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Interview: Nina Scholz

Bettina, du hast gerade online zwölf Argumente veröffentlicht, warum wir einen feministischen Streik brauchen. Worum geht es konkret in diesem Moment? 

Bettina Kohlrausch: Wir erleben einen Rollback. Erkämpfte Frauenrechte werden wieder zurückgenommen – nicht nur in den USA, auch hier. Das passiert auf dem Arbeitsmarkt, aber auch als massiver Angriff auf reproduktive Selbstbestimmung. Die Pandemie hat außerdem offengelegt, dass Sorgearbeit weder als Arbeit anerkannt noch gesellschaftlich mitgedacht wird. Das betrifft nicht nur Kinderbetreuung, sondern alle Formen des Sich-Kümmerns.

Hattest du bei deinen Postings eine bestimmte Streiktradition im Kopf? 

BK: Ich dachte an den Care-Streik in Island am 24. Oktober 1975. Damals legten etwa neunzig Prozent der weiblichen Bevölkerung ihre Arbeit nieder,

um die mangelnde Gleichstellung zu thematisieren. Ich dachte aber auch an den Roman „Und alle so still“ von Mareike Fallwickl über Frauen, die sich einfach hinlegen. Die Verweigerung von Care-Arbeit würde so viel sichtbar machen.

Lirija, in der Schweiz gibt es – anders als in Deutschland – seit 1991 eine ausgeprägte feministische Streiktradition. Wieso gerade dort? 

Lirija Sejdi: Am 14. Juni 1991 fand der erste große Frauenstreik statt – bewusst an diesem Datum und nicht am 8. März, weil am 14. Juni 1981 der Gleichstellungsartikel angenommen wurde, ohne dass danach viel passierte. Seitdem gibt es regelmäßig Aktionen am 14. Juni. Zwischenzeitlich wurde es ruhiger, aber 2019 erlebten wir den größten Streik in der Schweizer Geschichte seit dem Generalstreik 1918. In der Folge entstanden in verschiedenen Schweizer Städten die feministischen Streikkollektive, die bis heute bestehen und teilweise gewachsen sind.

Du gehörst zum Streikkollektiv in Bern. Wi…