© Friederike Hantel

BOPPEL IM OHR

Zwei Dinge solle ich immer dabeihaben, riet meine Mama: eine Wimpernzange und Ohrenstöpsel. Über den emanzipatorischen Charakter dieser Erziehung lässt sich streiten. Sicher dient die metallische Zange den Anforderungen des Patriarchats, sie soll hier aber eh nicht weiter Thema sein – die Ohrenstöpsel sind ihr Counterpart: Mittel zur Grenzziehung. 

Sie sind aus einem Kunststoff, der zur Familie des Plastiks gehört, und ich trage das Modell seit 23 Jahren jede Nacht. Jede Nacht ziehe ich eine Grenze, sage ciao zu den Menschen um mich herum, ich höre euch gleich nicht mehr, wer auch immer in meiner Nähe liegt, ihr könnt ruhig mansplainen – es erreicht mich nicht. 

Meistens wollen die Menschen in meiner Nähe aber nachts ohnehin nicht sprechen, deshalb sind die Stöpsel eigentlich unnütz. Aber sie gehören zu mir. Und zwar seit Herbst 2003, in dem ich als Au-pair nach Paris ging. Die reiche Familie, für die ich arbeitete, besaß zwar eine schöne Villa, quartierte mich aber in der ehemaligen Garage am Rand des Gartens ein und hinter der Garagenwand, an der mein Hochbett stand, lag eine große Kreuzung. Die Motorengeräusche musste ich verbannen, sonst hätte ich kein Auge zugetan. Also packte ich die Stöpsel aus, die meine Mama in meinen Koffer gelegt hatte, die gleiche Marke, die auch sie schon immer benutzte. Und als die sechs Monate Au-pair-Zeit rum waren und ich weiterziehen durfte, war mein Körper konditioniert: Fortan konnte ich nicht mehr schlafen ohne Plastik im Ohr. Ohne Plastik im Ohr zu spüren. 

Mit Emanzipation hat diese Abhängigkeit nun auch nichts zu tun, aber ich habe sie akzeptiert. Und wenn es mir …