Viele denken beim „A“ im Akronym ­FLINTA zunächst an „asexuell“ oder „aromantisch“. Tatsächlich steht es für „agender“: eine Selbstbezeichnung für Menschen, die sich keinem (sozialen) Geschlecht zugehörig fühlen. Agender Personen empfinden kein Geschlecht, können oder wollen sich nicht mit der Kategorie Geschlecht identifizieren oder lehnen das Konzept generell ab. Viele beschreiben sich auch als geschlechtslos, geschlechtsfrei oder genderless. Agender ist keine starre Kategorie, sondern ein Spektrum: Einige agender Personen verorten sich ausdrücklich außerhalb aller Geschlechterkategorien, auch außerhalb nicht-binärer Identitäten. Andere identifizieren sich als Teil der nicht-binären oder trans Community. Manche verwenden keine Pronomen oder Neopronomen, andere nutzen alle oder binäre Pronomen. 

Sprachlich setzt sich „agender“ aus dem Präfix „a-“ für „nicht“ oder „ohne“ und „gender“, also „(soziales) Geschlecht“, zusammen. Wörtlich bedeutet „agender“ also „ohne Geschlecht“ oder „Nicht-Geschlecht“. Der Begriff tauchte zunächst Mitte der 1990er-Jahre im englischsprachigen Raum auf: Laut dem „Oxford English Dictionary“ erschien er als „a-gender“ mit Bindestrich 1996 erstmals in der britischen Zeitung „The Independent“. In den 2000er-Jahren wurde er vereinzelt in Onlineforen und queeren Communitys genutzt, bis er in den 2010er-Jahren dann größere Sichtbarkeit erlangte: 2014 nahmen Facebook und die Dating-App OkCupid „agender“ als Geschlechtsoption auf. 2017 entschied ein US-Gericht, dass eine Person legal als agender anerkannt werden kann. Am 19. Mai desselben Jahres wurde der erste Agender Pride Day gefeiert. Zahlen zu Geschlechtsidentitäten sind schwer zu erheben, doch eine Analyse von Umfragen zur Geschlechtsidentität in den USA aus dem Jahr 2017 ergab, dass sich unter den trans Teilnehmenden 14 Prozent (auch) als agender identifizierten. Im Gender Census 2025, einer internationalen Umfrage unter nicht-binären Menschen, gaben rund 25 Prozent der Teilnehmenden an, (auch) agender zu sein. 

Menschen, die sich keinem Geschlecht zugehörig fühlen, hat es schon immer gegeben. Neu ist nicht die Erfahrung, sondern das Wort für ein Erleben, das in einer binären Geschlechterordnung keinen Platz hat. Agender bedeutet nicht asexuell oder aromantisch. Sexuelle und romantische Orientierung (zu wem ich mich hingezogen fühle) sind von Geschlechtsidentität (wer ich bin) zu unterscheiden. Ebenso wenig ist agender eine Variante von „Geschlecht ist doch längst egal“, wie es mitunter in Debatten behauptet wird. Wenn cis Personen erklären, Geschlecht spiele heute doch keine Rolle mehr, ist das etwas anderes als die Selbstbeschreibung von Menschen, die für sich kein Geschlecht empfinden oder das Konzept grundsätzlich ablehnen. Ebenfalls unterscheidet sich die Selbstbezeichnung von diskriminierenden Fremdzuschreibungen, wie „geschlechtslos“, die historisch und teilweise auch heute noch verwendet werden, um Menschen in verschiedensten Kontexten abzuwerten. Agender ist eine Selbstdefinition, und wie bei allen (Nicht-)Geschlechtsidentitäten gilt: Aussehen, Stimme oder Kleidung erlauben keinen Rückschluss auf das (Nicht-)Geschlecht einer Person. Wir können Menschen ihr (Nicht-)Geschlecht nicht ansehen und sollten es dementsprechend niemandem unterstellen. 

Dieser Text erschien zuerst in Missy 02/26.