Literaturtipps 05/25
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Gym
Einfach einen entspannten Job ohne Leistungsdruck sucht die Protagonistin in Verena Keßlers drittem Roman „Gym“ – und bewirbt sich kurzerhand als Tresenkraft in einem Fitnessstudio. Nachdem sie als Erläuterung für ihre ungestählte Figur im Bewerbungsgespräch lügt, sie habe kürzlich entbunden, gibt ihr der Chef als selbsterklärter Feminist sofort den Job – samt auf den postpartalen Körper angepasstem Trainingsplan. Widerwillig befolgt sie diesen: „Ferhat stellte mir meinen Körper vor wie einen Fremden, den ich seit Jahren bloß vom Sehen kannte.“ Doch die Bestätigung, die sie von ihrem Umfeld für die Veränderungen ihres ehemaligen „Bürokörpers“ bekommt, weckt ihren Ehrgeiz. Insbesondere das
plötzliche Auftauchen einer Bodybuilderin lässt jedes Training zu einem Wettbewerb werden und führt ihr Projekt „Körper“ ad absurdum: Sie streicht alles aus ihrer Ernährung, was kein Eiweiß ist. Und mehr noch: Ihr Hühnchen püriert sie zu Brei, um die doppelte Menge essen zu können. Verena Keßlers Roman ist – wie ein Krafttraining – in drei Teile (genannt: Sätze) gegliedert. Mit klarer Sprache und viel Witz nimmt sie die Leser*innen mit auf die Hantelbank und in die fanatische Gedankenwelt der Erzählerin, bei der man nie sicher sein kann, was sie verbirgt. Wer eine hohe Ekeltoleranz und Lust auf eine groteske Geschichte hat, wird das Buch verschlingen. „Gym“ ist ein kurzweiliger Roman über Obsession, Lügen und weibliche Konkurrenz, der immer absurder wird – bis es eskaliert. Emma Rotermund
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Verena Keßler „Gym“ ( Hanser Berlin, 192 S., 23 Euro )
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