Comictipps 01/26
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Emma und Amir
Kunstvoll konstruiert Bianca Schaalburg in ihrem Polit-Comic eine scheinbar zufällige Berliner Begegnung nahe eines Selbstmordattentats. Der Deutsch-Iraker Amir muss untertauchen, da sich am Tatort ein Bekennerschreiben seines besten Freunds Yusuf findet. Emma erklärt sich spontan bereit, ihm zu helfen, und sie finden heraus, dass eine rechte Terrororganisation weitere Anschläge und eine gewaltvolle Machtübernahme plant. Während Schaalburgs letzte Graphic Novel „Der Duft von Kiefern“ – ausgezeichnet mit dem deutschen Jugendliteraturpreis – eine autobiografische Familiengeschichte im historischen Berlin erzählte, spielt „Emma und Amir“ in der Gegenwart. Aus dem permanenten verbalen Schlagabtausch des ungleichen Paares entspinnt sich eine heiße Affäre zwischen Berlin und Paris, wohin eine Spur führt. Mit detaillierten Tuscheillustrationen zeichnet Schaalburg virtuos real existierende Straßenzüge, Cafés und Parks, Schwimmbäder und Kinos. „Emma und Amir“, eine temporeiche Graphic Novel, fühlt sich fast an wie ein dystopischer Hollywoodfilm in Buchform. Amelie Persson
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Bianca Schaalburg „Emma und Amir. Im Schatten des Terrors“ ( Jacoby Stuart, 160 S., 26 Euro )

Die Frau als Mensch 2. Schamaninnen
Mit dem ersten Band ihres Sach-Comics „Die Frau als Mensch“ schrieb Ulli Lust 2025 Geschichte: Zum ersten Mal wurde eine Graphic Novel mit dem Deutschen Sachbuchpreis ausgezeichnet – und dann auch noch eine feministische! Im zweiten Teil widmet sie sich der Rolle von Schamaninnen – ausgehend von der auch schon im ersten Teil zentralen Feststellung, dass vor der geschriebenen Geschichtsüberlieferung künstlerische Darstellungen von Frauenfiguren dominierten. Anhand einer eiszeitlichen Gruppe reflektiert sie über das aus zeitgenössischer Sicht egalitärere Zusammenleben der Geschlechter. Schamaninnen waren auch Hebammen und Ärztinnen, die das Fortleben der Gemeinschaft garantierten und vielleicht daher in der Kunst eine viel wichtigere Rolle spielten. Mit detaillierten, humorvollen Mensch- und Tierdarstellungen, schwelgerischen Landschaftsbildern und einer Fülle von wissenschaftlichen Quellen bringt uns Ulli Lust diese oft stereotyp dargestellte Zeit feministisch näher und zeigt, dass es womöglich der Blick zurück ist, der in die Zukunft weist. Sonja Eismann
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Ulli Lust „Die Frau als Mensch 2. Schamaninnen“
( Reprodukt, 256 S., 29 Euro, VÖ: 19.02. )
Dieser Text erschien zuerst in Missy 01/26.