Staatsfeind*in Nr. 1
Von

Von Merièm Strupler
Den Prozess gegen Maja T. hätte es so eigentlich nie geben dürfen. Doch nun knarzen im Budapester Stadtgericht die alten Holzbänke; hinter Richter Dr. Sós József – schwarze Robe, dunkle Haare, sichtlich desinteressiert – ragen die Fenster in die Höhe, während die Reporter*innen ihre Kameras auf die riesige Tür richten: Maja T. tritt ein – starker Blick, schulterlange Haare, blau-rosa Wollpullover –, umringt von vermummten Polizisten, an den Händen gefesselt und an einer Kette angeleint. Die 25-jährige nicht-binäre Person blickt auf die vollbesetzte Tribüne, lächelt Freund*innen und Familie zu.
„Nichts in mir sehnt sich nach Gewalt“, wird T. vor der Urteilsverkündung aus der eigenen Erklärung „Kein letztes Wort“ lesen. „Ich will weder Tyrann*in noch Held*in sein.“ Und so müsse T. sich fragen, fährt die*der angeklagte Aktivist*in fort, „was es bedeutet, wenn Antifaschismus auf der Terrorliste landet; wenn wir alle zu Staatsfeind*innen erklärt werden.“
An jedem der 16 Prozesstage versammeln sich vor dem Gericht Neonazis der Légió Hungária. Auch in den Pressereihen sitzen einige – darunter ein deutscher ehemaliger NPD-Politiker. Wenige Meter von der Legion entfernt hat Wolfram Jarosch, der Vater von Maja T., am Morgen eine Pressekonferenz abgehalten. Solidaritätskundgebungen sind verboten – seitdem „die Antifa“ nicht nur in den USA, sondern auch in Ungarn als Terrororganisation gilt. „Nie wieder Faschismus!“, ruft Jarosch am Ende seiner Rede. „Freiheit für Maja!“
1. Auf der Anklagebank
Angeklagt ist Maja T. als Teil des Budapest-Komplexes; einer der größten Repressionswellen gegen Antifaschist*innen in Europa seit Jahrzehnten. Nachdem im Februar 2023 in der ungarischen Hauptstadt – rund um den rechten Aufmarsch zum „Tag der Ehre“ – mehrere Neonazis angegriffen wurden, fahndete die Polizei mit Hochdruck und internationalen Haftbefehlen nach Antifaschist*innen, die daran beteiligt gewesen sein sollen.
U. a. nach Maja…