© Gossing Sieckmann filmfaust Kochman

Sirens Call

„I’m part human, I recognize that, but I’m not full.“ Una ist auf der Reise – durch die USA und zu sich selbst. Sie ist eine Sirene, ein Meermensch, ein Hybridwesen. Im Hier und Jetzt existiert ihr Körper – ihr Geist, ihre Seele stammen jedoch aus einer anderen Zeit und Realität. Auf der Suche nach Zugehörigkeit und Gemeinschaft begleiten wir Una durch klassische amerikanische Diner, durch pompöse Hotelzimmer und staubige Straßen. Während des Roadtrips nimmt sie irgendwann Moth mit, ebenfalls an keinen Ort und keine Zuschreibungen gebunden. Nach einiger Zeit kommen sie in Portland an, wo sie sich der dort ansässigen Community aus Feen und Meerwesen, ihrer „Fae-mer-ly“, anschließen. Sie demonstrieren und feiern zusammen und erforschen, was es heißt, Verbundenheit und Akzeptanz zu erfahren.

„Sirens Call“ lässt sich, wie seine Protagonist*innen, keinem Genre zuschreiben, der Film ist ein Hybrid aus Dokumentation, Performance und Science-Fiction. Die Bilderwelten sind gewaltig, die Farbgestaltung ein eigenes Kunstwerk. Und auch wenn sich der Film stellenweise etwas zieht, ist die Erzählstruktur atmosphärisch dicht, gespenstisch, mysteriös. Wir dürfen in eine Subkultur eintauchen, die queerfeministisch an eine andere, offenere Welt glaubt und bereit ist, dafür zu kämpfen. Eine Hymne an die Transformation. Avan Weis

„Sirens Call“ DE/NL 2025 ( Regie: Miriam Gossing & Lina Sieckmann. Mit Gina Rønning, Moth Rønning-Botel u. a., 121 Min., Start: 30.04. )

© Salzgeber

Love Me Tender

Constance Debré erzählt in ihren autofiktionalen Romanen – darunter „Nom“, „Play Boy“ und „Love Me Tender“ – vom Bruch der Protagonistin mit ihrem früheren Leben: der französischen Elite, ihrem Beruf als Anwältin sowie der heteronormativen Ehe und Familie. Mit „Love Me Tender“ kommt eine dieser Geschichten jetzt ins Kino. Als Clémence, gespielt von Vicky Krieps, ihrem Exmann von Affären mit Frauen erzählt, entzieht dieser ihr den Kontakt zum gemeinsamen Sohn. Aus dem wöchentlichen Wechselmodell wird ein zermürbender Kampf mit Behörden und Gerichten. Doch die langsam mahlenden Mühlen dieser Institutionen werden dem Mutter-Kind-Verhältnis nicht gerecht: Während sie monatelang auf Gutachten und Termine wartet, entfremden sich die beiden zunehmend. Die seltenen, fragilen Begegnungen mit ihrem Sohn wechseln sich ab mit Streifzügen durch die Schwimmbäder und Nächte von Paris. Clémence schreibt Bücher, wohnt mal hier und mal dort und schläft mit Frauen. Ihre Suche erscheint als Versuch, Nähe zu finden, die ihr an anderer Stelle entgleitet. „Love Me Tender“ ist keine simple Empowerment-Story, sondern zeigt den Preis eines sozial sanktionierten Bruches. Anna Cazenave Cambet gelingt es, die poetisch-nüchterne Buchvorlage in einen Film zu übersetzen, der zeigt, wie sich ein Mensch neu erfindet, weil er es muss. Merle Groneweg

„Love Me Tender“ FR 2025 ( Regie: Anna Cazenave Cambet. Mit Vicky Krieps, Monia Chokri, Antoine Reinartz, Ji-Min Park u. a., 133 Min., Start: 07.05. )

© Bildersturm Filmproduktion

Was an Empfindsamkeit bleibt

Daniela Magnani Hüller hat überlebt. Ihr Leben versteht die 1995 in München geborene deutsch-brasilianische Regisseurin auch als Weiterleben für all jene, denen diese Möglichkeit genommen wurde. Fast jeden Tag kommt es in Deutschland zu einem Femizid.

Ein Mitschüler war es, der einen Mordversuch auf Daniela Magnani Hüller verübte. Sie erinnert sich noch an den Kommissar, der sie im Krankenhaus danach inständig bat, trotz allem den Glauben an die Menschheit nicht zu verlieren. Sie lebte weiter, machte Abitur, ging für eine Weile nach Brasilien, studierte an der Filmhochschule. Für ihren autobiografischen Dokumentarfilm „Was an Empfindsamkeit bleibt“ hat die Regisseurin 14 Jahre nach der Tat Interviews geführt mit Menschen von damals, etwa einer Polizistin, einer Lehrerin, einem Arzt. Sie antworten überlegt und reflektiert auf ihre Fragen. Doch warum wurde der Täter nicht gestoppt, bevor es zu spät war? Schon vorher war er auffällig, Daniela Magnani Hüller hatte Anzeige erstattet. Die rechtlichen Möglichkeiten seien eingeschränkt, heißt es. Auch jetzt könne kein dauerhaftes Kontaktverbot erwirkt werden. Wie viele müssen noch sterben, bevor sich etwas ändert? Das ist die drängende Frage, die nach diesem ruhigen, mutigen Film zurückbleibt, der sich durch seine reduzierten, assoziativen Bilder auszeichnet. Ana Maria März

„Was an Empfindsamkeit bleibt“ DE 2026 ( Regie: Daniela ­Magnani Hüller. 91 Min., Start: 14.05. )

© Cala Film

Germaine Acogny – Die Essenz des Tanzes 

„Die Brust ist die Sonne, der Po der Mond, das Schambein die Sterne – ein kleines Universum in unserem Körper“, erklärt Germaine Acogny das Grundkonzept ihrer Tanztechnik. Eine Technik, die als erste und bisher einzige aus Afrika in den internationalen Kanon des modernen Tanzes aufgenommen wurde. Tänzer*innen aus der ganzen Welt reisen in den Senegal, um dort an Acognys Schule, der École des Sables, von der inzwischen 81-jährigen Tänzerin zu lernen. Nicht umsonst wird sie die „Mutter des zeitgenössischen afrikanischen Tanzes“ genannt. Ihr Ansatz ist es, den Blick auf Schwarze Tänze zu dekolonialisieren: Im Tanz solle das Publikum die Seele der Tänzer*innen sehen, nicht deren Körper. 

Die Doku „Germaine Acogny – Die Essenz des Tanzes“ schafft über die charismatische Protagonistin den Zugang zu Themenbereichen, die weit über den Tanz selbst hinausgehen. Europäische Zuschauer*innen werden herausgefordert, ihre Sicht auf Westafrika kritisch zu hinterfragen, bekommen Einblicke in die Geschichte des Senegals und in die weltweite Tanzindustrie. Archivaufnahmen von Acognys wichtigsten Performances der letzten fünfzig Jahre runden die Doku eindrucksvoll ab. Das Endergebnis ist eine Bereicherung – für Tanzliebhaber*innen und alle anderen, die bisher noch nichts mit Tanz zu tun hatten. Nele Cumart 

„Germaine Acogny – Die Essenz des Tanzes“ DE/FR/SN 2025 ( Regie: Greta-Marie Becker. 89 Min., Start: 28.05. )

© Little Dream Pictures

Roya

Wer gegen das Mullah-Regime aufbegehrt, landet im berüchtigten Evin-Gefängnis in Teheran. Genau dort spielt der Film „Roya“, der eindrücklich nachzeichnet, wie die systematische Repression Leben zerstört. Die Frauenrechtsaktivistin Mahnaz Mohammadi, die selbst in Evin inhaftiert war, beginnt ihren Film aus der Perspektive der Hauptfigur Roya (Melisa Sözen). Dadurch prasseln die unterschiedlichen Formen der Gewalt in Evin unvermittelt auf das Publikum ein. Da sind die Blutspuren, die die Lehrerin auf ihrem Weg zum Verhör sieht, während sie ihren Blick nur nach unten richten darf, sowie ihr zwanghaftes Suchen nach Halt an der Wand ihrer nur drei Quadratmeter großen Isolationszelle. Wie essenziell dieses Festhalten an etwas ist, wird deutlich, als sie sich um die eigene Achse drehen muss. Alles verschwimmt vor den Augen – sowohl für die Frau, die ein Geständnis über eine Kopftuchverbrennung ablegen soll, als auch für die Zuschauer*innen. Die Regisseurin nutzt das Gefühl des Orientierungsverlusts durchweg. So lässt sie Vergangenheit und Gegenwart ineinander übergehen, verwandelt bspw. Royas Wohnung durch wiederkehrende Geräusche in ihre Zelle. Der Film wirkt besonders brutal, als einer der Peiniger Royas intimste Gedanken aus ihrem Notizbuch vorliest. Royas Atem rast, es scheint, als sei ihr alles genommen, doch ihr Geist kämpft weiter. Yuki Schubert

„Roya“ DE/CZ/IR/LU 2026 ( Regie: Mahnaz Mohammadi. Mit Melisa Sözen, Maryam Palizban, Hamidreza Djavdan, ­Mohammad Ali Hosseinalipour u. a., 92 Min., Start: 07.05. )

© Grandfilm GmbH

Meine Frau weint

Das hier ist kein Liebesfilm, sondern ein Film, der zeigt, dass Liebe in allen Lebensbereichen steckt – selbst auf dem Bau oder entlang der Autobahn. Ausgangspunkt ist ein Vorfall: Ein Kranführer erhält während der Arbeit einen Anruf seiner Frau, die nach einem Unfall im Krankenhaus liegt. Doch der Film erzählt dieses Ereignis weder dramatisch noch geradlinig, sondern entfaltet ein ruhiges Geflecht aus Gesprächen, Begegnungen und Erinnerungen zwischen dem Paar und seinen Freund*innen im warmen Sommerlicht.

Durch diese Dialoge erkundet der Film, welches Werkzeug Menschen haben, um Liebe auszudrücken: Setzen wir Körper, Verstand und Sprache als Waffen ein? Oder nutzen wir sie, um jemanden zum Lächeln zu bringen, wie es im Song „Lover Lover Lover“ von Leonard Cohen heißt, zu dem die Protagonist*innen tanzen? In den absurd-realen Gesprächen und langen symbolischen Sequenzen geht es zwar um die romantische Liebe, doch noch viel mehr darum, was Liebe überhaupt ist.

Sehenswert ist dieser Film, weil er zeigt, wie Menschen durch (Zwie-)Sprache gemeinsame Räume schaffen. Doch auflösen kann Sprache die Spannung zwischen Wunsch und Wirklichkeit von Liebe nicht. Ein Kranführer mit Balkanakzent drückt sich in poetischem Deutsch aus und seine Frau sagt unverhofft, ihr einziger Sport sei Sex. Ihr solltet diesen Film unbedingt sehen. Monika Raič

„Meine Frau weint“ DE/FR 2026 ( Regie: Angela Schanelec. Mit Vladimir Vulević, Agathe Bonitzer u. a., 93 Min., Start: 11.06. )

© Capelight Central

Truly Naked 

Alec (Caolán O’Gorman), ein sanftmütiger, introvertierter Teenager, kommt als Sohn von Erotikdarsteller*innen seit frühester Kindheit mit der Pornofilmproduktion in Berührung. Diese von nackter Rohheit geprägte Welt ist Teil seiner Realität und vermittelt ihm ein verzerrtes Bild von Intimität. Nach dem Tod der Mutter lebt Alec allein mit seinem Vater Dylan (Andrew Howard). Dieser bezieht ihn in die Filmproduktion ein: Alec dreht und schneidet die Filme, in denen der Vater an der Seite von Drehpartnerin Lizzie (Alessa Savage) die männliche Hauptrolle spielt. Durch den Umzug von London in ein kleines Küstenstädtchen erhofft sich Alec einen Neuanfang, ohne seinen unkonventionellen Lebensalltag preisgeben zu müssen. Doch als er für ein Schulprojekt mit der selbstbewussten Nina (Safiya Benaddi) zusammenarbeitet, gewährt er ihr Stück für Stück Einblicke in sein Leben. Je näher sich die beiden kommen, desto mehr erkennt Alec den Wert wahrer Berührungen und Nähe – und beginnt, die Welt seines Vaters zu hinterfragen. „Truly Naked“ erzählt eine Geschichte über Intimität, Identität und das Erwachsenwerden, die zum Nachdenken anregt. Das mutige Langfilmdebüt von Regisseurin und Drehbuchautorin Muriel d’Ansembourg feierte seine Premiere auf der 76. Berlinale. Sandra Prinz

„Truly Naked“ NL/BE/FR 2026 ( Regie: Muriel d’Ansembourg. Mit Caolán O’Gorman, Andrew Howard, Alessa Savage, ­Safiya Benaddi u. a., 102 Min., Start: 11.06. )

© Kreyenberg

Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war

„Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“, sagt die Dichterin Ingeborg Bachmann in einer Dankesrede. Sie sei ausgerechnet im Schmerz zu finden, jener Instanz, die den Menschen ausmache. 

Davon gibt es in Bachmanns Leben jede Menge. Nach der gescheiterten Beziehung mit Max Frisch verlegt sie sich ganz aufs Arbeiten. In ihrer Wohnung in Rom hackt sie rauchend, trinkend in die Tasten ihrer Schreibmaschine, erschafft dort einsam ihr Werk. 

In ihrem opaken Filmessay schickt Regisseurin Regina Schilling eine heutige Person (Sandra Hüller) in den geistigen und lebensweltlichen Kosmos einer der größten deutschsprachigen Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. Vor der Kamera lebt sich Hüller in Bachmanns Leben ein – der Prozess dieser Verwandlung wird miterzählt. Das ist originell, bringt erfrischende Verfremdung in den Film, die den Sog dieser poetisch grundierten Lebenserzählung nur noch verstärkt.

Bachmann ist hochintelligent, künstlerisch radikal, widerständig. Sie passt nicht in die biederen 1950er-Jahre, beugt sich nicht, fühlt sich als Frau und als Mann, wird krank an den Männern, an der Welt. Vom Tod besessen erscheint Bachmann immer verlorener in den dokumentarischen Ausschnitten, die Schilling mit einer starken Tanzszene und mit römischen Straßenszenen stimmungsvoll ergänzt. Aus den Bildern und Auszügen aus ihren Werken, mal von Bachmann, mal von Hüller gelesen, ergibt sich ein eindrucksvolles Porträt. Originell orchestriert die österreichische Musikerin Soap&Skin das Leben einer Ausnahmekünstlerin. Anna Opel

„Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“ DE/AT 2026 ( Regie: Regina Schilling. Mit Sandra Hüller, 95 Min., Start: 25.06. )

© Real Fiction

Ich verstehe Ihren Unmut

Wenn Einkaufscenter und Kindergärten geschlossen sind, hechtet Heike (Sabine Thalau) zwischen den Reinigungskräften hin und her: „Hier ist ein Fleck, den Mop erst über die Mitte und dann in die Ecken, ich hab’s dir doch gesagt!“ Die Vorarbeiterin ist bei niemandem beliebt, sie ermahnt, droht, schimpft. Sie wiederum wird von ihrem Chef ermahnt und von Kund*innen überheblich angekeift, wenn die Räume trotz niedriger Bezahlung und knapper Zeit nicht einwandfrei sind. Eingekeilt zwischen den Erwartungen, versucht Heike, es allen recht zu machen und ihre Würde zu wahren. Die Kamera folgt ihr dabei, nah an ihren gebeugten Schultern, ihrer müden Haut und flachen Atmung. „Warum tust du dir das an?“, fragt ihr arbeitsloser Mitbewohner sie, und für einige der Arbeiter*innen in der Putzkolonne ist die Antwort schlicht: Sie brauchen den Job für die Aufenthaltsgenehmigung. Aber warum sollte jemand unter diesen Bedingungen motiviert arbeiten? Diese Frage stellt der eindringliche, im Dokumentarstil gehaltene Spielfilm, indem er die Psyche der Angestellten im „Niedriglohnsektor“ fokussiert, der ja gar kein Niedriglohnsektor sein müsste. Als Heike schließlich beschließt, ihre eigene Putzfirma mit fairen Arbeitsbedingungen zu gründen, wünscht man sich, diese Utopie würde noch ein bisschen länger erzählt. Lena Völkening

„Ich verstehe Ihren Unmut“ DE 2026 ( Regie: Kilian Armando Friedrich. Mit Sabine Thalau, Nada Kosturin, Werner Posselt u. a., 90 Min., Start: 04.06. )

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/26.