Lieblingsstreberin: Ulana Khomyuk
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Ein Blick auf die Messdaten aus der Luft am Morgen des 26. April 1986 reicht Ulana Khomyuk (Emily Watson), der leitenden Physikerin am Belarussischen Institut für Kernenergie in Minsk, um zu begreifen, dass etwas Schreckliches geschehen ist. Ein paar Telefonate später ist sie sicher: Es muss im vierhundert Kilometer entfernten Kernkraftwerk Tschernobyl passiert sein.
Entschlossen marschiert die etwa Fünfzigjährige in der preisgekrönten Miniserie „Chernobyl“ ins Büro des regionalen Parteibürokraten und fordert Schutzmaßnahmen für die Bevölkerung. Nachdem sie nur verlacht wird, macht sich Khomyuk kurzerhand auf den Weg in die Ukrainische SSR, in das nahe des Kraftwerks gelegene Prypjat. Dort leben 50.000 Menschen, die noch nicht ahnen, dass sie in höchster Gefahr schweben. Khomyuk setzt das eigene Leben aufs Spiel, um ihre Expertise bei der Bekämpfung der Katastrophe anzubieten.
Heute, vierzig Jahre später, weiß fast jede*r, wofür Tschernobyl steht: das schwerste Reaktorunglück der Geschichte. Doch zunächst vertuschten und verharmlosten die Verantwortlichen das Ausmaß. Khomyuk tritt als resolute Kämpferin gegen diesen verheerenden Umgang mit dem Super-GAU auf – und umgeht dabei furchtlos von oben verhängte (Informations-)Blockaden.
Im Gegensatz zu vielen anderen Charakteren der Serie ist sie keiner realen Person nachempfunden, sondern eine kollektivbiografische Kunstfigur. Khomyuk stehe stellvertretend für jene sowjetischen Wissenschaftler*innen, die unermüdlich daran arbeiteten, das Inferno einzudämmen, und dafür auch politische Verfolgung in Kauf nahmen, heißt es im Abspann. Dass sie aus Minsk kommt, ist sicherlich kein Zufall. So lässt sich noch thematisieren, dass Belarus besonders betroffen war: Siebzig Prozent des radioaktiven Regens gingen dort nieder.
Mitunter ist Khomyuk fast zu perfekt – zu integer, selbstlos und klug –, um authentisch zu sein. Doch wie sich die Figur gegen alle Widerstände zur Anwältin von Wahrheit und Menschlichkeit macht, ist in Zeiten wie unseren auch hochaktuell.
Dieser Text erschien zuerst in Missy 02/26.