Kristen Stewarts Regiedebüt
Von

von Emma Rotermund
Ich dachte darüber nach, am Anfang zu beginnen. Aber so erinnere ich mich nicht daran.“ Mit diesen Worten beginnt der Film; in der Szene kauert eine junge Frau blutend in einer Schwimmbaddusche. Kurz darauf sieht man sie als Kind mit ihrer Schwester baden, weinen, die Schläge ihres Vaters ertragen. Ein von traumatischen Erlebnissen durchzogenes Leben lässt sich nicht linear erzählen.
Lidias (Imogen Poots) Kindheit ist von Gewalt und sexuellem Missbrauch durch den Vater sowie dem Alkoholismus der Mutter geprägt. Die Erinnerungen überlappen sich, Bilder aus verschiedenen Zeiten flackern und verschmelzen miteinander.
Nur wenn sie schwimmt, schreibt oder masturbiert, kann Lidia dem Elend kurzzeitig entkommen: „Im Wasser, wie in Büchern, kannst du dein Leben verlassen“, schreibt sie. Später wird Schwimmen für sie zum realen Ausweg, als sie ein Stipendium in Texas erhält. Lidia lebt ihre so erlangte Freiheit in vollen Zügen aus: Sie feiert wild, hat Sex mit Männern und Frauen und trinkt exzessiv. Überstürzt heiratet sie ihren Freund, den sie wegen seiner Passivität verachtet, und wird von ihm schwanger. Das Kind wird tot geboren, ein unüberwindbarer Schmerz.
Rettung sucht Lidia im Alkohol und schließlich im Schreiben, an dem sie die „Scham, etwas Gutes zu wollen“, lange gehindert hatte. Sie nimmt an einem Workshop des alten Hippie-Schriftstellers Ken Kesey (Jim Belushi) teil, veröffentlicht erste Texte, gewinnt einen Literaturpreis und beginnt zu unterrichten. In der Sprache gewinnt sie die Kontrolle über ihre Geschichte. Andauernd werde sie gefragt, ob die Ereignisse in ihren Geschichten wirklich passiert seien, erzählt Lidia ihren Studierenden und fragt zurück, ob diese Frage nicht auch auf das Leben übertragbar sei: „Ist mir das wirklich passiert?“
„The Chronology Of Water“ ist Kristen Stewarts eindrucksvolles Regiedebüt, an dem sie acht Jahre lang gearbeitet hat. Die literarische Grundlage, das gleichnamige Memoir der Schriftstellerin Lidia Yuknavitch, bleibt präsent, etwa als Flüstern aus dem Off. Der Film ruht sich aber nicht auf diesen Zitaten aus: Stewart übersetzt Yuknavitchs fragmentarische Erzählweise in ein eigenes, atmosphärisch und körperlich spürbares Kunstwerk.
„The Chronology Of Water“
US/FR/LV 2025
–
Regie: Kristen Stewart. Mit Imogen Poots, Thora Birch, Charlie Carrick, Tom Sturridge, Susannah Flood u. a., 128 Min., Start: 05.03.
Dieser Text erschien zuerst in Missy 02/26.