Gabriele Stötzer, Die Auslöschung eines Blicks – Ich trage meine Wunden heute offen, 1983, Courtesy: Gabriele Stötzer, Foto: Heike Stephan © VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Julia, wie bist du auf Gabriele aufmerksam geworden? 

Julia Grosse: Ich habe das erste Mal 2019 von Gabi gehört, als ich auf einem Panel zum Thema kulturelle und soziale Teilhabe saß – sie hatte eine besonders spannende Anmerkung. Kurz danach war ich in der Galerie für zeitgenössische Kunst in Leipzig und habe mir ihre Einzelausstellung angeschaut. Ich war elektrisiert, weil sich für mich plötzlich ihr ganzes künstlerisches Universum aufgetan hat. Es war auf einmal alles von ihr zu sehen: Keramik, Fotografie, Super-8, Webarbeiten. Ihr Werk hat sich für mich Schicht für Schicht zusammengesetzt.

Gabriele, dieses Jahr wurdest du als erste ostdeutsche Künstlerin mit dem renommierten Goslarer Kaiserring ausgezeichnet. Das war 1976, als du als junge Oppositionelle gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann protestiert hast und danach unter entsetzlichen Bedingungen eingeknastet wurdest, für dich wohl kaum vorstellbar. Warum bist du damals trotzdem in der DDR geblieben? 

Gabriele Stötzer: Als ich mit 24 aus dem Knast entlassen wurde, hätte ich ganz schnell in den Westen gehen können – wozu mich alle ermunterten. Die BRD hat die Leute ja damals für 30.000 bis 100.000 Westmark rausgekauft. Ich wollte das aber nicht. Ursprünglich wollte ich natürlich den Sozialismus verändern. Im Knast habe ich dann realisiert, da ist überhaupt nichts zu verändern. Die DDR war ein absolut hoffnungsloser Fall, alles verrottet. Alle, die mit mir aus politischen Gründen im Gefängnis waren, wollten in den Westen. Redefreiheit, Reisefreiheit. Ich war schon vor dem Knast exmatrikuliert worden, galt als „die Krallenhand des Klassenfeinds“, weil ich mehr Stoff haben wollte, als die uns gelehrt haben. Wenn ich in den Westen ausgereist wäre, hätte ich all das tun können, was mich interessiert hat, studieren, Kant lesen, Habermas. Statt in der Fabrik zu arbeiten und Schuhe zu produzieren. Aber plötzlich dachte ich, nee, ich hatte doch mal den Traum, Künstlerin…