Prekariatsliteratur aus weiblicher Perspektive
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Mit 14 Jahren stand Mieko Kawakami in einer Fabrikhalle, schraubte im Sommer Ventilatoren und im Winter Elektroheizungen zusammen. Sie hatte über ihr Alter gelogen, um ihre Familie zu unterstützen – ihre Mutter und ihren Bruder, der Vater war abgehauen. Später arbeitete Kawakami als Hostess, leistete Männern in einer Bar beim Trinken Gesellschaft, bevor sie für eine Karriere als Sängerin nach Tokio zog. Heute, Jahrzehnte später, ist die 49-Jährige eine der prägendsten literarischen Stimmen Japans.
Kawakami kennt die Welt der Figuren ihres neuesten Romans „Das gelbe Haus“. Ihre Erzählerin Hana wächst bei einer alleinerziehenden und nachlässigen Mutter auf. Sie bricht die Schule ab, zieht mit Kimiko, einer älteren Bekannten, nach Tokio und eröffnet eine Bar. Zwei weitere junge Frauen stoßen
dazu, die vier ziehen zusammen – in das titelgebende gelbe Haus. Gelb ist die Farbe, die Hana antreibt: „Gelb im Westen bringt Geld ins Haus“, lautet die chinesische Feng-Shui-Lehre, erklärt ihr Kimiko. Doch nach einer Glückssträhne folgt ein Unglück aufs nächste. Das Geld ist knapp, sie geraten auf Abwege und die Freundinnenschaft zerbricht. Das ist kein Spoiler, denn der Roman erzählt rückblickend aus der Perspektive der vierzigjährigen Hana. Zufällig ist sie im Internet auf einen Artikel gestoßen: Kimiko soll eine junge Frau bei sich zu Hause misshandelt haben und steht nun vor Gericht.
„Das gelbe Haus“ ist ein Buch über Klasse. Und es ist ein Buch über die Beziehung armutsbetroffener Frauen in einer männlichen Welt, die ihnen noch gefährlicher zu Leibe rückt, je prekärer ihre Umstände werden. Auch wenn Frauen, wie in den meisten von Kawakamis Romanen, die Hauptrolle spielen, verwehrt sie sich der Zuschreibung als feministische Autorin: „Ich bin Feministin und ich schreibe über w…