Musiknews 03/26
Von MissyRedaktion
Newcomer*innen

VASIL
Frühe Inspiration: Ein Rap-Workshop im Jugendzentrum
Fun Fact: Färbt gerne Muster in Buzzcuts
Verstecktes Talent: Hat neun Jahre klassischen Klavierunterricht bekommen
Mit ihrer ersten LP legt die Leipziger Rapperin Vasil gemeinsam mit Produzent Too Young die vielleicht eindringlichste Rap-Platte der ersten Jahreshälfte 2026 vor. Die erst 19-jährige Vasilia Lusin erzählt von ihrer alleinerziehenden Mutter, die drei Jobs hatte, um sie durchzubringen, von Homies, die wegen einer Überdosis starben, von Lisas, die ihren eigenen Klassismus nicht sehen, und immer wieder von Krähen. Begleitet wird Vasil von melancholischen Synthie-Sounds und oldschool Samples, die so geschmeidig sind wie ein purpurner Sonnenaufgang über dem Neubaugebiet. Vasils lyrische Rap-Texte mäandern fließend zwischen Schuldgefühlen, Entfremdung und Benebelung und eignen sich trotzdem für jeden kämpferischen und hoffnungsvollen Demoaufruf. Die neun Songs von „Krähen reden nicht“ geben Halt, nicht zuletzt der Künstlerin selbst, indem sie das benennen, womit Gen Z konfrontiert ist: AfD-Wahlerfolge, die Angst machen, gesellschaftliche Missstände, die sich nicht verbessern, und mittendrin Vasil, die das Abi abgebrochen hat und deren Streams jeden Tag anwachsen. Angebote gibt es gerade viele, sagt Vasil im Videocall, aber sie habe sich noch nicht entschieden, ob es mit einem Label oder unabhängig weitergeht. Ihr Ziel sei es, die beste Rapperin Deutschlands zu werden. Die EP endet mit dem Song „Mama ich werde Rapperin“. Ihre Mutter hätte sich erst gewünscht, sie würde glücklichere Songs schreiben. Aber nachdem sie das Intro gehört hatte, brach sie in Tränen aus und sagte, es sei genau richtig so. Ulla Heinrich
SARAH4K

Wenn nicht mit Rap? Dann mit der Faust
Traumfeature? Gangsta Boo
Drei Künstler*innen, die wir kennen sollten: Keta Cat, Transgangster, Lady Bitch Ray
sarah4k hat ihr erstes Album veröffentlicht! Und kleiner Spoiler: Es soll bald noch mehr kommen. Angefangen hat die gebürtige Bremerin bereits 2016 mit eigenen Songs auf SoundCloud. Es folgten Tracks mit doubtboy, PLH oder Paraçek und ein erstes Mixtape 2025. Nach Jahren zwischen Lohnarbeit als Schulbegleiterin, Home-Studio und Existenznot, wöchentlichen Auftritten und mehreren Anfragen von großen Labels, die sie alle ablehnte, ist die Wahlberlinerin nun Vollzeitrapperin. Und das Beste: Sie kann von ihrer Musik leben. Das am 15. Mai erschienene Album „OKAY?! Vol. 1“ spiegelt diesen Zustand, eine Mischung aus Leichtigkeit, Wut und Unabhängigkeit: Es trotzt Major Labels („denn ich unterschreibe nicht / dass ein Mann mir was sagt“ aus „3D“) und wehrt sich gegen Hater, die in Social-Media-Kommentarspalten nerven („Mein Outfit ist zu knapp / deine Bildschirmzeit zu hoch“ aus „hdf“). sarah4k ist schlagfertig und rechnet mit Geschlechtervorstellungen ab: mal auf Trap-Beats, mal auf Electro oder Trance. Sie lässt sich nicht durch Genregrenzen oder Rollenbilder einschränken. In Tracks wie „puta madre“ zeigt sie eine Seite, die Lust und Sexualität zelebriert. Diese Vielschichtigkeit, die Fähigkeit, sinnlich und zugleich wütend, weich und zugleich laut sein zu können, wird Frauen noch immer viel zu häufig abgesprochen. sarah4k macht’s und legt nach: „OKAY?! Vol. 2“ erscheint noch im September dieses Jahres, kurz vor dem Start ihrer Tour im selben Monat. Puneh Abdi
Comebacks

KELSEY LU
Erste Schritte: Lus erste Aufnahmen entstanden in einer Kirche in Brooklyn („Church“ 2016)
Kollaborationen: u. a. Solange, Kelela, Skrillex und Blood Orange
Side Quest: Auf dem Album „Joanne“ von Lady Gaga spielt Lu Cello
Die tiefen Basstöne des Cellos vibrieren, während eine engelsgleiche Stimme voller Schmerz erklingt. Mit „Rebel“, dem ersten Song auf Kelsey Lus Debütalbum „Blood“ (2019), bewies der*die nicht-binäre Künstler*in, wo die eigenen Stärken liegen. Danach blieb es lange still – doch mit „So Help Me God“ (VÖ: 12.06.) folgt nun das Comeback. Lu, 1991 in North Carolina geboren, nutzt das klassische Cellostudium für die großen Momente und mixt Jazzsounds mit aktuellen Pop- und R’n’B-Klängen. Lu besingt die Natur als Zuflucht für die swipe-müde Seele: In „Pushing Against The Wind“ wirbelt ein starker Wind, untermalt von Tamburins, um die Ohren. Auch sieben Jahre später, im Video zu „Running To Pain“, einem tanzbaren Aufruf, sich den eigenen Ängsten zu stellen, spiegelt eine vulkanische Landschaft diesen schweren Weg wider. So widerständig sind auch Lus Eltern: eine weiße Pianistin und ein Schwarzer Perkussionist, die sich in den Sechzigerjahren trotz rassistischer Gesellschaftsstrukturen verliebten. Ihre Geschichte prägt den Song „Rebel“ (2019) ebenso wie Lus eigene Rebellion, mit 18 aus dem streng religiösen Zuhause auszubrechen. Der selbsternannte „Störenfried“ eröffnet das neue Album mit „Reaper“, einem zunächst sanften Stück, das sich zu einem psychedelischen Trip steigert. Noch spielerischer als auf „Blood“ experimentiert Lu mit der Stimme und macht die Soundkulisse zwischen Altar und Turntables noch ungestümer – ein echter Banger! Yuki Schubert

ZARA LARSSON
Erste Schritte: Mit zehn Jahren gewann sie „Talang“, die schwedische Version von „Got Talent“
Debüt: Ein Cover von Céline Dions „My Heart Will Go On“ (2008)
Fun Fact: Ging bis zur neunten Klasse auf eine Ballettschule
Zara Larssons Karriere erlebt gerade eine Wendung – vor allem dank Social Media. Online feiern Nutzer*innen das als Ausbruch aus dem „Khia Asylum“, einem fiktiven Gefängnis für Popstars, die zwar internationale Hits landen, aber keine bleibende popkulturelle Relevanz haben. Namensgeberin ist die US-Rapperin Khia Chambers, bekannt durch ihr One-Hit-Wonder „My Neck, My Back (Lick It)“. Auch Charlie XCX ist mit „Brat-Summer“ aus dem „Khia Asylum“ ausgebrochen. Im Interview mit dem britischen Magazin „Dazed“ griff Zara Larsson den Begriff selbst auf, um ihre bisherige Laufbahn zu beschreiben. Den erneuten Hype erlebte sie schon 2024 mit einem viralen KI-generierten Delfin-Meme – knallbunt, kitschig und unterlegt mit dem Refrain von „Symphony“, ihrem 2017er-Feature mit Clean Bandit. Bewusst oder unbewusst: Genau diese neonfarbene Y2K-Euro-Sommer-Ästhetik inklusive Delfin prägt ihr fünftes Studioalbum „Midnight Sun“, das im vergangenen Oktober erschien. Auch ihr über zehn Jahre alter Hit „Lush Life“ stieg im Januar dank eines viralen TikToks erneut in die Charts ein. Larsson bewegt sich im selben digitalen Raum wie ihr Publikum. Sie ist chronisch online und macht deutlich, wofür sie steht: für reproduktive Rechte, gegen die US-Einwanderungsbehörde ICE und für einen Eurovision-Boycott. Loredana Duregger
Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/26.
