Hä, was heißt denn Femonationalismus?
Von

Im Oktober 2025 fabulierte Friedrich Merz in einer Debatte zu Zuwanderung und Migration von einem „Problem im Stadtbild“. Die anschließende Kritik, seine Aussage sei potenziell rassistisch zu verstehen, wies er zurück und erklärte einem Journalisten andeutungsvoll, er solle seine Töchter fragen, was er damit gemeint haben könne. Zahlreiche „Töchter“ machten daraufhin auf Demonstrationen deutlich, dass sie nicht bereit sind, ihre Erfahrungen mit patriarchalen Verhaltensweisen als Begründung für die Begrenzung von Migration instrumentalisieren zu lassen. Die Kritiker*innen beschrieben die Aussagen von Merz im Anschluss oft als „femonationalistisch“. Doch was bedeutet der Begriff?
Der Begriff „Femonationalism“ wurde von der Soziologin Sara R. Farris geprägt und ins Deutsche übernommen. Von Femonationalismus (bzw. Homonationalismus) wird gesprochen, wenn das Wohlergehen von Frauen (bzw. queeren Personen) nur dann zum Thema wird, wenn (mutmaßliche) Täter*innen Menschen mit (zugeschriebener) Migrationsgeschichte sind oder, wie im Fall der Stadtbild-Aussage von Merz, vorfallsunabhängig auf Basis einer gefühlten bzw. behaupteten Unsicherheit argumentiert wird. Femonationalismus lässt sich erkennen, wenn der vermeintliche Schutz von Frauen dazu dient, die eigene nationalistische, rassistische und/oder antimuslimische Politik bzw. Argumentation zu legitimieren. Dies geschieht meist durch Akteur*innen, die sich sonst nicht für (queer-)feministische Belange einsetzen. Zu jenen gehört auch Friedrich Merz, der bspw. 2006 gegen das Gleichbehandlungsgesetz stimmte und sich gegen die Abschaffung des § 218 positioniert.
Femonationalistische Argumentationen ermöglichen, strukturelle patriarchale Probleme auszublenden und Übergriffe ausschließlich Männern zuzuschreiben, die als „fremd“ markiert werden. So wird Migration als Ursache für sexistische und sexualisierte Gewalt ausgemacht, statt patriarchale Männlichkeitsbilder und damit einhergehende Besitzansprüche in den Blick zu nehmen. Würde es der Bundesregierung wirklich um den Schutz von Frauen gehen, würde sie Gesetze und Infrastruktur zur Unterstützung der von patriarchaler Gewalt Betroffenen ebenso fördern wie präventive Maßnahmen, etwa antipatriarchale Bildungsarbeit. Darüber hinaus basieren femonationalistische Aussagen auf kolonialrassistischen Bildern des exotisierten, hypermaskulinen Fremden, vor dem weiße Frauen geschützt werden müssten. Frauen sind in der Argumentation des Femonationalismus ausschließlich passiv. Unbeachtet bleibt hierbei außerdem, dass der soziale Nahbereich für diejenigen, die von patriarchaler Gewalt betroffen sind, der gefährlichste Ort ist. Dies bestätigt die steigende Zahl an Femiziden in Deutschland.
Natürlich ist es wichtig, dass tatsächlich erfolgte Übergriffe nicht ignoriert werden. Jeder Übergriff ist ein Skandal – unabhängig davon, wer die Tat begangen hat. Doch Übergriffe werden oft nur dann überhaupt zum Thema und als patriarchal eingeordnet, wenn die Täter ins rechte Feindbild passen und somit für Debatten rund um Migration instrumentalisiert werden können. So gewinnt die rassistische Agenda und die Taten sowie das wahre Problem rücken in den Hintergrund. Das verhöhnt Betroffene und lenkt von patriarchalen Strukturen ab. Denn leider gilt für die bundesdeutsche Realität noch immer, wie es auch der*die queere Rapper*in Lowladder formuliert: Der kleinste gemeinsame Nenner sind Männer!
Dieser Text erschien zuerst in Missy 01/26.