Erdoğans „Jahrzehnt der Familie“
Von

Sie waren gewarnt. Schon seit 2015 hatten die Istanbuler Behörden die Pride-Parade wegen einer vermeintlichen Bedrohung für die öffentliche Ordnung verboten. Und doch kamen Jahr für Jahr in der größten türkischen Stadt etliche Menschen zum queerfeministischen Protest zusammen; meist versammelten sich die Demonstrant*innen spontan, in verschiedenen eher progressiven Stadtteilen wie Beyoğlu oder Kadıköy, und fast jedes Mal löste die Polizei die Kundgebung am Ende
auf.
Rojin, eine feministische Journalistin und Aktivistin, und ihre Mitstreiter*innen wussten also um das Risiko, als sie am 30. Juni vergangenen Jahres an der Istanbuler Pride teilnahmen. Doch die Gewalt, die sie dieses Mal erlebten,
berichtet Rojin mehrere Monate später, habe sie erschüttert. Dass sie mitgenommen, festgesetzt und für das Ausleben ihres Rechts auf Versammlungsfreiheit angeklagt wurden, war präzedenzlos.
Nie zuvor hat die Polizei in der Türkei Menschen dafür verhaftet, dass sie gemeinsam geschminkt und mit einer Regenbogenfahne unterwegs waren.

Rojin möchte aus Angst vor weiteren Repression unerkannt bleiben.
Im Vorfeld der Pride 2025 hörten die Behörden offenbar weitflächig Telefone von Pride-Teilnehmer*innen ab, sie überwachten Messenger-Gruppen und lasen Handys aus. So konnten sie genau vorhersagen, wo die Demonstrant*innen entlanglaufen würden. „Sie haben eine Straße ausgew…