Warum kenne ich keine Täter?
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In deinem Film geht es um eine Vergewaltigung, es wird allerdings aus der Perspektive der Schwester des Mannes erzählt, der der Tat beschuldigt wird. Wie kamst du dazu, dich aus diesem ungewöhnlichen Blickwinkel mit den Themen sexualisierte Gewalt und Täterschaft zu beschäftigen?
Die Idee entstand, als ich auf einem Banner bei einer Demo gelesen habe: „Warum kenne ich so viele Betroffene von sexualisierter Gewalt, aber keine Täter?“ Die Frage ist mir hängen geblieben und ich hatte das Gefühl, es wäre doch mal interessant, diesen Mechanismus zu untersuchen. Warum ist es so viel schwerer, Täter in unseren engen sozialen Kreisen zu erkennen,
im Verhältnis dazu, wie leicht es scheint, richtig von falsch zu unterscheiden, wenn es nichts mit mir persönlich zu tun hat? Mit meiner Co-Autorin Agnes Maagaard Petersen habe ich dann entschieden, dass wir eine Geschwisterkonstellation besonders interessant fänden. Man kann jemanden canceln, den man in den Nachrichten sieht, man kann sagen: Ich will die Filme nicht mehr gucken, die die Person gemacht hat. Aber die eigenen Geschwister sieht man an Weihnachten, auf Hochzeiten und an anderen Feiertagen wieder.
Und man nimmt seine Geschwister anders wahr als Freund*innen. Da fällt eine Auseinandersetzung oder Distanzierung noch mal schwerer, oder?
Es ist natürlich von Familie zu Familie unterschiedlich. Aber ich habe einen großen Bruder, dem ich sehr nah bin. Während des Gedankenexperiments habe ich gemerkt: Es würde auch so viele meiner Erinnerungen und viel von mir selbst infrage stellen. Ist das was, das der Person inhärent ist, oder war es ein „Ausrutscher“? …