All Eyes On: Emma Adler
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In deinen Arbeiten tauchen Verschwörungstheorien und Propaganda auf. Siehst du darin auch eine Form von Kontrollverlust, bei dem wir uns fragen sollten, wer heute eigentlich kontrolliert, welche Bilder als wahr gelten?
Verschwörungstheorien sind verlockend: Sie tauschen das Ohnmachtsgefühl gegen ein wohliges Gefühl von Kontrolle und Durchblick, Überlegenheit und Stärke. Je komplexer und undurchsichtiger ein Thema, desto größer der Wunsch nach einfachen „Lösungen“. Rechter Populismus nutzt das geschickt aus – und liefert Propaganda in Bildform. Das funktioniert doppelt. Unser Hirn reagiert viel schneller auf visuelle Reize als auf Text. Die Emotion kickt lange vor rationalem Faktencheck. Und eben diese Bilder sind nach wie vor patriarchal geprägt. Neue Technologien, heute Internet und KI, damals z. B. während der „Hexen“-Verfolgung der Buchdruck, wurden seit jeher auch zur visuellen Desinformation genutzt, um misogyne und rassistische Narrative zu verbreiten.
Du arbeitest viel mit inszenierter Wahrheit. Wessen Realitäten werden dadurch als glaubwürdig positioniert?
In postfaktischen Zeiten alternativer Fakten ist „die Wahrheit“ ziemlich gebeutelt und längst zum politischen Kampfbegriff – siehe den angeblichen „Mut zur Wahrheit“ der AfD oder Trumps „Truth Social“– verkommen. Sie wird dort am meisten geclaimt, wo die Lügen am dreistesten sind. Und gerade die entfalten absurderweise eine fast religiöse Anziehungskraft. Diese seltsame Sehnsucht, ihr zu glauben, interessiert mich tatsächlich mehr als die Lüge an sich. Der Kern politischer Gewalt ist die Lüge und die kann sehr verführerisch sein. Sie tarnt sich oft, z. B. in Sozialen Medien, wenn unter dem Deckmantel von Empowerment „weibliche Energie“ und tradierte Rollenbilder reaktiviert werden. Das ist kein Zufall: Misogynie ist keine Begleiterscheinung, sondern Fundament von Faschismus.
Glitches, Fehler und Verzerrungen werden von dir ganz bewusst genutzt. Sind das für dich Momente, in denen Wahrheit sichtbar wird?


Ja! Wenn die digitalen Defekte unbeabsichtigt eine Wahrheit offenbaren, interessiert mich das besonders. Diese Fehler sind dann Ausgangspunkt für ganze Installationen. Bei meiner Ausstellung „STRG-Z“ war es ein schlecht KI-generiertes Propaganda-SharePic der AfD mit „deutschem Grillfest“. Darauf waren die dargestellten Gesichter derart geglitcht, dass sie aussahen wie Zombies. Was wäre ein besseres Bild für den untoten deutschen Faschismus, der nie wirklich weg war? Das Unheimliche ist eng verknüpft mit der Heimat. Gruselig wie die Realität.
Emma Adler, geboren 1980 in Besch an der Grenze zu Luxemburg, hat an der Kunsthochschule Saarbrücken und der Kunsthochschule Berlin Weißensee Performance und Bildhauerei studiert. Ihre immersiven Installationen kreisen um fragile Wahrheit, Verschwörungserzählungen und Realitäten im postfaktischen Zeitalter.
Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/26.