15 harte Plastikfakten
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Von Sonja Eismann, Rayén Garance Feil und Lara Hansen
SCHLECHTE QUOTE
Nur neun Prozent des jemals hergestellten Plastiks wurden bisher recycelt. 2019 lag die weltweite Recyclingquote bei 14 Prozent. Statt wiederverwertet und -verwendet zu werden, landeten vierzig Prozent auf Mülldeponien, 32 Prozent in der Umwelt und 14 Prozent wurden verbrannt.
PLASTIK IM KOPF
2025 veröffentlichten Forscher*innen in den USA eine Studie zu Mikroplastik im Gehirn. In Gewebeproben von Menschen, die 2024 verstorben waren, fanden sie fünfzig Prozent mehr Plastik als in den Proben derer, die 2016 verstorben waren. Außerdem entdeckten sie in den Gehirnen sieben bis dreißig Mal mehr Mikroplastik als in Leber und Nieren. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung kritisiert die Messverfahren der Studie und hält weiterführende Forschung zu gesundheitlichen Folgen für nötig. Wir bleiben dran!
GREENWASHING IN DER WASCHMASCHINE
Recyceltes Polyester in Kleidung ist zwar recycelte Kunstfaser und wird somit von Modemarken als besonders umweltbewusst angepriesen, dafür setzt es aber laut einer kürzlich veröffentlichten türkischen Studie beim Waschen durchschnittlich 55 Prozent mehr Mikroplastik frei als neu hergestelltes Polyester. Das liegt u. a. daran, dass die Partikel im recycelten Stoff kleiner sind und dass das wiederverwertete Material spröder ist als neu hergestelltes.
RECYCLINGDREIECK ALS PR-AKTION
Die Plastiklobby hat das allgegenwärtige Recyclingsymbol in den 1970er-Jahren aktiv beworben, um Verbraucher*innen glauben zu lassen, Plastik werde zu hundert Prozent recycelt – obwohl die nötige Infrastruktur dafür größtenteils nicht existiert. Aber es (ver-)kauft sich nun mal leichter ohne schlechtes Gewissen.
BAKTERIEN, DIE PLASTIK FRESSEN
… gibt es! Sie in Kunststoffprodukte einzubauen oder im Recycling einzusetzen, könnte ein Lichtblick sein. Allerdings können die bisher ausfindig gemachten Bakterien nur bestimmte Kunststoffe fressen und sie sind dabei recht langsam. Forscher*innen arbeiten daran, die Bakterien für die Industrie nutzbar zu machen.
GLAMOUR FÜR DIE MASSEN
Den Glitzer, wie wir ihn heute kennen, erfand 1934 der US-amerikanische Maschinenbauer Henry Ruschmann eher zufällig. Mit einer Maschine, die Plastik in winzige, reflektierende Partikel zerschnitt, machte er Glitter für alle erschwinglich, die sich Bling-Bling sonst nicht leisten konnten.
EINE MILLION PLASTIKFLASCHEN PRO MINUTE
Unvorstellbar: Pro Minute gehen weltweit eine Million Plastikflaschen über den Ladentisch – umgerechnet sind das etwa 20.000 gekaufte Flaschen pro Sekunde. Geschuldet ist dieser Flaschenüberfluss einer westlich geprägten, urbanen „On the go“-Kultur, die sich vor allem nach China und in den asiatisch-pazifischen Raum ausgebreitet hat.
„THROWAWAY LIVING“
Dieser Begriff war tatsächlich zunächst positiv gemeint: Das „Life Magazine“ prägte den Begriff 1955 durch einen Artikel, der Einwegprodukte aus Plastik als neuen heißen Scheiß feierte und den Anbruch der „Wegwerfkultur“ als Fortschritt sah.
EIN GLAS, BITTE
Guten Appetit: Über Lunge, Darm und Haut nehmen wir täglich unbemerkt Mikroplastik auf. Wer seine 1,5 bis zwei Liter aus der Plastikflasche trinkt, schluckt laut der Fachzeitschrift „Environmental
Science & Technology“ rund 90.000 Partikel im Jahr – wer auf Leitungswasser aus dem Glas umsteigt, „nur“ 40.000.
MEHR PLASTIK ALS FISCHE
Falls der Plastikkonsum nicht drastisch sinkt, könnte Plastikmüll in den Weltmeeren bis 2050 mehr wiegen als alle Fische zusammen – so die Prognose der Ellen MacArthur Foundation. Jährlich gelangen über 19 Millionen Tonnen Kunststoff in die Ozeane.
DER KNALL
Mitte des 19. Jahrhunderts war die Billardkugel-Industrie in der Krise: Elfenbein war wegen der stark gestiegenen – und heute zum Glück verbotenen – Jagd auf Elefanten rar. Eine New Yorker Firma schrieb einen mit 10.000 Dollar dotierten Preis für Alternativideen aus. Daraufhin erfand John Wesley Hyatt 1869 Zelluloid, formbar, billig und ein Vorläufer des heutigen Plastik. Es hat allerdings spezielle Eigenschaften: Beim Zusammenstoßen gaben die Billardkugeln so laute Knallgeräusche von sich, dass in den Saloons manche Gäste angeblich reflexhaft zu ihren Knarren griffen – und manchmal gingen die aneinanderdonnernden Kugeln auch einfach in Flammen auf. Trotzdem war die Erfindung wegweisend: als Trägermaterial für die gerade entstehende Film- und Fotoindustrie.
QUEERES PLASTIK
Mitte des 20. Jahrhunderts experimentierten feministische Künstlerinnen mit den leicht zugänglichen neuen Ressourcen: Evelyne Axell prägte 1970 für ihren radikal neuen Stil den Begriff „Age of Plastic“. Auf Plexiglas trug sie poppige (homo-)erotische Selbstporträts mit Emaillack auf. Niki de Saint Phalle machte ihre berühmten Nanas als aufblasbare Miniskulpturen für den Strandbesuch auch für den kleinen Geldbeutel leistbar. Und Kiki Kogelnik hängte aus Vinyl gefertigte Körpersilhouetten in ihren „Hangings“ über Kleiderbügel – schlaff und bewusst genderlos.
TOXISCHE KINDER
2014 fing ein norwegischer Fischer einen Dorsch – in dessen Inneren befand sich ein Dildo. Diesen nahm die Theoretikerin Heather Davis zum Anlass, in einem Artikel darüber nachzudenken, was die Unvergänglichkeit und Unzerstörbarkeit des künstlichen Materials für eine queere Zukunft bedeuten könnte. Eine Zukunft, in der Reproduktion immer mehr von Sex entkoppelt werden wird und in der wir uns mit unseren nicht-menschlichen „Bastard-Kindern“, den Früchten unseres toxischen Konsums, auseinandersetzen müssen. Denn sie werden uns schließlich um Hunderte, wenn nicht Tausende Jahre überleben.
PLASTIK IN ALLEN KÖRPERTEILEN
Wir atmen täglich Mikroplastik als Abrieb von Autoreifen und
Textilien ein. Durch Wasser, Milch, Honig und Meerestiere, durch Umrühren in Plastikgeschirr oder abgekratzte Pfannenbeläge gelangen Plastikpartikel in unseren Magen. Körperpflegeartikel lassen Plastik in unsere Haut eindringen. Die Partikelchen wurden mittlerweile in jeder Region menschlicher Körper nachgewiesen, von Uterus und Hoden über Leber und Nieren bis zum Gehirn. Sie können u. a. lokale Entzündungen hervorrufen, das Mikrobiom des Darms schädigen oder die Fruchtbarkeit beeinträchtigen.
LEICHEN
Umweltmediziner*innen sprechen mittlerweile von Leichen als Sondermüll, weil Weichmacher, Pestizide, Schwermetalle und viele andere Fremdstoffe die Verwesung stören.
Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/26.
