Der Begriff Parasoziale Beziehung in dicken Lettern Silber auf Rosa geschrieben.

2015 wurde das aus „Deutschland sucht den Superstar“ bekannte Pärchen Sarah Engels und Pietro Lombardi Eltern. Als bekannt wurde, dass ihr Sohn Alessio nach der Geburt gesundheitliche Komplikationen hatte, war plötzlich eine Aussage überall zu hören: „Hauptsache, Alessio geht’s gut.“ Der Satz wurde zum Meme, Running Gag und geflügelten Wort. Dir fällt das Marmeladenbrot mit der geschmierten Seite nach unten auf den Boden? Hauptsache, Alessio geht’s gut! Warum fühlten sich Tausende Menschen plötzlich wie ein Teil dieser kleinen Familie?

Die Antwort lautet: parasoziale Beziehung. So nennen Medienforscher*innen eine einseitige emotionale Verbindung zu einer Person, die wir über die Medien erleben, aber nicht persönlich kennen. Ursprünglich beschrieben 1956 in einem wissenschaftlichen Artikel der Soziologen Donald Horton und Richard Wohl, begegnet uns das Konzept heute ständig: auf YouTube, TikTok, in Insta-storys oder Promi-Interviews. Der Ausbau der Massenmedien und die Möglichkeit, immerzu Content zu konsumieren, bedeuten auch eine rasante Zunahme an parasozialen Beziehungen.

Parasoziale Beziehungen funktionieren über die Illusion von Nähe. Unser Gehirn unterscheidet nicht zuverlässig zwischen realen und medial vermittelten Begegnungen. Wenn jemand in die Kamera sagt: „Ich nehme euch mit in meinen Alltag“, aktiviert das ähnliche neuronale Prozesse wie eine echte Freund*innenschaft. Gefühle von Verbundenheit, Vertrauen, Zuneigung entstehen – auch wenn die Beziehung nur in eine Richtung geht.

Das ist nicht per se problematisch. Für viele marginalisierte Menschen – queer, chronisch krank, neurodivergent, migrantisch – können parasoziale Beziehungen wichtige emotionale Ressourcen sein: Identifikationsfiguren, Bestärkung, Zugehörigkeit in einem oft ausgrenzenden Mainstream. Medienpsychologische Studien legen nahe, dass parasoziale Beziehungen nicht als Ersatz für ein Sozialleben im Real Life funktionieren, sondern als Erweiterung. Wir haben zusätzlich zu unseren Freund*innen im echten Leben also noch digitale Bekannte, an die wir uns binden. 

Das klingt erst mal schön, getreu dem Motto „the more the merrier“. Parasoziale Beziehungen sind allerdings kein Safe Space, sondern eingebettet in ökonomische, kulturelle und politische Machtverhältnisse. Gerade im Influencer*innen-Marketing wird parasoziale Nähe systematisch kapitalisiert: Produkte werden nicht mehr von Werbeträger*innen empfohlen, sondern von „Freund*innen“. Empfehlungen kommen nicht von oben, sondern scheinbar von nebenan. Und dabei wirkt vermeintliche Authentizität wie ein Kaufargument. 

Zurück zu Alessio. Die Sorge um ein krankes Baby war echt. Aber sie wurde zu einem kollektiven Medienerlebnis. „Hauptsache, Alessio geht’s gut“ wurde tausendfach mit einer fremden Familie mitgefühlt – obwohl eigentlich gar keine Bekanntschaft zu Alessio und seinen Eltern bestand. Das hat auch etwas Übergriffiges – ein Umstand, der insbesondere marginalisierten Personen in der Öffentlichkeit aus den eigenen Kommentarspalten bekannt ist. Denn parasoziale Nähe bedeutet oftmals auch, eigentlich fremden Personen starke Erwartungen, überzogene Kritik bis hin zu Hasskommentaren entgegenzubringen. Parasoziale Beziehungen können also empowernd sein und Zerstreuung bieten – wir sollten uns nur fragen, ob uns bewusst ist, dass unser Gegenüber uns persönlich nicht kennt, nur deren Job macht und uns nichts schuldet.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 05/25.