© eksystent Filmverleih, Tobo Media, Du Coup Studio Production, Maison 43

Hola Frida

Als Kind malte Frida Kahlo auf ein beschlagenes Fenster eine Tür, um in eine Fantasiewelt zu gelangen und den durch eine Kinderlähmung verursachten Schmerzen in ihrem Bein zu entrinnen. „Ich muss sechs Jahre alt gewesen sein, als ich die imaginäre Freundschaft mit einem Mädchen in meinem Alter intensiv lebte“, schrieb sie 1950 in ihr Tagebuch.

Mit diesem Zitat beginnt der Animationsfilm „Hola Frida“, der auf dem Kinderbuch „Frida, c’est moi“ basiert und von den jungen Jahren der weltberühmten Malerin erzählt. Frida Kahlos Resilienz, ein Hauptmotiv des Filmes, muss sich früh entwickeln, denn ihr verkümmertes Bein macht sie zum Ziel für Mobbing. Die Regisseur*innen Karine Vézina und André Kadi machen mehrfach deutlich, wie das Mädchen mit den buschigen Augenbrauen und dem wachen Geist seine Realität selbst formt. Eingetaucht in Kahlos Lieblingsfarben wie Kobaltblau, Gelb und Magenta wachsen der animierten Version genau dann Flügel, wenn ihr Bein beim Seilspringen versagt. Die Geschichte, die auch von dem schweren Busunfall der Malerin während ihrer Universitätszeit erzählt, lässt Zeichnungen von Kahlo, historische Geschehnisse wie die mexikanische Revolution und den Götterglauben der Urbevölkerung Mexikos, der Zapoteken, zu einem gefühlvollen, informativen Film heranwachsen, der kulturelle Identität und weibliche Selbstbestimmung feiert. 
Yuki Schubert


„Hola Frida “ FR/CAN 2024 ( Regie: Karine Vézina, André Kadi. 82 Min., Start: 19.03. )

© Pifflmedien

Romería

Der Begriff „Romería“ bezeichnet auf Spanisch eine Pilgerfahrt, und in gewisser Weise ist es genau das, was Marina (eine überzeugende Llúcia Garcia in ihrer ersten Rolle überhaupt) auch tut. Die 18-jährige Protagonistin im gleichnamigen Film der gefeierten katalanischen Regisseurin Carla Simón besucht erstmals die Familie ihres Vaters in Vigo. Eigentlich benötigt sie nur ein Dokument für die Uni, das ihren Status als Waise bescheinigt. Doch Marinas Romería wird zu mehr als einem bürokratischen Akt. In Galizien lernt sie nicht nur die ihr bis dato unbekannte Familie kennen, sondern erfährt auch die Wahrheit über den frühen Tod der Eltern.

Mit „Romería“ kehrt Simón erneut zu einem autobiografischen Stoff zurück. Neben der Geschichte ihrer eigenen Eltern erinnert sie auch an ein dunkles Thema im Spanien nach Ende der Franco-Diktatur: die große Verbreitung von Heroin, wovon in den 1980er-Jahren mehrere Hunderttausend Menschen abhängig waren. Der Film geht aber weit über diesen Handlungsstrang hinaus. Ruhig erzählt, mit Mut zu Leerstellen und magisch angehauchten Momenten beschreibt er die Aushandlung einer Jugendlichen mit sich selbst und fragt, ob Blutsverwandtschaft auch Familie bedeutet. Besonders stark: Die aus dem Off vorgelesenen Tagebücher stammen in echt von Simóns Mutter. Ein leiser, melancholischer Film frei von Sentimentalitäten. 
Isabella Caldart


„Romería“ ES/DE/FR 2025 ( Regie: Carla Simón. Mit Llúcia Garcia, Tristán Ulloa, Mitch Martín u. a., 115 Min., Start: 02.04. )

© MANDARIN & COMPAGNIE KALLOUCHE CINEMA FRAKAS PRODUCTIONS FRANCE 3 CINEMA

Alpha 

Eine junge Frau wird zur Kannibalin („Raw“), eine andere hat Sex mit einem Auto („Titane“) – die Filme der französischen Regisseurin Julia ­Ducournau erzählen drastisch von körperlichen Veränderungen. Unter dem Stichwort „Bodyhorror“ fassen Kritiker*innen gerne ihr Werk zusammen. Mutationen, sagt die Regisseurin selbst dazu, die – erst als zweite Frau überhaupt – 2021 die Goldene Palme in Cannes gewann. Sehr eigenständig sind nun auch die Bilder, die sie für die Geschichte ihres neuen Filmes „Alpha“ gefunden hat. Nordfrankreich, 1980er-Jahre: Teenagermädchen Alpha (Mélissa Boros) kommt von einer Party mit einem frischen und vermutlich mit einer verschmutzten Nadel gestochenen Tattoo zurück, ihre alleinerziehende Mutter (Golshifteh Farahani) ist besorgt. Denn als Ärztin ist sie gerade täglich mit einem neuen, bedrohlichen Virus konfrontiert, das Menschen langsam und schmerzhaft in marmorhafte Statuen verwandelt. Auch Alphas suchtkranker Onkel (Tahar Rahim) ist daran erkrankt. Diese merkwürdige Metapher für HIV ermöglicht Ducournau, von menschlichen Erfahrungen und Ängsten zu erzählen, ohne zu historisieren: von Mutter- und Geschwisterliebe, vererbtem Trauma, vom Loslassen geliebter Menschen und der Sorge um Kinder. Die Geschichte von der Mutter, die – zu viel? – liebt, ist dabei etwas konventioneller, als der Look des Filmes vermuten lässt; die bombastische Musikbegleitung sagt dem Publikum etwas zu deutlich, was es fühlen soll. 
Anna Mayrhauser


„Alpha“ FR/BE 2025 ( Regie: Julia Ducournau. Mit Mélissa Boros, Golshifteh Farahani, Tahar Rahim, Emma Mackey u. a., 128 Min., Start: 02.04. )

©Philistine Films LLC_All Before You Limited_MK Productions_Snowglobe_Film I Väst_British Broadcasting Corporation_The British Film Institute 2025_Alamode Film

Palestine 36

Mit „Palestine 36“ setzt die palästinensische Regisseurin und Drehbuchautorin Annemarie Jacir ihre Auseinandersetzung mit Geschichte, Identität und kolonialer Gewalt fort. Der Film erzählt vom Aufstand gegen die britische Kolonialherrschaft in Palästina 1936–1939. Das biografische Historiendrama verbindet geschichtliche Ereignisse mit individuellen Lebenswegen, wirkt aber an manchen Stellen durch die Vielzahl paralleler Charakterstränge überladen; weniger Nebenhandlungen hätten dem Plot mehr Klarheit und emotionale Tiefe verliehen.

Beeindruckend ist der Cast: Hiam Abbass, Saleh Bakri (Sohn der Schauspiellegende Mohammad Bakri), Jeremy Irons u. v. m. Als New­comer überzeugt Karim Daoud Anaya, geboren im Westjordanland und aktuell Ensemblemitglied am Berliner Gorki Theater.

Der Film macht deutlich, wie die Brit*innen die Palästinenser*innen politisch entmündigten und terrorisierten, um die Grundlage für einen jüdischen Staat zu legen. Ein Kapitel, das im deutschen Schulsystem kaum behandelt wird, obwohl es den Beginn systematischer Repressionen gegen die palästinensische Bevölkerung markiert. Dass der Film in Israel verboten wurde, unterstreicht den Versuch, palästinensische Geschichte zu verdrängen, gleichzeitig war „Palestine 36“ gerade für die Oscars nominiert: perfektes Timing für einen Film, der daran erinnert, wozu imperialistische Gewalt und Terror fähig sind.
Carina Scherer


„Palestine 36“ PS/QA/SA/JO/GB/FR 2025 ( Regie: Annemarie Jacir. Mit Hiam Abbass, Jeremy Irons, Karim Daoud Anaya, Billy Howle, Yasmine Al Massri, Saleh Bakri u. a., 119 Min., Start: 07.05. )

© Georges Lechaptois

Paris Murder Mystery

Lilian Steiner (Jodie Foster) ist Psychiaterin in Paris, (mittlerweile) mehr genervt von ihren Patient*innen als wirklich interessiert an ihnen – und chronisch gestresst. Als sie eines Tages erfährt, dass eine Patientin (­Virginie Efira) plötzlich gestorben ist, beginnt sie, auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen, da sie glaubt, dass diese keinen Selbstmord begangen hat, sondern ermordet wurde. Sie verdächtigt zuerst die Tochter, dann den Mann und ist irgendwann nur noch verwirrt. Unterstützung bekommt sie von ihrem Ex-Mann (Daniel Auteuil), der offensichtlich immer noch Interesse an ihr hat.

In der Regel kann man mit Filmen, in denen Jodie Foster mitspielt, wenig falsch machen. Diese Tragikomödie ist leider eine Ausnahme. Verspricht der Trailer noch einen flotten Thriller mit Substanz, so wirkt der Film von Anfang an erzwungen und flach. Jede der Figuren wirkt wie eine Karikatur, die Story stockt und holpert im Wechsel, Jodie Foster trinkt und raucht sich durch eine angehauchte Bisexualität und die restlichen Charaktere sind eigentlich nur Beiwerk einer ignorierten Midlife-Krise. Für die Tragik fehlt der Tiefgang, für die Komödie der Humor und für den Thriller die Spannung. Wer nach der Hälfte des Filmes nicht angestrengt ist, liegt wahrscheinlich auf einer Analyse-Liege und schläft. 
Avan Weis

„Paris Murder Mystery“ FR 2025 ( Regie: Rebecca ­Zlotowski. Mit Jodie Foster, Daniel Auteuil, Luàna Bajrami, Mathieu Amalric u. a., 107 Min., Start: 16.04. )

© Rise And Shine Cinema

Mein neues altes Ich 

In der Dokumentation „Mein neues altes Ich“ widmet sich die dänische Filmemacherin Louise Unmack Kjeldsen der Menopause. Auslöser sind ihre eigenen Symptome. Schlaflos und erschöpft durchsucht sie das Internet nach Informationen und interviewt schließlich einige der anerkanntesten Forscherinnen zur Thematik. Unmack Kjeldsen trifft hier auf eine Berufsgruppe, die unermüdlich im Einsatz ist, über den extremen Abfall der Hormone Östrogen, Progesteron sowie der Androgene und über die teilweise dramatischen gesundheitlichen Konsequenzen, die daraus resultieren können, aufzuklären. So stehen extreme Hitzewallungen bspw. in Verbindung mit einem erhöhten Risiko, an Alzheimer zu erkranken. Gleichzeitig sind viele (Haus-)Ärzt*innen nicht hinreichend über Hormonersatztherapien informiert und viele Betroffene leiden lange im Stillen, bevor sie von sich aus Hilfe suchen.

Unmack Kjeldsen lässt neben den Expertinnen auch Altersgenossinnen zu Wort kommen, die von Depressionen berichten, der Aufgabe ihres Berufs, einem regelrechten Cut im Leben. Der Dokumentarfilm „Mein neues altes Ich“ sammelt viele Fakten und zeichnet ein dramatisches Bild. Dass er künftige Generationen besser auf diese Lebensphase vorbereitet, ist ein Verdienst. Vermissen lässt er jedoch einen Funken Optimismus, der zeigt, dass das Leben nach der Menopause alles andere als vorbei ist. 
Amelie Persson

„Mein neues altes Ich – Eine Reise in das Mysterium der Menopause“ DK/DE/NO 2026 ( Regie: Louise Unmack Kjeldsen. 75 Min., Start: 12.03. )

© Walker + Worm / Felix Pflieger

Allegro Pastell

Mit „Allegro Pastell“ bringt Regisseurin Anna Roller den gefeierten Roman von Leif Randt über eine Fernbeziehung im Sommer 2018 auf die Leinwand. Zwischen Berliner Hitze, hessischer Idylle und ständigen Zugfahrten gerät das fragile Gleichgewicht zweier hyperreflektierter Millennials ins Wanken, als aus demonstrativer Unverbindlichkeit plötzlich existenzielle Nähe zu werden droht. 

Ästhetisch haben wir es hier mit Arthouse zu tun. Das merkt man u. a. daran, dass man bereits in den ersten zehn Minuten mehrfach nackte Brüste sieht und beide ständig weiße Unterhemden tragen. Auch die Dialoge passen ins Bild: kunstvoll gestellt, bedeutungsschwer gedehnt und in demonstrativer Langsamkeit vorgetragen. Jeder Satz klingt, als wolle er zitiert werden. Was im Buch funktionierte, wirkt im Film einfach nur gestelzt. Lebt Film doch eigentlich auch vom Vibe, von Natürlichkeit und Bewegung jenseits der Worte. 

Die größte Frage, die bleibt, ist: In welchem Club war Leif Randt unterwegs, wo man von „Ketamin-Einnahme“ spricht? Warum wurde dieses Wort, das schon im Buch peinlich war, im Film nicht ausgetauscht? Ketamin zieht man. Ballert man. Konsumiert man. Medizinisch gibt es auch Infusionen und Nasenspray. Aber EINNEHMEN?! 

Na ja, zumindest hinterlässt der Film Fragezeichen. Auch das muss man erst mal schaffen. Oder, im Allegro-Pastell-Denglish: A win is a win … I guess.
Lucie Andritzki

„Allegro Pastell“ DE 2026 ( Regie: Anna Roller. Mit Jannis Niewöhner, Sylvaine Faligant, Luna Wedler, Martina ­Gedeck u. a., 100 Min., Start: 16.04. )

Dieser Text erschien zuerst in Missy 02/26.