Literaturtipps 01/2026
Von MissyRedaktion

Die kalten Nächte der Kindheit
„Jeden zweiten Tag stechen sie mir eine Spritze in den Arm und betäuben mich. Wenn ich aufwache, weiß ich gar nichts mehr. Was ist der Mensch? Was ist die Welt?“ Um die Kindheit geht es in Tezer Özlüs „Die kalten Nächte der Kindheit“ nur am Rande. Trotzdem ist sie in dem von Deniz Utlu neu übersetzten Schlüsselroman der Schriftstellerin (1943–1986), die in der Türkei zum Kanon gehört und als Übersetzerin Kafka, Bachmann und Böll ihre Sprache lieh, als Ursprungserfahrung allgegenwärtig. Der Roman vergegenwärtigt patriarchale Gewalt, gesellschaftliche Enge und institutionelle Kontrolle in Form eines Collage-Mosaiks poetisch verdichteter Momentaufnahmen. Özlü springt radikal zwischen Orten, Zeiten, Menschen: vom Mittelmeer über Paris bis ins geteilte Berlin, von ersten Sexualerfahrungen zu Momenten mit Kind, in die Psychiatrie der 1950er- und 1960er-Jahre und zurück in die Gegenwart der 1970er mit politischen Repressionen und starren Normen. Ihrer Erzählerin folgt man gebannt durch Räume und Zeiten. Özlüs erzählerische Kraft liegt in scharfen Beobachtungen und einer klaren Sprache. Dass ihr Roman nun erneut international Beachtung findet, zeigt nicht zuletzt: Ihr Miniaturenteppich über die Brüchigkeit von Welt und Wahrnehmung ist existenziell – und wirkt über Sprachgrenzen und Jahrzehnte hinweg. Eva-Lena Lörzer
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Tezer Özlü „Die kalten Nächte der
Kindheit“ ( Aus dem Türkischen von
Deniz Utlu. Suhrkamp, 112 S., 23 Euro )

Die späten Tage
„Erstaunlich ist für mich, in was für irdische Liebesturbulenzen man selbst noch am Rand der Grube gerät.“ Natascha Wodin, die schon mehrere Männer durch Tod oder Trennung verloren hat, schreibt über Liebe im Alter – und über das Altern selbst. Noch einmal lässt sie sich auf einen Mann ein, mit dem die Achtzigjährige ihre letzten Jahre teilt. Lebt er noch, wenn sie aufwacht? Kann sie morgen noch so weit spazieren wie heute? Nüchtern erzählt Wodin von Schmerzen und Schlaflosigkeit; nachdenklich von dem Tod, der ihr und ihrem Partner bevorsteht und der schon so viele ereilte, die sie kannte. Sie schreibt über die Einsamkeit des Lebens, über Erinnerungen an alle und alles, was hinter ihr liegt: die als Zwangsarbeiter*innen aus der Sowjetunion nach Deutschland verschleppten Eltern, ihre Jahre als Dolmetscherin in Moskau, die Suche nach Verwandten der Mutter, frühere Ehen und Affären. Wodin, die 2017 mit „Sie kam aus Mariupol“ den Preis der Leipziger Buchmesse gewann, legt erneut ein berührendes Buch vor, das durch vergangene Jahrzehnte wandert und deutsch-sowjetische Geschichte streift. Doch auch im Hier und Jetzt warten sanft beschriebene Szenen, die den späten Tagen Bedeutung schenken: die Vögel am Horizont, der Mann, der ihr Blumen bringt, die Nächte am Schreibtisch. Merle Groneweg
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Natascha Wodin „Die späten Tage“
( Rowohlt, 288 S., 24 Euro )

Maggie
Affäre, Brustkrebs, Scheidung. Davon und vom Umgang damit handelt „Maggie“, der Debütroman von Katie Yee. „Maggie“ heißt die Affäre ihres Mannes und „Maggie“ nennt die Ich-Erzählerin ihren Brustkrebs. Die Obsession mit „Maggie“ wirkt verstörend und wirft die Frage auf, wieso eine gescheiterte Liebe sich primär auf „die Andere“ als das ins Leben getretene Übel stürzt. Für diese „Andere“ beginnt die Ich-Erzählerin, sogar Gebrauchsanweisungen und Listen über ihren Exmann zu schreiben. Themen wie Rassismus, Klasse und die damit verbundenen Unsicherheiten der Erzählerin, Tochter einer verstorbenen chinesischen Textilarbeiterin im New Yorker Chinatown, ziehen sich durch das Buch. Ihr Exmann hingegen: ein „Goldjunge“ aus besten Verhältnissen. Als Leserin begegnet man einer Erzählerin, die sich assoziativ alles von der Brust redet, ohne dass sich die Hauptstränge dabei verlieren. Wenn sie humorvoll über eigenartige Wartezimmer-Hobbys berichtet, entwickelt die Geschichte einen Sog. Dennoch hinterlässt der Roman Fragen nach der Kohärenz der Hauptfigur (alleinerziehend mit zwei Kindern – hält es kaum ein Wochenende alle zwei Wochen ohne sie aus – bleibt ohne Arbeit in dem großen Haus mit Garten wohnen?), aber auch danach, wie der eigene selbstbestimmte Umgang mit Schicksalsschlägen aussehen könnte. Ticha Matting
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Katie Yee „Maggie. Oder: Ein Mann und eine Frau kommen in eine Bar“
( Aus dem Englischen von Jasmin Humburg. Park × Ullstein, 272 S.,
20 Euro )

Vielfalt
Das, was wir im Westen gemeinhin als Geschichte kennen und in der Schule lernen, wurde über Jahrhunderte von cis Männern ausgewählt und bestimmt. Mittlerweile erfahren wir immer mehr, was eigentlich sonst noch auf der Welt passiert ist und was gerne verschwiegen wird. Die Journalistin Morgane Llanque hat nun einen ersten Auftakt zur Umschreibung unserer aller Geschichte vorgelegt. Auf knapp dreihundert Seiten versammelt sie nicht nur exzellent recherchiert und fundiert einen Rundumschlag gegen patriarchale Erzählungen, sondern schafft dies auch noch erfrischend unterhaltsam. So räumt sie mit dem sexistischen Irrglauben auf, wer in der Steinzeit gesammelt und wer gejagt haben soll, führt aus, wie queer eigentlich das Römische Imperium und wie divers das Mittelalter waren, erläutert die Zusammenhänge zwischen Ableismus und der Frühen Neuzeit, erklärt, warum trans Personen keine Erfindung der Gegenwart sind, zeigt, was es global alles an Feminismus vor der Frauenbewegung gab, und endet nach einer Aufschlüsselung der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung in der sehr widersprüchlichen Jetztzeit. Dabei wird von Seite zu Seite deutlicher, dass wir als Menschheit nicht nur schon oft an vielen Punkten weiter waren, sondern dass die Geschichtsschreibung eine Geschichte der Macht ist, die geändert werden muss. Avan Weis
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Morgane Llanque „Vielfalt. Eine andere Geschichte der Menschheit“ ( Droemer, 304 S., 24 Euro )

Lasst mich einfach hier sitzen und Yakisoba essen
Die Nähe zum Titel „Ich will sterben, aber auch Tteokbokki essen“, einem Bestseller aus dem Nachbarland, ist etwas irreführend. Denn anders als das südkoreanische Buch ist „Lasst mich einfach hier sitzen und Yakisoba essen“ von Kikuko Tsumura mehr als nur eine Abhandlung zum Thema Burn-out. Die preisgekrönte japanische Autorin gibt dahingehend wenig über ihre Figur preis und geht auch nicht weiter auf ihre mentale Gesundheit ein. Stattdessen bleibt viel Raum für die Schilderung der Aufgaben in neuen, vermeintlich ruhigeren Jobs nach dem Crash. Etwas kryptisch bleibt der Buchtitel trotzdem: Denn so richtig viele gebratene Nudeln werden nur im ersten Kapitel gegessen. Klar, Lebensmittel sind ein präsentes Thema, vor allem, als die namenlose Titelheldin anfängt, in einer Firma für Cracker zu arbeiten. Hier soll sie interessante Fakten für die verschiedenen Produktverpackungen notieren. Nur einer von vielen absurden Jobs, die sie ausprobiert – auf der Suche nach einem, der sie nicht erneut ausbrennen lässt. Mit jeder neuen Position löst die Protagonistin eine Reihe von Problemen ihrer Kolleg*innen oder Kund*innen. Das macht „Lasst mich einfach hier sitzen und Yakisoba essen“ (der Originaltitel lässt sich übrigens mit „Es gibt keine einfache Arbeit“ übersetzen) zu einer heiteren, oft surrealen Lektüre über die Arbeitswelt und das soziale Gefüge von heute. Simone Bauer
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Kikuko Tsumura „Lasst mich einfach hier sitzen und Yakisoba essen“ ( Aus dem Japanischen von Katja Busson. Eichborn, 290 S., 18 Euro )

Grelles Licht für darke Leute
Hunderte zurückgelassene Kühlschränke einer stillgelegten Fabrik sind der Lieblingsspielplatz der anwohnenden Kinder. Doch die Geräte können leicht zur tödlichen Falle werden, wie zwei Geschwister mit Entsetzen feststellen. Als Jahrzehnte später ein Einkaufszentrum auf dem Gelände geplant wird, begeben sich die beiden an den Ort ihrer Kindheit zurück, um sich den eigenen Taten zu stellen. „Friedhof der Kühlschränke“ ist eine von zwölf Kurzgeschichten in Mariana Enriquez’ „Grelles Licht für darke Leute“. Während diese Story nur wenige übernatürliche Elemente enthält, sind andere bevölkert von mörderischen Geistern, lebenden Toten und sehr viel Body Horror. Es ist ihr großes Talent, wie sie alltäglichen Horror – Femizide, Obdachlosigkeit, Sucht – in fantastische Situationen übersetzt und damit allegorisch die Grausamkeit unserer echten Welt hervorhebt. Die Argentinierin gehört zu den wichtigsten Gegenwartsautor*innen Lateinamerikas. Gerade die Storys mit punktuell eingesetztem Horror bleiben in Erinnerung, während anderen ein wenig mehr Subtilität gutgetan hätte. Auch in ihr Monumentalwerk „Unser Teil der Nacht“ über die Militärdiktatur, mit dem sie einen Überraschungserfolg landete, ließ die Autorin gekonnt Horrorelemente einfließen. Wer vom Umfang ihres Opus magnum zurückschreckt, bekommt bei „Grelles Licht“ einen ersten Eindruck ihrer Art zu schreiben. Isabella Caldart
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Mariana Enriquez „Grelles Licht für darke Leute“ ( Aus dem Spanischen
von Silke Kleemann und Inka Marter.
S. Fischer, 272 S., 25 Euro )

Gute Momente
Mely Kiyak beobachtet die Welt um sich herum. Herrische Berliner Busfahrer*innen, die Fahrgäste zurechtweisen. Nachbarn, die sie besser über Sonderangebote im Supermarkt informieren als Reklameheftchen. Die Eigenheiten von Familienmitgliedern, die sie durch das Gesundheitssystem begleitet. Die kurzen Texte des Bandes erschienen vorher als gleichnamige Kolumne bei „Die Zeit“. Auf poetische und ungeschönte Weise beschreibt Mely Kiyak darin Großstadtbetrachtungen, zwischenmenschliche Beziehungen und ihre Begeisterung für klassische Musik. Kiyak erzählt über schönes Alltägliches und kritisiert das gesellschaftlich-politische Klima. Sie prangert miserable Sozialpolitik an. Und zu ihrer kritischen Auseinandersetzung mit dem Aufstieg von Faschist*innen und Rassist*innen gehört auch, trotzig zum Widerstand aufzurufen. Mely Kiyak verfällt weder in naiven Optimismus noch in Resignation. Mit einem scharfen Blick arbeitet sie Stereotype heraus und sich an ihnen ab: Sie lästert über bürgerliche „Daunendaddys“ – aber auch über Menschen, die auf der Straße leben. Ihr sarkastisch spottender Ton, der scharfsinnig ist und eine*n regelmäßig zum Lachen bringt, tritt so allerdings auch nach unten. „Gute Momente“ ist eine unterhaltende Lektüre über das Jetzt. Kiyak übertritt mit ihrer derben Sprache jedoch manchmal die Grenze zur Abwertung. Maike Huber
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Mely Kiyak „Gute Momente“ ( Mikrotext, 218 S., 25 Euro )

Größe zeigen
Als Kate Manne, Philosophin an der Cornell University, Anfang 2019 mit ihrer Misogynie-Studie „Down Girl“ auf Lesereise gehen sollte, wollte sie nicht: „Ich fühlte mich zu dick, um als Feministin in der Öffentlichkeit bestehen zu können.“ Mit diesem Geständnis eröffnet sie ihr Buch „Unshrinking. How To Fight Fatphobia“ (2024), das nun endlich auf Deutsch erschienen ist. Manne erzählt darin sehr persönlich von Beschämung, zahllosen Diäten, blankem Hungern. Sie stellt politische Kämpfe gegen Dickenfeindlichkeit vor und beschreibt, wie Gesundheit, Attraktivität, Moral, Intelligenz mit größter Selbstverständlichkeit an den BMI gekoppelt werden. Die Folgen reichen von Mobbing bis zu lebensgefährlichen Fehldiagnosen. Und sie analysiert, wie fettfeindliche Gewalt sich mit rassistischen Konzepten und Geschlechterhierarchien verbindet. Ihr Buch ist Memoir, Analyse und Kampfansage in einem – voller Zorn und Schmerz, politischen Argumenten und philosophischem Scharfsinn. Es mündet in ein Konzept der „Körperreflexivität“, in dem Körper einfach gar nicht bewertet werden. Manne bindet es „an eine radikale Politik der Autonomie, die das Recht verteidigen würde, dick, trans, nonbinär, queer oder behindert zu sein“. Und manchmal verflucht sie auch ganz einfach und unphilosophisch die Diätkultur – „zum Teufel“ mit ihr. Sabine Rohlf
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Kate Manne „Größe zeigen. Wie wir Fettfeindlichkeit bekämpfen können“
( Aus dem Englischen von Karin Wördemann. Suhrkamp, 352 S.,
30 Euro )

Autobiografie meines Körpers
„Bereit, verdroschen zu werden“. So fühlt sich Lize, wenn sich ihre Eltern bei ihr melden. Gezeichnet von einer alkoholkranken Mutter und einem Vater, den sie im Buch zwar nie als Alkoholiker bezeichnet, der aber wohl ohne Zweifel als solcher gilt, findet Lize ihren eigenen Körper als Trümmerhaufen wieder. Diabetes, Depressionen, Angststörungen. Ihre Kindheit hat Spuren hinterlassen. Auch im Erwachsenenalter ist ihr Körper noch gezeichnet von Narben. Die Autorin nutzt diese Verletzungen, nicht alle davon sichtbar, um sich an Ereignissen des Aufwachsens entlangzuhangeln. Es braucht etwas Zeit, um mit dem Buch warm zu werden. Dieses autofiktionale Werk der belgischen Autorin Lize Spit springt zwischen Gegenwart, Vergangenheit und kindlichen Tagebucheinträgen. Der Anfang erscheint etwas abrupt. Schnell werden die Grundzüge der Geschichte dargelegt, erst schleichend geht es dann wirklich in die Tiefe. Aber ebenso viel Zeit scheint Lize zu brauchen, um mit ihrer Mutter Gespräche zu führen, die sie schon ihr ganzes Leben vor sich herschiebt. Über ihr Aufwachsen, über das Trinken und den Tod. Letzterer lauert schon vor der Tür. Ihre Mutter trinkt so viel, dass die Diagnose Speicheldrüsenkrebs fast schon logische Konsequenz ist. Die Autorin findet ehrliche, harte Worte für die Mutter. Dem Vater gegenüber ist sie weit weniger anklagend. Man wartet zeitweise vergeblich darauf, dass ihm ebenso viel Verantwortung zugeschrieben wird wie der Mutter. Trotzdem findet sie zum Ende auch für diese sanftere Worte. Die Frage, ob Lize sich selbst die Liebe zu ihrer Mutter abkauft, bleibt aber offen. Denn wie für viele Betroffene fühlt sich die Beziehung zu ihren Eltern, die nie wirklich anwesend sind, auch für Lize mehr nach Verpflichtung an als nach intrinsischem Bedürfnis. Das Buch ist kein feministisches Meisterwerk. Aber es ist ehrlich und mutig. Was sonst verborgen bleibt, erblickt hier das Licht der Welt. Farina Dobs
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Lize Spit „Autobiografie meines Körpers“ ( Aus dem Flämischen von Helga von Beuningen. S. Fischer, 400 S., 26 Euro )
Dieser Text erschien zuerst in Missy 01/26.
