Machen Frauen die härteren Filme?
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Der Begriff „Female Gaze“ ist in feministischen Kreisen mittlerweile so abgegriffen wie jener der „toxischen Männlichkeit“. Höchste Zeit, mal wieder genauer hinzusehen, was dieser „weibliche Blick“ eigentlich meint. Das scheint zumindest das Vorhaben hinter lsa Willingers neuem Dokumentarfilm „No Mercy“ gewesen zu sein.
Am Anfang steht ein provokanter Satz der ukrainischen Regisseurin Kira Muratova: „Frauen machen die härteren Filme.“ Was folgt, ist ein vielfältiges, mitunter brutales Porträt eines halben Jahrhunderts weiblicher Regie.
Zu Wort kommen Filmemacherinnen wie Catherine Breillat und Margit Czenki, die die frühen Jahre des feministischen Kinos prägten, nachdem die Filmtheoretikerin Laura Mulvey in den 1970er-Jahren erstmals den „Male Gaze“ und seine Darstellung von Frauen als passives Beiwerk kritisierte. Aber auch Regisseurinnen wie Joey Soloway, Marzieh Meshkini, Ana Lily Amirpour oder Alice Diop, die seit der Jahrhundertwende weibliches Filmschaffen mitgestalten, bekommen eine Bühne.
Entstanden ist kein einheitliches Manifest, sondern ein Chor widersprüchlicher Ansätze. Protagonistinnen müssten genauso lustvoll morden und grenzüberschreitend begehren wie ihre männlichen Pendants, finden manche. Andere meinen, Bekanntes müsse aus neuer Perspektive erzählt werden – etwa, wenn bei einer Vergewaltigungsszene entgegen der Sehgewohnheit nur der männliche Täter entblößt wird. Wieder andere wollen die Gegenüberstellung von „Male“ und „Female Gaze“ grundsätzlich hinter sich lassen.