Kampfrufe in der Kunst
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Ausstellungsansicht
Haus der Kunst München, 2025
Foto: Markus Tretter
© VG Bild-Kunst, Bonn 2025
Zusammengekauert liegt eine Frau auf der Seite, presst ein Kind an sich, nackt, mit außen liegenden Rippen. Das Aquarell erhält durch Knickfalten und einen Überzug aus Bienenwachs die Standhaftigkeit eines Leporellos. Die Oberfläche schimmert im Licht. Geschwungene Linien definieren hier Glieder und Muskeln, symbolisieren anderswo Ströme von Gedanken oder überziehen die Figuren wie ein Tasten.
„Soy Energía“ („Ich bin Energie“) ist die erste Überblicksausstellung der chilenischen Künstlerin Sandra Vásquez de la Horra in Europa. Das Haus der Kunst in München zeigt in drei Räumen Arbeiten der letzten vierzig Jahre, angeordnet um eine Wabenstruktur aus Holz und Leinwand. Vásquez de la Horras Kunst umfasst Bild, Objekt, Video und Text.
Der Körper erscheint bei ihr weniger als feste Gestalt denn als Medium:
In Darstellungen von Nähe, Verlust und Transformation verbindet sie individuelle Erzählungen mit historischen Bezügen. Denn die spätere Käthe-Kollwitz-Preisträgerin wurde in der Pinochet-Diktatur künstlerisch sozialisiert. Vásquez de la Horra wuchs in einem konservativ-katholischen Elternhaus auf, das das Regime unterstützte. Sie besuchte eine italienische Schule, die von faschistoiden Traditionen geprägt war, und erlebte soziale Kontraste, da sie von einer indigenen „Nana“ großgezogen wurde. Die frühe Konfrontation mit ideologischen Anrufungen prägt ihre Suche nach eigenem Ausdruck.
