lichtenhagen, München, Halle oder Hanau stehen synonym für rassistisch und/oder antisemitisch motivierte Gewalt sowie für strukturellen und institutionellen Rassismus made in Germany. Auch Mölln gehört dazu: Am 23. November 1992 wurden dort bei einem rassistischen Brandanschlag Yeliz Arslan, Ayşe Yılmaz und Bahide Arslan getötet. Ibrahim Arslan, Bruder, Cousin und Enkel der Opfer, überlebte, weil ihn seine Großmutter in der Küche in Sicherheit brachte, bevor sie selbst im Feuer starb. Martina Priessners in enger Zusammenarbeit mit Familie Arslan entstandener Dokumentarfilm beleuchtet eine neue Facette behördlichen Versagens: Die Möllner Briefe sind Beileidsbekundungen, die 1992 mit der Bitte um Weitergabe an die Familien der Opfer an die Stadt adressiert, von dieser aber nie weitergeleitet wurden. Erst 2019 entdeckte sie eine Studentin im Archiv und nahm Kontakt zu Ibrahim Arslan auf. Priessner begleitet neben dessen Ringen um die Übergabe der Briefe auch seine Familienmitglieder und andere Betroffene. Die zurückgenommene Bildsprache schafft filmischen Raum für ihre Erfahrungen und Forderungen. Die Briefe als zweite Erzählebene zeichnen das Bild einer solidarischen Gesellschaft und enthalten Trost, der den Betroffenen damals hätte zeigen können: Ihr seid nicht allein. Maxi Braun

„Die Möllner Briefe“ DE 2025 ( Regie: Martina Priessner. 96 Min., Start: 25.09. )

Karla
Sie will ihre Würde zurück. Doch dafür muss sie einen qualvollen Weg bestreiten. Dem Mann gegenübersitzen, der sich jahrelang selbstsüchtig an ihrer Seele und ihrem Körper vergangen hat. Die zwölfjährige Karla (Elise Krieps) ist entschlossen: Ihr Vater (Torben Liebrecht) soll für seine Taten rechtlich belangt werden. Nachdem sie vor ihrer Familie geflohen ist und Anzeige erstattet hat, findet Karla Zuflucht in einem christlichen Mädchenheim. Bei ihrem Vorhaben soll ihr der erfahrene Richter Lamy (Rainer Bock) helfen, doch ohne Zeug*innen und Beweise scheint der Fall für ihn aussichtslos. Dass Karla nicht über die Details der gewaltvollen und sexuellen Übergriffe sprechen kann und will, erschwert die Situation. „Wenn mir niemand glaubt, kann mir niemand helfen. Deswegen muss ich beweisen, dass ich die Wahrheit sage. Da ich das alleine nicht kann, müssen Sie mir glauben, damit die anderen mir auch glauben“, fordert Karla von Lamy. Ihre emotionale Intelligenz trifft die Wunde des deutschen Rechtssystems und das Herz des ambivalenten Richters. Dank Nachdruck seiner Sekretärin (Imogen Kogge) beschließt dieser, Karla bei ihrem Fall zu unterstützen. Regisseurin Christina Tournatzés und Drehbuchautorin Yvonne Jasmin Görlach gelingt es, die auf wahren Begebenheiten basierenden Ereignisse aus den 1960er-Jahren mit Empathie und Feingefühl nachzuerzählen. Dabei berühren besonders die starken Dialoge, in denen das verhandelt wird, was längst selbstverständlich sein sollte. Leonie Claire Recksiek
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„Karla“ DE 2025 ( Regie: Christina Tournatzés. Mit Elise Krieps, Rainer Bock, Imogen Kogge, Torben Liebrecht, Katharina Schüttler u. a., 104 Min., Start: 02.10. )

I’m Your Venus
Die legendäre Doku „Paris Is Burning“ (1990) über die queere Ballroom-Szene in Manhattan hatte immer eine große Leerstelle: Noch während der Dreharbeiten wurde Venus Xtravaganza ermordet aufgefunden, ein Verbrechen, das nie aufgeklärt wurde. Nun, fast 35 Jahre später, versuchen die sie überlebenden leiblichen Brüder John, Joe und Louie Pellagatti gemeinsam mit Venus’ Wahlfamilie aus dem House of Xtravaganza, diesen Mord neu untersuchen zu lassen. „I’m Your Venus“ erzählt von dem gemeinsamen Bemühen, ein wenig Gerechtigkeit für die junge trans Frau zu erlangen. Und die Doku geht darüber noch hinaus: Nicht nur soll der Cold Case wieder aufgerollt werden, sondern posthum endlich auch Venus’ Deadname aus der Sterbeurkunde gestrichen, der Grabstein ausgewechselt und das Haus in New Jersey, in dem sie aufwuchs, als offizielles Wahrzeichen anerkannt werden. Während „I’m Your Venus“ recht nachsichtig mit ihrer leiblichen Familie umgeht – immerhin gab es Gründe, warum Venus sie als Minderjährige verließ und sich dem House of Xtravaganza anschloss –, ist es trotzdem berührend zu sehen, wie sich Personen aus ganz unterschiedlichen Milieus, die alternden Suburb-Brüder auf der einen, die jungen Queers aus New York City auf der anderen Seite, zusammentun, um gemeinsam ihre Ziele zu erreichen. Gerade in heutigen Zeiten ist das ein wichtiges Symbol der Hoffnung, erzählt in dieser wirklich bewegenden Doku. Isabella Caldart

„I’m Your Venus“ USA 2024 ( Regie: Kimberly Reed. 85 Min., verfügbar auf Netflix )

Sorda
Ángela (Miriam Garlo) ist taub und erwartet ein Kind mit ihrem hörenden Partner Héctor (Álvaro Cervantes). Schon während der Schwangerschaft wird sie mit verschiedenen Hindernissen konfrontiert: Von der Skepsis ihrer Eltern bis hin zur fehlenden Sensibilität des medizinischen Personals wird ihr die Selbstbestimmung erschwert. Als es bei der Geburt zu Komplikationen kommt, muss ihr Partner, der für sie übersetzt, ihre Seite verlassen. Ohne Möglichkeit, sich mitzuteilen, erlebt sie große Schmerzen und Stress. Nach der Geburt wird es nicht einfacher: Die Erziehung des hörenden Kindes ist eine Herausforderung. Und da ihr hörendes Umfeld das Gebärden vernachlässigt, fühlt sich Ángela isoliert. In dieser Krise findet sie Unterstützung und Selbstbewusstsein in ihrem tauben Freund*innenkreis. „Sorda“ zeigt Ángelas Ängste und beschreibt detailliert die Entwicklung ihrer Beziehung zu Héctor. Miriam Garlo stellt jede emotionale Nuance der Protagonistin feinfühlig dar. Das Familiendrama macht deutlich, wie eine audistische Gesellschaft gehörlose Frauen daran hindert, selbstbestimmt Mutter zu sein. Genauso deutlich zeichnet es ein komplexes und lebendiges Bild von tauben Menschen, das zu selten gezeigt wird. Maike Huber

„Sorda – Der Klang der Welt“ ES 2025 ( Regie: Eva Libertad. Mit Miriam Garlo, Álvaro Cervantes, Elena Irureta u. a., 99 Min., Start: 30.10. )

Girls & Gods
Sind Religion und Feminismus (un)vereinbar? In der Dokumentation „Girls & Gods“ nimmt die Femen-Aktivistin Inna Shevchenko die Zuschauer*innen zu Gesprächen mit iranischen Aktivistinnen, katholischen Priesterinnen und unzähligen weiteren Protagonistinnen mit. Verschiedene feministische Kämpfe und monotheistische Religionen verbinden sich in einer Reise durch Europa und die USA. Die Bildsprache kombiniert eindrucksvolle Aufnahmen heiliger Architektur mit dokumentarischen Szenen der intensiven Diskussionen, spielerisch und humorvoll untermalt mit Karikaturen der Künstlerin Coco von „Charlie Hebdo“. Den Film beschreibt Shevchenko selbst treffend als „Debattenfilm“. Im Fokus stehen Fragen wie: Wie lassen sich historische und religiöse Texte feministisch interpretieren oder umschreiben? Wie verschlungen ist das Patriarchat mit Religionen? 

Dem Film gelingt eine konsequente Kritik an historisch-patriarchalen Strukturen. Andererseits werden Institutionen, religiöse Praktiken und heilige Schriften nicht trennscharf behandelt. Zwischenzeitlich drängt sich die Frage auf, welche Früchte einige der Gespräche hätten tragen können, wären sie mit mehr Empathie geführt worden. Trotzdem schaffen es die Filmschaffenden, Debatten anzuregen und Lust auf tiefere Recherche zu wecken. „Girls & Gods“ endet mit einem Hoffnungsschimmer: Hier wird Interreligiosität porträtiert, die der Vielstimmigkeit des Filmes einen harmonischen Abschluss gibt. Luna Afra Evans

„Girls & Gods“ AT/CH 2025 ( Regie: Arash T. Riahi & Verena Soltiz. 104 Min., Start: 23.10. )

The Mastermind
Ein Mann wandert durch die Räume eines Museums. Sein Blick bleibt nicht an den Gemälden haften, sondern am schlafenden Wachmann. Beim Ausspähen entwendet er geräuschlos eine kleine Figur. Erst als er das Museum verlässt, wird deutlich, dass James Blaine „JB“ Mooney (Josh O’Connor) nicht allein, sondern mit seinen beiden Söhnen und seiner Frau Terri (Alana Haim) unterwegs war. Ähnlich wie in anderen bekannten Heist-Filmen wie „Ocean’s Eleven“ wird in Kelly Reichardts „The Mastermind“ zur Spannungserzeugung Information vorenthalten. Die US-Independent-Regisseurin verleiht dem Genre, wie bereits in ihrem Western „Meek’s Cutoff“, durch untypische Elemente eine eigene Note. Die im Jahr 1970 in Massachusetts spielende Geschichte wird nicht in glamouröse Neonlichter, sondern in realitätsnahe Erdtöne getaucht. Selbst actionreiche Szenen wie die Flucht aus dem Museum nach JBs großem Coup werden durch längere Einstellungen verlangsamt. Schnell wird jedoch klar, dass JB, ein ehemaliger Kunststudent und Gelegenheitstischler, über keinerlei Kompetenzen als Kunsträuber verfügt. So weiß der Antiheld nicht, wie er die gestohlenen Gemälde veräußern kann. „The Mastermind“ wirkt lange nach, weil JB ohne Reflexion scheitert. Dies hat Terris Realität als Alleinversorgerin zur Folge und erzeugt eine ebenso erdrückende Stille wie das harte Vorgehen der Polizei gegen Anti-Kriegs-Proteste. Yuki Schubert

„The Mastermind“ US/UK 2025 ( Regie: Kelly Reichardt. Mit Josh O’Connor, Alana Haim, Hope Davis, Bill Camp u. a., 110 Min., Start: 16.10. )

Memory Wars
Wie sehr können wir unseren Erinnerungen trauen? Und durch was sind sie beeinflussbar? Diesen Fragen geht Dr. Elizabeth Loftus, Professorin der Psychologie und Expertin vor Gericht, seit Jahren nach. Als Gutachterin hat sie durch Aussagen bei kontroversen Fällen viel Aufsehen erregt. Die Dokumentation „Memory Wars“ zeigt nun sowohl Dr. Loftus’ Beweggründe und Biografie als auch die Kritik an ihrer Arbeit. Nach einem Studium der mathematischen Psychologie führt sie Studien zu Manipulation und Verzerrung von Erinnerungen durch, die beweisen, dass schon kleine Details oder suggestive Fragen Erinnerungen auch mit späteren Auswirkungen verändern können. Mit diesen Erkenntnissen will sie Geschworenen helfen, Augenzeug*innenberichte besser zu beurteilen. Da sie aber in der Regel auf Wunsch der Verteidigung aussagt, erlangt sie mit der Zeit einen umstrittenen Ruf. „Memory Wars“ schafft es, diesen Zwiespalt und die Bedeutung ihrer Arbeit koexistieren zu lassen, ohne dabei eine Seite einzunehmen. Es ist bei manchen Fällen nicht leicht zu verstehen,  warum Dr. Loftus für die Verteidigung arbeitet, aber durch die Mischung aus Psychologie, konkreten Fallbesprechungen und persönlichen Erinnerungen lernen wir eine Frau kennen, die die Wissenschaft über alles stellt und sich dabei sehr bewusst ist, dass sie mehr als nur aneckt. Avan Weis

CN: Der Film thematisiert u. a. Fälle sexualisierter ­Gewalt. – „Memory Wars – Elizabeth Loftus und die Macht der Erinnerung“ DE 2025 ( Regie: Hendrik Löbbert. 92 Min. )

Hannah Arendt – Denken ist gefährlich
„Hannah Arendt – Denken ist gefährlich“ ist ein eindringliches filmisches Portrait über eine der bedeutendsten politischen Theoretikerinnen des 20. Jahrhunderts. Der Dokumentarfilm bricht mit üblichen Erwartungen an sein Genre: Statt biografische Fakten bloß abzuhaken, entfaltet sich ein vielschichtiges Bild von Arendts Denken – unabhängig, unbequem und noch heute von großer Relevanz.
Die Doku verzichtet auf Kommentare aus dem Off. Stattdessen kommt Arendt durch Zitate aus Briefen, Essays und Interviews selbst zu Wort. Seltenes Archivmaterial vertieft die unmittelbare Nähe zur Protagonistin. Das atmosphärische, beinahe intime Portrait folgt keiner linearen Struktur, sondern arrangiert Bilder, Texte und Gedanken collagenartig. So wird durchs Zuschauen erfahrbar, was Arendt als „Denken ohne Geländer“ beschrieb. Trotz der schwarzweißen Aufnahmen ist der Film sehr gegenwartsbezogen. Er erinnert eindrucksvoll daran, dass eigenständiges Denken nie bequem war – insbesondere für eine Frau wie Arendt, die als Jüdin ihr Leben im Exil verbrachte und oft intellektuell einsam war. „Hannah Arendt – Denken ist gefährlich“ zeigt nicht nur, wie Hannah Arendt dachte, sondern auch, was es sie kostete, so zu denken. Dîlan Şirin Çelik

„Hannah Arendt – Denken ist gefährlich“ DE 2025 ( Regie: Chana
Gazit, Maia E. Harris, Jeff Bieber. 86 Min., Start: 18.09.

Diese Texte erschienen zuerst in Missy 05/25.