Triggerwarnung: In diesem Text geht es um sexualisierte Gewalt, Mord und Krieg

Fotos: Cornelia Suhan

Eine ältere Person, ganz in Schwarz gekleidet, steht mit dem Rücken zur Kamera in der Durchfahrt eines weißen Gebäudes
Nusreta Sivac in einem ehemaligen Verwaltungsgebäude in Trnepolje.

Nachts brennen Lagerfeuer in Omarska. Über das Gelände des einstigen Bergwerks in Bosnien und Herzegowina schallt im Sommer 1992 serbischer Turbofolk. „Pusti me da živim“ von Sinan Sakić etwa, das Lied eines Belgrader Schlagersängers. Auf Deutsch: Lass mich leben. Die Musik soll das Geschehen in den Baracken übertönen: Schreie, Schläge, Folter. Ein schneller Tod durch eine Gewehrkugel ist selten in Omarska. Nusreta Sivac betet für einen solchen Tod. Sie ist eine der 37 internierten Frauen, die hier

systematisch gefoltert und vergewaltigt werden. 

Drei Jahre später, im Sommer 1995, reist Nusreta Sivac nach Den Haag. Vor einem Souvenirladen stehen Stände mit Postkarten: die Scheveninger Strandpromenade, der Königspalast, die Nordsee. Sivac wählt eine besonders hübsche Karte, um sie nach Prijedor zu senden, in ihre Heimatstadt im Norden Bosnien und Herzegowinas. „Liebe Kollegen, hoffentlich kommt ihr bald zu uns in diese wunderschöne Stadt“, schreibt sie. Die Karte ist an Željko Mejakić adressiert, einstiger Sicherheitschef des Konzentrationslagers in Omarska, inzwischen verurteilter Kriegsverbrecher. Der Gruß aus Den Haag soll ihn daran erinnern, was diejenigen erwartet, die das Völkerrecht brechen. 

„Im Lager habe ich jeden Morgen die Toten gezählt“, erinnert sich Sivac heute. „Damals wusste ich: Falls ich überlebe, muss ich der Welt davon erzählen.“ In Omarska waren neben den Frauen insgesamt mehr als sechstausend Männer inhaftiert. Hunderte wurden zu Tode gefol…