Hä, was heißt denn Dog Whistle?

Kennst du die Zahlenkombination „444“? Oder das Kiwi-Emoji unter Instagram-Reels von trans Personen? Die Zahl Vier steht für den vierten Buchstaben im Alphabet – das D – und dreimal hintereinander für die rechtsextreme Parole „Deutschland den Deutschen“. Die Kiwi-Pflanze hat getrennte männliche und weibliche Pflanzen. Der Emoji symbolisiert die transfeindliche Überzeugung einer binären Geschlechterordnung.
Diese Kommentare auf Social Media sind sogenannte Dog Whistles. Zu ihnen gehören neben Zahlen und Emojis auch Wörter, Sätze oder Symbole, die nur von der eingeweihten Zielgruppe der Botschaft erkannt werden. In der Forschung werden Dog Whistles meistens im rechtsextremen Spektrum verortet. Außenstehende sehen lediglich eine unscheinbare Nachricht und können die diskriminierenden Symbole nicht auf den ersten Blick erkennen. Der Begriff „Dog Whistle“ leitet sich von Hundepfeifen ab: Während Hunde die hohe Frequenz der Pfeife wahrnehmen können, hört das menschliche Ohr den Ton nicht. Es werden also Signale gesendet, die nicht von allen gehört werden können.
Im politischen Kontext etablierte sich der Begriff 1996. Damals wurde der rechtsliberale Politiker John Howard zum australischen Premierminister gewählt. Während seines Wahlkampfs nutzte er Codewörter wie „un-Australisch“ oder „Mainstream“. Damit vermittelte er in seinen Reden rassistische Rhetoriken, ohne sie konkret zu benennen. Gleichzeitig waren die Begriffe vage genug, um die versteckte Botschaft zu bestreiten. Mit dieser Taktik gewann er die Stimmen vieler rechter Wähler*innen.
Doch die Politik ist älter als der Begriff. Schon in den 1980er-Jahren verwendete der US-amerikanische Republikaner Ronald Reagan anti-Schwarze rassistische Codewörter. Sein Wahlkampfslogan lautete: „Let’s make America great again“ – derselbe, den Donald Trump später übernahm. Hinter dieser Aussage steht der Wunsch nach der Rückkehr zu weiß dominierten, segregierten USA. Heute ist die Botschaft von „MAGA“ so offensichtlich, dass der Begriff Dog Whistle kaum noch zutrifft.
Ähnliche Rhetoriken gibt es auch in der deutschen Politik. Etwa, wenn AfD-Politiker*innen von „Passdeutschen“ sprechen, um Menschen mit Migrationsgeschichte abzuwerten. Oder als Friedrich Merz Migranten als „Problem im Stadtbild“ bezeichnete. Die versteckten Botschaften zu entlarven, ist oft schwierig, denn sie werden bewusst vage formuliert. Die Absender*innen können plausibel abstreiten, dass sie diskriminierende Inhalte verbreiten. Statt über die eigentliche Aussage zu sprechen, dreht sich der Diskurs häufig darum, ob die Person wusste, welche Botschaft sie sendete, oder ob ihre Wortwahl unglücklich war.
Besonders während der letzten zehn Jahre werden Dog Whistles nicht mehr nur in Reden von Politiker*innen vermutet, sondern auch in Insta-Bios, Kommentarspalten und zuletzt auch in der American-Eagle-Jeans-Werbung mit Sydney Sweeney. Dort wurden mit einem Wortspiel aus den Worten „Jeans“ und „Genes“ (auf Deutsch: Gene), die im Englischen gleich klingen, die Genes/Jeans der blonden, blauäugigen Schauspielerin gepriesen. Das Spiel mit unterschwellig rechten Botschaften ist zum Trend geworden. Heute sind Dog Whistles nicht mehr nur ein Erkennungszeichen für Rechte, sondern so normalisiert, dass sich jetzt auch Jeans damit verkaufen lassen.
Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/26.