Musiktipps 01/26
Von

Dry Cleaning
„Secret Love“
( 4AD )
Synthesizer, monotoner Beat, gehauchte Worte, harte Gitarre. Mit dem Opener „Hit My Head All Day“ ihres dritten Albums gibt die Postpunk-Band Dry Cleaning direkt den Ton für den weiteren Verlauf der Platte vor. Irgendwo spielt auch noch jemand Bass, aber im sphärischen Klangteppich, den das Londoner Quartett akribisch webt, verschwimmen die einzelnen Instrumente bisweilen. Es ist ein düsteres Unterfangen, eine musikalische Odyssee, die von den Zuhörenden Geduld und absolute Aufmerksamkeit verlangt. Leadsängerin Florence Cleopatra Shaw singt im zweiten Song „Cruise Ship Designer“ die Zeile „Make sure there are hidden messages in my work“. Und tatsächlich verstecken sich die Inhalte oft in der fragmentierten Poetik. Auch ein zweites und drittes Hören offenbart nicht unbedingt alles; die Absurdität, die sich mit Intimität und Wut paart, lässt sich aber zwischen den Zeilen erkennen. Es wird sowohl über Angst und Ohnmacht angesichts der politischen Lage philosophiert, als auch selbstkritisch über die Liebe zur Ordnung gesungen – trotz fehlender Lust aufs Putzen. Spätestens wenn im sehnsüchtigen „I Need You“ die Zeile „My dream house is negative space“ erklingt, wird es eng ums Herz. Die Botschaft wird vielleicht nicht komplett verstanden, aber gefühlt.

6euroneunzig
„Fotzen An Die Macht“
( VÖ: 06.02. )
–
„Jetzt kommen die Fotzen an die Macht / Ich will, dass alles hier zusammenkracht“, singt das Berliner Rap-Duo 6euroneunzig auf ihrem Fokustrack der neuen EP „Fotzen An Die Macht“. Und was soll zusammenkrachen? Das Patriarchat natürlich. Auf zehn Tracks reißen sie alles nieder, was ihnen im Weg steht – gesellschaftliche Erwartungen, Slutshaming, kapitalistische Ausbeutung, Reichtum und Männer. Ihre Musik beschreiben sie als Fotzenrap, Tussitechno und Pussypop – Letzterem haben sie kurzerhand eine Single gewidmet, gemeinsam mit Hyperpop-Star Mariybu und DJ HugoBass303. „Einfach In-die-Fresse-Musik, die eine Message vermittelt und trotzdem tanzbar ist“, sagen Kat und Nina von 6euroneunzig dazu. Kennengelernt haben sie sich bei einem Schauspielvorsprechen in Berlin. Zwar flogen beide in Runde drei raus, doch danach war der Weg frei für ihre „fotzige“ Musikkarriere, mit der sie nun die deutsche Rap-Landschaft aufmischen. Ihre Songs sprechen besonders die Gen Z an – Polykrisen, ausbrechen wollen etc. – mit Techno-Beats und Lyrics, die sagen, wie’s ist, und dazu einladen, einfach den Ass zu shaken.
Selina Hellfritsch

FKA twigs
„EUSEXUA Afterglow“
( Young and Atlantic Records )
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Bevor man einen Club betritt, hört man von außen nur seine dumpfen Klänge. FKA twigs lässt uns mit „Afterglow“ eintreten, und plötzlich sind wir Teil einer anderen Welt. Von der Annäherung über die Ekstase, mit Pausen zum Kräftesammeln, bis hin zum melancholischen Abschluss werden die Hörer*innen auf eine Night Out eingeladen, die durch den ganzen Körper bebt. Mystisch und melodisch, aber trotzdem breit und bassig knüpft FKA twigs an ihr vorheriges Album „EUSEXUA“ an. „Afterglow“ überzeugt aber nicht nur als Nachfolgerin, sondern kombiniert die R’n’B-ähnliche Smoothness ihrer früheren Alben mit der neu gewonnenen Härte eines avantgardistischen Technos. Egal, welche ihrer Ären man betrachtet, Vulnerabilität bildet den roten Faden. Wer sich mit FKA twigs’ Werk auseinandersetzt, kann die Multidimensionalität ihrer Arbeit als Tänzerin, Schauspielerin und Musikerin spüren. Das vierte Studioalbum der Engländerin ist eine körperliche Erfahrung, die zur Bewegung und zur Verrenkung einlädt. Wer sich bereits bei „EUSEXUA“ in einen Rave versetzt gefühlt hat, landet mit „Afterglow“ auf der Afterparty. FKA twigs sieht die Raveszene als einen Raum, der Veränderung im Inneren bewirken kann. Mit „EUSEXUA“ beschrieb die Künstlerin „das Nichts, den Fokus, den eine Person in den Momenten spürt, die zu einem Orgasmus führen“. „Afterglow“ folgt danach als eine Meditation.
L. A. Evans

Florence + The Machine
„Everybody Scream“
( Universal )
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2022 beendeten Florence + The Machine das Album „Dance Fever“ mit einem Schrei nach Hoffnung, drei Jahre später folgt mit „Everybody Scream“ ein Konzeptalbum zur Female Rage. Schon im cineastischen Musikvideo zum Titeltrack laden ekstatische Chöre auf den Blocksberg ein, wo die Atmosphäre haften bleibt. Das selbsternannte Horroralbum von Florence Welch und ihrer Band könnte mit seiner enormen Bildsprache ganze Seiten voller Analysen füllen – von Body Horror („I grow many arms and legs“ im Song „Kraken“) über animalische Triebe und den Wunsch zu töten, wie in „The Old Religion“, bis hin zu mythologischen Querverweisen – die Lyrics platzen vor Leitmotiven. Klares Feindbild: das Patriarchat. Genauer gesagt dessen Auswirkungen auf FLINTA. Das Reclaiming des Monströsen und Animalischen ist die sorgsam arrangierte Antwort auf die Gegenwart. Zwischen Harfen, Chören und Vibes wie aus ihrem zweiten Album „Ceremonials“ wird Welch zur Anführerin des Hexenzirkels. Der Abschied von der Rolle der unterwürfigen, gutmütigen Figur und die Hinwendung zur eigenen düsteren Seite bilden die Metapher eines feministischen Widerstands. Das Ergebnis: ein wütendes Manifest.
Julia Köhler

Imany
„Women Deserve Rage“
( Universal )
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Ein Mut machendes Trennungsalbum ist die sechste Platte der franko-komorischen Folk-Pop-Künstlerin Imany. Hier geht es nicht nur um das Ende einer Beziehung, sondern um die Zeit danach. Der Titel „Women Deserve Rage“ ist doppeldeutig: „When you try to leave / it is the hardest period / because they basically lose their minds“, heißt es in einem der Interludes. Imany will ihrer eigenen Wut Raum geben, auch dann, wenn der Ex in seinem Trennungsschmerz droht, alles einzunehmen. „We did the best we could / there’s nothing else to prove“, singt sie in „My Own Story“ noch recht versöhnlich, um ihn in „So Now You Call Me Crazy“ nicht mit seinem Um-sich-Schlagen davonkommen zu lassen. Beide Songs gehören zu den klaren Highlights, doch es lohnt sich, das Album als Ganzes zu hören – allein schon, um sich zu den Afro-Pop-Beats von „Your Funeral“ den Beziehungsfrust aus dem Leib zu tanzen. Angeführt von ihrer eindringlichen Soulstimme nimmt die 46-jährige Pariser Sängerin ihre Zuhörer*innen mit auf eine Reise zu einem neuen Selbst. Tiefe Bässe, Streicher, Bläser und Elektro-Experimente gehören zu den Stilmitteln, mit denen sie der Komplexität ihrer Emotionen Ausdruck verleiht. Charakteristisch sind zudem die Chöre und Handclaps, die dem Sound eine körperliche Komponente geben und ein heilsames Gemeinschaftsgefühl heraufbeschwören.
Eva Szulkowski

Rosalía
„LUX“
( Columbia / Sony )
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Jeder Spaziergang in klirrender Kälte lässt sich romantisieren, wenn man dabei Rosalías neues Album hört. Einflüsse aus Klassik, Fado, Pop, Reggaeton und Flamenco wechseln sich in einzelnen Tracks ab, dazu kommen Features mit Björk, Carminho und Yves Tumor sowie das London Symphony Orchestra. Dabei beeindruckt das Album nicht nur mit pompösen Aufgeboten wie der ersten Single „Berghain“, sondern auch mit reduzierten Stücken wie „Sauvignon Blanc“. Doch nicht nur deswegen ist „LUX“ in aller Munde. Selten hat sich ein Album so ausführlich von (angehenden) Musikkritiker*innen sezieren lassen. Die Feeds sind voll mit Erklärvideos zu winzigen Details und selbst Streamingdienste reagieren mit neuen Übersetzungsfunktionen, um das Album besser verstehen zu können. Das ist nämlich gar nicht so leicht. Neben Spanisch singt Rosalía in zwölf anderen Sprachen – darunter Japanisch, Arabisch und Ukrainisch. Inspiration fand sie bei Mystikerinnen und Heiligen wie Rabia von Basra oder auch Hildegard von Bingen. Ihr erklärtes Ziel, Spiritualität poetisch zu erzählen, erfüllt „LUX“ mühelos – ohne abgehoben zu wirken. Zeilen wie „Für dich würde ich den Himmel zerstören / für dich würde ich die Hölle vernichten“ (aus den arabischen Lyrics von „La Yugular“) treffen auch als Liebeskummer-Metaphern. So ist „LUX“ der Lichtblick in einer Zeit, in der Tracks immer kürzer und auswechselbarer werden.
Nadine Al-Bayaa

Jessie J
„Don’t Tease Me With A Good Time“
( Virgin Music Group / Universal Music )
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Mit „Do It Like A Dude“ landete Jessie J 2011 ihren ersten Hit. Kurz darauf folgten weitere Erfolge, u. a. der massive Hit „Bang Bang“ (2014). Wer sonst nichts von der Britin kennt, wird zumindest eines wissen: Die Soulstimme, die ist da. Umso überraschender ist dann natürlich, wie ruhig „Don’t Tease Me With A Good Time“ daherkommt. Es geht aber auch anders: Die ausgekoppelte fast Daft-Punk-artige Single „H.A.P.P.Y.“ öffnet etwa den Achtzigerjahre-Tanzboden. „Das Licht nach der Trauer“, wie Jessie J es selbst in Worte fasst. Ihr sechstes Album präsentiert Jessie J nach ganzen sieben Jahren, fünf davon verbrachte sie immer wieder im Studio. Die Melancholie in den R’n’B-Songs kommt nicht von ungefähr. Es waren Jahre voller Schmerzen: 2021 erlitt sie eine Fehlgeburt. 2024 erhielt sie die Diagnosen ADHS und Zwangsstörung. Und erst im Juni des vergangenen Jahres unterzog sie sich wegen Brustkrebs im Frühstadium einer Operation. Ihre Tour verschob sie deswegen auf dieses Jahr. Das 16 Songs starke Album endet mit einer Klaviernummer, die ihre Stimme einmal mehr glänzen lässt: „The Award Goes To“ … ganz sicher an sie selbst für dieses verletzliche Stück.
Simone Bauer

Amanda Bergman
„Embraced For A Second As We Die“
( The Satchi Six & Arketyp )
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Mit „Embraced For A Second As We Die“ veröffentlicht die schwedische Singer-Songwriterin Amanda Bergman ihr drittes Soloalbum, nachdem vorab bereits „Mexico“ und „Is This How You Said You’d Be Gone“ als Singles erschienen sind. Schon der Opener „Common Like The End“ hüllt die Zuhörer*innen in sanfte, melodische Klänge. Bilder vom Roadtrip auf amerikanischen Highways oder von einer Zug-
reise die schwedische Küste entlang schieben sich vor das innere Auge. Inhaltlich knüpft Amanda Bergman an ihr zweites Album an: Einschneidende Lebensereignisse und die Komplexität von Beziehungsgefügen ziehen sich als roter Faden durch die Songs. „Is This How You Said You’d Be Gone“ etwa kreist um die Stille, die nach einem plötzlichen Verlust auftritt, und darum, wie sich das Leben danach neu ausrichten darf. Musikalisch tragen eingängige Drum- und Bassrhythmen das Album, während Gesang, Keyboard und Gitarre sich harmonisch darumlegen. Wer sich warm eingekuschelt auf eine melodisch-bunte Indie-Pop-Folk-Entdeckungsreise begeben möchte, sollte sich Amanda Bergmans drittes Album definitiv anhören.
Sandra Prinz

OG LU
„assig aber cute“
( URBAN )
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Wer gerade ein Ventil sucht, um ordentlich Dampf abzulassen, könnte mit „assig aber cute“ gut bedient sein. Auf ihrem zweiten Solo-Tape lässt OG LU ihrer Wut freien Lauf und rappt auf eindringlichen Beats und mit tiefer Stimme über politisches Versagen, nervige Männer und „Girlhood“ – in typischer OG-LU-Manier: „Polarisierend / weil alles ein Hot Take“, wie sie auf dem Track „O’Malley“ rappt. Eigentlich sollte „assig aber cute“ nur der Name ihrer zweiten Tour sein, doch schnell wurde klar, dass die beiden Adjektive auch den Albumtitel tragen würden. Mit ihnen identifiziert sich OG LU am meisten, erzählt sie im Interview mit Musikjournalist Aria Nejati. Eine „Frankfurter Barbie“, aufgewachsen im Gallusviertel, zwischen Bankentürmen und Drogenabhängigkeit, zwischen Spaß-Haben und Am-Weltschmerz-Zerbrechen. OG LU ist so facettenreich wie ihre Heimatstadt und genau das zeigt sich in ihrer Musik wie in den Visuals. Auf Tracks wie „Hasskick“ mit der Berliner Künstlerin Wa22ermann, „Bossbabe“ oder „Komm“ gibt es Straßensound, wie man ihn von Frankfurter Künstler*innen bereits kennt – „assig“ halt. Cute zeigt sie sich auf dem Track „Hanni und Nanni“, aber Punchlines wie „Schwester hat Stress, also box’ ich mich / Ich hab’ kein’n Plan, wer du Opfer bist / Was du verdienst, Junge, bockt mich nicht / Ich weiß nur, dass du heut noch ein’n Korb kassierst“ dürfen dann doch nicht fehlen.
Loredana Duregger

Zeyne
„AWDA“
( MDLBEAST Records )
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Die tiefe Verbindung zu ihren Wurzeln zeigte die palästinensisch-jordanische Singer-Songwriterin Zeyne bereits in ihrem viralen Song und Musikvideo „asli ana“ (2024). In ihrem darauffolgenden Debütalbum „AWDA“ entfaltet sie diese Identität. Statt Hyper-Pop-Dopamin-Schub setzt Zeyne auf R’n’B-Sound der 2000er, kombiniert traditionelle arabische Instrumente mit Dream Pop und einem Hauch Dancehall. Tanzbar wird es durch eine neue, weibliche Interpretation des Dabke, ein traditioneller Tanz der Levante, der Frauen hier zu kämpferischem Stampfen, Klatschen und Schreien animiert. Im Vordergrund steht ihre Identität als arabische Frau, die von starken palästinensischen Frauen abstammt, deren Traditionen sie ehren will, während sie zugleich ihren eigenen Weg der Selbstermächtigung geht. „AWDA“ (dt.: „Rückkehr“) ist eine Reise, die mit der Gemeinschaft beginnt, sich in der Liebe verliert, im Schmerz zusammenbricht, bevor sie zu sich selbst zurückführt – wie eine Art Heimkehr. Jeder Song geht nahtlos in den nächsten über. Eine Schleife aus Wut, Schuld, Freude und Hoffnung, bei der Zeyne die lebensbedrohliche Krankheit ihrer Mutter, eine zerbrochene Beziehung und das kollektive Trauma der Palästinenser*innen verarbeitet.
Nada Ftouni
Dieser Text erschien zuerst in Missy 01/26.