© Camille Soulat

Von Julia Tautz
Illustration: Camille Soulat

Der Tod ist eine Bitch. Er fragt nicht, ob er gerade reinpasst. Er passiert und dann stehst du da, mitten in deinen Zwanzigern, und plötzlich ist nichts mehr wie vorher. Er nimmt ein glattes Skalpell, schneidet dein Leben auf und weidet die Teile aus, die dich vorher zusammengehalten haben. 

Ich werfe ein Kleid in eine Tasche und denke dabei: „für die Beerdigung“. Eben war noch meine größte Sorge, wann ich endlich mit diesem Typen aus dem Grundkurs knutsche, jetzt habe ich keine Mutter mehr. Die Bausteine meiner Existenz passen nicht mehr zusammen. Während ich dem Sarg hinterherlaufe, hyperventiliere ich, denn Panik ist in dieser Realität, die ich jetzt bewohne, die einzige angemessene Reaktion. Dann kommt die Leere. Ich sitze in Bars, trinke, drehe Zigaretten und reagiere auf mein Gegenüber und lache, wenn ich lachen soll, doch mein Lachen klingt verzerrt, wie ein schiefer Geigenton, der sich immer mehr in die Länge zieht, bis er in einem Schluchzen endet, das von weit unten an die Oberfläche kommen will. Ich will nicht wissen, wie das Trauermonster wirklich aussieht, wenn ich es entfessele. 

Ein paar Monate später bin ich für ein Auslandssemester in einem fremden Land. Ich fülle mein winziges Zimmer mit Zetteln, auf denen Dinge stehen wie: „Selbst zum Schreiben zu traurig heute.“ Ich will den Verstand ausschalten und dem Schmerz etwas entgegensetzen, um mich nicht von ihm vereinnahmen zu lassen: Jeden Abend raus, irgendwo finden wir schon eine Party. Eskapismus und fremde Männerkörper. Ich bin süchtig nach der Aufregung, kurz bevor ich mit einer fast fremden Person intim werde. Oft bringe ich mich in riskante Situationen, immer on the edge, lieber zu viel erleben als zurück in das Zimmer mit den traurigen Zetteln. Komplett im Moment sein und nur mit dem Körper denken, eine Pause von den rastlosen Gedanken. Wenn ich mir nehme, was ich begehre, fühle ich mich lebendig und unabhängig. Aber ist der Adrenalinkick das wert? 

Wenn ich am nächsten Morgen mit ungeputzten Zähnen den Heimweg antrete und schon wieder den Namen der Person vergessen habe, mit der ich ein paar Stunden vorher geschla…