Musiktipps 02/26
Von

Robyn
„Sexistential“
(Konichiwa Records x Young)
VÖ: 27.03.
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Recession Pop ist zurück. Kurz nach der Finanzkrise 2008 brachten Neon-Outfits und Elektropop die ersehnte Leichtigkeit, Partys und Exzess. Das Moodboard: Kesha, LMFAO und Lady Gaga. Robyns Dance-Pop klang wie die Indie-Variante des Trends, mit schillernden Synths und treibenden Drum-Machines. Party, aber eben introspektiv und sehnsüchtig. Acht Jahre ließ sich Robyn seit ihrem letzten Album Zeit. Mit „Sexistential“ liefert sie jetzt den Soundtrack für die nächste Rezession – und verhandelt ganz nebenbei ihren Wunsch, Mutter ohne einen Partner zu werden. Im Titeltrack spricht Robyn mit ihrer Ärztin über die geplante künstliche Befruchtung: „And then my doctor said, ,Now, Robyn, who would be your dream donor?‘ / ‚Well, Adam Driver always did kinda give me a boner‘ / She like, ‚Yeah, wasn’t he great in Don’t Mess With The Zohan?‘“ Zeilen übers Swipen auf dem Promi-Tinder Raya, In-vitro-Fertilisation und Etsy-Impulskäufe treffen auf minimalistische Beats und verzerrte Vocals. Trotz Selbstironie bleibt Platz für die große Melancholie von Robyns Herzschmerz-Hit „Dancing On My Own“. Auf „Sucker For Love“ schöpft sie alles aus Synths und Drum-Machines: treibende Rhythmen und Träumen auf der Tanzfläche. In Zeiten multipler Krisen haben wir immerhin wieder Robyn.
Sophie Boche

Mitski
„Nothing’s About To Happen To Me“
(Dead Oceans)
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Auf dem Cover liegt eine Katze ruhig auf einem Teppich, während ein Tiger seine Zähne fletscht. Keine Panik, auch wenn alles dagegenspricht? Der Song „Where’s My Phone?“ beschreibt zumindest den Versuch. „Oh, where did I leave? / Where’d I go? / Where did it go? / Where’s my phone?“ Die Worte verwirren, doch kurz blitzt Hoffnung auf: „Surely, somebody will save me.“ Sie verfliegt jedoch schnell. Auf ihrem achten Album, in dem Country-Sounds auf Geigen treffen, sucht Mitski nach Gemeinschaft an unerwarteten Orten. Melodische Gitarren, die an The Smiths erinnern, rahmen Songs wie „That White Cat“ ein, in denen die amerikanische Künstlerin mit japanischen Wurzeln ihre typischen Themen wie Einsamkeit und Tod aufgreift. Ihre Stimme klingt bittersüß und entschlossen, selbst wenn sie blutsaugenden Mücken in ihrem Haus eine Rolle zuschreibt, um am nächsten Tag einen Grund zu haben weiterzumachen. Mit ihrer unverwechselbaren Lyrik erschafft Mitski surreale Welten („Charon’s Obol“) und beschreibt zugleich die brutale Realität von Frauen. In „Dead Women“ treffen ein unbarmherziger Text, in dem sie darüber singt, wie ein Täter einer Frau das Leben nimmt und ein zarter „Dudududu“-Singsang aufeinander. Diese Mischung verleiht dem Song eine unbeschreibliche Schlagkraft.
Yuki Schubert

Ari Lennox
„Vacancy“
(Interscope Records)
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„This is a motherfucking soul album.“ Mit diesen Worten beginnt der Trailer von Ari Lennox’ drittem Studioalbum „Vacancy“, und das nicht ohne Grund. In 15 Tracks, die fantastisch aufeinander abgestimmt sind, hüllt uns die Grammy-nominierte R’n’B-Künstlerin mit ihrer warmen Stimme und sanften Beats ein. Geschmackvolle Basslines tragen die Melodien wie auf einem bordeauxroten Teppich. Mit klaren Einflüssen von Erykah Badu und Lauryn Hill reiht sich Ari Lennox’ Arbeit in die Tradition furchtloser Authentizität ein, die wir auch von ihren bisherigen Alben kennen. Sinnlich, sanft und samtig singt Ari Lennox über Verlangen und Sehnsucht. Im Verlauf des Albums zieht das Tempo an, doch die Songs velieren nichts von ihrer Seele. „Vacancy“ ist mehr als ein gelungenes Musikalbum: Eine fünfteilige Miniserie begleitet es und führt die Zuschauer*innen humorvoll durch das fiktive „Vacancy Motel“. Ari Lennox zeigt mit diesem Projekt auf kreative Weise, wie sie musikalisch in einem eher traditionellen R’n’B verbleiben und trotzdem über die Grenzen des Genres hinausgehen kann. Neben Humor darf auch Übernatürliches nicht fehlen: Dann wird ihr Liebhaber kurzerhand zum Werwolf.
L. A. Evans

Leigh-Anne
„My Ego Told Me“
(Virgin Music)
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Einfach mal auf sein Ego hören. Das ist nicht nur das Motto von Leigh-Annes Album, sondern auch Programm. Das ehemalige Little-Mix-Mitglied hat gekocht. Sie liefert einen Sound, den wir auf ihrem ersten Album nur erahnen konnten, der jetzt aber noch klarer und stimmiger klingt. Vielleicht liegt es auch daran, dass sie ihr Label, Warner Records, verlassen hat und sich nun als Independent-Künstlerin frei entfalten kann. Und Honey, wir hören dich, wir hören dein Ego! Ein Ego, das nichts mehr mit ihren Little-Mix-Tagen zu tun hat. Leigh-Anne bringt den Sound, der sie abseits ihrer Popkarriere geprägt hat. Reggae und Calypso verschmelzen mit ihrem speziellen Leigh-Anne-Stil. Nach dem Motto: Pop trifft karibische Vibes. Schon der erste Song, „Look Into My Eyes“, macht das deutlich: Ein rebellischer Calypso-Type-Beat trifft auf das Ich. Was sieht das Gegenüber in mir – das Gute, das Schlechte? Kennt es mich wirklich oder ist es nur eine Idee von mir selbst? Diese Gedanken kennen wir doch alle. Leigh-Anne verarbeitet sie mit einer Vielseitigkeit, die auch den Beginn einer neuen Ära markiert. Denn dieses Album ist eine Wiedergeburt, ein Abschied von der kleinen schüchternen Leigh-Anne, wie in „Dead And Gone“, und eine Ode an sich selbst, wie in „Best Version“. Karibische Beats untermalen all das. Sie prägen die britische Schwarze Diaspora, zu der auch Leigh‑Anne gehört.
Abena Appiah

Philine Sonny
„Virgin Lake“
(Nettwerk)
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„Virgin Lake“ klingt wie eine Herde sibirischer Wildpferde, die in der rauesten und zugleich schönsten Version dieser Erde überleben. Wer auf dem deutschen Indie-Musikmarkt wachsam war, hat Philine Sonny schon längst auf dem Schirm. Jetzt ist ihr kraftvolles Debüt da. Jeder Song durchbricht Grenzen und bricht manchmal daran zusammen. Obwohl Sonnys Reise mit diesem Album erst so richtig losgeht, rechnet sie jetzt schon mit der Musikbranche ab. In ihren Texten wütet sie wie ein Sturm, zeigt die Wunden, die ein kaputtes System bei ihr hinterlässt, und baut daraus ein Indie-Folk-Album, das wie ein Rundumschlag klingt. Emotionen stehen vor Perfektion. Neben einem intimen, ausdrucksstarken Gesang hören wir Sonny husten, krächzen, schreien. Sie baut Chöre aus ihrer eigenen Stimme, aus anklagenden Rufen und den Stimmen ihrer Freund*innen (Shelterboy, Brockhoff). Ihre Songs türmen sich zu sakralen Klanggebilden auf. Nur die Abgeklärtheit, mit der sie einige besonders bissige Zeilen singt, rüttelt an diesen Konstruktionen. Doch sie bleiben beharrlich und verletzlich und allem Gegenwind zum Trotz bestehen.
Rosalie Ernst

Arlo Parks
„Ambiguous Desire“
(Transgressive Records)
VÖ: 03.04.
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Das dreamy Popalbum der 25-jährigen Singer-Songwriterin umfasst zwölf Songs und balanciert zwischen einem persönlichen Heilungsprozess und einem Manifest an die nächtliche Leichtigkeit New Yorks. Mit gewachsenem Selbstbewusstsein, Experimentierfreude und einer ordentlichen Portion Party manövriert Arlo ihren unvergleichlichen Sound in etwas poppigere Gefilde. Glitzernde Synthieklänge, inspiriert von LCD Soundsystem, und natürlich zahlreiche eigens erlebte Nächte in New Yorker Clubs sollen das neue Album prägen.
„Ich habe mich, als ich dieses Album schrieb, in das nächtliche New York verliebt, jedes Mal, wenn ich wieder ans Tageslicht trat, fühlte ich mich unglaublich inspiriert“, erzählt Arlo. Gemeinsam mit Produzent Baird hat sie ihre verträumten Melodien tanzbar gemacht und sich im Schutz der nächtlichen Dunkelheit dem Licht zugewandt. „Florette“ feiert queere Freude, „What If I Say It“ kreiert mit Flanger-Effekt auf der Gitarre und dreamy E-Drums eine nostalgische Klangwelt, und „Senses“ erzählt als Heartbreak-Song von Verlust. Ihr guter Freund Sampha ergänzt hier mit seiner sanften Stimme Arlos samtweichen Gesang. Der experimentelle Mini-Track „South Seconds“ überrascht dagegen mit Voice Recordings. Der perfekte Soundtrack für Roadtrips im Dämmerlicht oder Liebeskummer, der schleunigst weggetanzt werden muss.
Vanessa Sonnenfroh

Snail Mail
„Ricochet“
(Matador Reords / Beggars)
VÖ: 27.03.
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Auf die Frage, was einen umtreibt, wenn die Liebe es gerade nicht tut, würde Snail Mail wahrscheinlich dieses Album nennen. Die amerikanische Indie-Rock-Band Snail Mail um Sängerin und Songwriterin Lindsey Jordan hat mit „Ricochet“ der romantischen Liebe abgeschworen, sich Raum geschaffen und gefragt, was sie hier auf der Erde eigentlich zu suchen hat. In den fünf Jahren zwischen ihrem letzten Album „Valentine“ und „Ricochet“ gab sie mit einer Rolle in dem A24-Indie-Horrorfilm „I Saw The TV Glow“ ihr Schauspieldebüt und unterzog sich einer Stimmpolypen-OP mit anschließender obligatorischer Stimmtherapie. Mit „Tractor Beam“ eröffnet sie kraftvoll ihre Suche nach Sinn und Identität. Begleitet von Gitarrenriffs und klarem Gesang gleitet Jordan durch ihre Gedanken und Kindheitserinnerungen. Zwischen vertrauten, rockigen 1990er-Jahre-Elementen („Agony Freak“) und stumpfen, sprechgesangartigen Einschüben wird es oft melancholisch, ohne zu erdrücken. Besonders stimmig verweben sich Streicher mit Gitarre und Schlagzeug zu einem weichen Klangbett. Innere Monologe sind oft ambivalent – so auch bei Jordan. Sie zeigt sich ehemaligen Freundschaften gegenüber in „Deep End“ eher bitter und in „Light On Our Feet“ eher versöhnlich. Mit der abschließenden Ballade „Reverie“ findet sie Klarheit und begegnet dem dennoch beständigen inneren Chaos optimistisch. Es wird schon.
Sofia Paule

Vicky
„SWAGLORD“
(Sick & Tired / Vertigo)
VÖ: 27.03.
Wer den Begriff „Swaglord“ im Urban Dictionary nachschlägt, findet vor allem männlich codierte Definitionen. Wie gut, dass Vicky diese Lücke mit ihrem ersten Mixtape nun schließt. Die 23-jährige Wienerin stellt die zentrale Botschaft von „SWAGLORD“ im Opener „Party Nur Für Mich“ gleich voran: „Vicky, ich glaub’ ich sag dir nicht oft genug, / dass ich dich liebe.“ Es folgt eine Mischung aus Miami Bass, Trance und harmonischen House-Tracks mit verspielten Akkorden. Vicky probiert sich aus und findet ihre Stimme vor allem durch klare Haltung. Ihre Songs richten sich gegen Catcalling und Übergriffigkeit, wie in „Schüsse“, und feiern Selbstbestimmung und Selbstliebe. Waren bei SXTN die Fotzen noch im Club, tanzen sie bei Vicky oben ohne im Swimmingpool („Good Girls“). Vergleiche mit Künstlerinnen wie Ikkimel kommentiert Vicky im Interview als „anstrengend“. Warum werden Musikerinnen, die sich stilistisch oder inhaltlich auch nur ansatzweise ähneln, noch immer gegeneinander ausgespielt? Mit dem Titeltrack „SWAGLORD“ antwortet Vicky auf ihre Hater: Trap-Beat, Hafti-Referenz und Battle-Rap – und eine stilistische Überraschung. Ob es Zufall ist, dass ihr Mixtape mit dieser Ansage endet? Wohl kaum. Ausverkaufte und hochverlegte Termine ihrer Tour („VICKY, WANN WELTTOURNEE?“) im April lassen ahnen: 2026 könnte das Jahr von Vicky Swaglord werden.
Puneh Abdi

Kapa Tult
„Immer Alles Gleichzeitig“
(Ladies & Ladys)
Zweieinhalb Jahre nach ihrem Debüt „Es Schmeckt Nicht“ beweisen Kapa Tult, dass sie bleiben wollen. Die Leipziger Band um Sängerin und Gitarristin Inga Habinger erfindet sich auf „Immer Alles Gleichzeitig“ nicht neu, sondern legt in jeder Hinsicht nach. Die Zusammenarbeit mit Studio-Legende Moses Schneider hat ihrer Musik hörbar gutgetan: Kapa Tult klingen mutiger und vielfältiger, bauen z. B. in „Tinder“ knackige Synthies ein, während sie in „Ich Will Ein Kind Von Mir“ und „Ich Bau Ab“ den Punkrock rauslassen. „Ich Versuch’ Es Wieder Bei Dir“ erinnert mit seinem raffinierten Aufbau inklusive ausgiebigem Pianosolo an einen Achtzigerjahre-Hit von Fun Boy Three. Aber Vergleiche hinken immer und Kapa Tult sind ja gerade dabei, ihre eigene Kategorie zu werden. Ob mitreißende Indie-Pop-Hymne oder introspektive Ballade: Im Mittelpunkt stehen die vergleichslos offenen, zutiefst persönlichen Texte, in denen schwierige Themen wie Tod und Trauer („Niemand“), problembeladene Beziehungen – oder besser, Nicht-Beziehungen –, Einsamkeit und Langeweile von allen Seiten reflektiert werden. All das geschieht vor dem Hintergrund einer postkapitalistischen (Selbst-)Ausbeutung. Dass Kapa Tult dennoch wie deine besten Freund*innen oder WG-Mitbewohner*innen klingen und nicht wie eine Soziologie-Vorlesung, ist ihr großes Plus. Kapa Tult reißen sich die Herzen aus der Brust und legen sie auf den Tisch. Und wir können mithelfen, sie zu flicken, oder unser eigenes dazulegen.
Christina Mohr

Krista Papista
„Eurodivas“
(Modern Matters)
„Ich trage meinen Hintergrund immer mit mir“, sagte Krista Papista mir einmal im Interview. Sie ist Musikerin und Performancekünstlerin, wuchs auf Zypern auf – einer Mittelmeerinsel mit bewegter geopolitischer Geschichte –, zog mit 18 nach London, um Kunst zu studieren, und lebt heute in Berlin. Zypern bleibt jedoch der unmissverständliche Kern ihrer Arbeit, wie auch auf ihrem neuesten Album zu hören ist. Ihre Musik ist von ihrer bildenden Kunst und Performancepraxis geprägt, ohne dabei um ihrer selbst willen konzeptuell zu sein. Sie entfaltet sich zu erzählten Geschichten: In „Welcome To Cyprus“ lädt Papista uns zu einer „geostrategischen Fantasie“ ein und kontrastiert die Schönheit der sonnenverwöhnten Insel mit ihrer politischen Teilung. „VISA Scum Bitch“ thematisiert das zypriotische Golden-Passport-Problem, das Inflation und steigende Lebenshaltungskosten für die Einheimischen mit sich bringt. „Euro Divas“ ist eine mitreißende Reise durch Papistas klanglich facettenreiches Œuvre, auf der sie Balkan- und zypriotische Musik mithilfe elektronischer Elemente (Drum’n’Bass!) neu kontextualisiert. Oder vielmehr queert. In ihren eigenen Worten: „Es ist meine Aufgabe, diese Musik neu zu erfinden.“ Das Ergebnis ist eine Verschmelzung von Kulturen und Genres, von Persönlichem und Politischem.
Lucia Udvardyova

Peaches
„No Lube So Rude“
(Kill Rock Stars)
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Die Mutter des Elektroclash ist zurück und beschwert sich: „Meins ist alle, hast du nicht mehr mitgebracht?“ Der Titel ihres neuen Albums, „No Lube So Rude“, wirkt zunächst wie eine Pointe mit sexy Augenzwinkern, aber für Peaches steckt dahinter eine politische Botschaft: „Wenn die Welt voller Reibungen ist, ist Gleitmittel kein Luxus. Es ist eine Notwendigkeit.“ Das Video zum Titeltrack drehte sie gemeinsam mit Erika Lust auf dem queeren Wagenplatz Marzipahn in Berlin-Marzahn – inklusive einer expliziten Version ohne Gleitgelmangel, die auf Lusts Website zu sehen ist. Es ist das siebte Album der Performancekünstlerin und Produzentin und ein sexpositives Elektroclash-Manifest, wie es nur Peaches schaffen kann. Der weltweite Aufstieg des Faschismus, so Peaches, habe sie zurück zur Musik gebracht. Ihre Konzerte sieht sie als Orte des gemeinsamen Widerstands. Mit dem Track „Not In Your Mouth None Of Your Business“ bezieht sie klar Stellung gegen das Beschneiden von Trans-Rechten: „We will stop you fucking up our lives“. Gleichzeitig zeigt Peaches mit „Hanging Titties“ einer Gesellschaft den Mittelfinger, die ältere Frauen unsichtbar machen will: „My hanging titties / Hit like the punch“. Hängebrüste als Abrissbirnen gegen das Patriarchat.
Sophie Boche
Dieser Text erschien zuerst in Missy 02/26.