Fotografie: © Lilian Liu



Ausstellungsansicht: Disentangling Entanglement: In Memory of Intimacy, Vulnerability, and Action, ICA an der NYU Shanghai, 2026, ICA at NYU Shanghai. Courtesy of the ICA at NYU Shanghai. Foto: © Zhu Zhenyu.

Ein sanfter Klangteppich liegt über dem Ausstellungsraum. Wer der Musik folgt, gelangt zu einer Installation aus weißem Xuan-Papier, gespannt über Holzstäbe. Ein Gebilde, das an ein Zelt oder ein Iglu erinnert. Vor dem Eingang ein Schild: „Das hier ist ein Raum zum Trauern und Erinnern.“ An der Innenwand fragt ein kleiner Zettel: „Was hast du verloren? Worum trauerst du?“ Rosa-grüne Suzhou-Stickerei, die an die Fingerabdrücke von Freund*innen erinnert, verziert die Decke. Wer den Raum betritt, kann die Spuren derjenigen spüren, die einst gemeinsam unterwegs waren, nun jedoch an verschiedene Orte verstreut sind. Die Installation der Künstlerin Lina Zhu spannt sich wie ein Kokon um die Trauer der Besucher*innen. 

Der Kontrast zum Draußen könnte kaum größer sein.

Hochhäuser aus Glas und Stahl ragen in den Himmel, luxuriöse Shoppingmalls ziehen sich entlang makelloser Fassaden. Die Straßen sind aufgeräumt und sauber, kaum Menschen auf den breiten Gehwegen, nur Dutzende Leihfahrräder in Reih und Glied. Das Quartier Qiantan, der „Neue Bund“, wirkt steril und funktional, wie am Reißbrett geplant. Und das ist es auch – im Süden von Shanghais Bezirk Pudong, der wie kaum ein anderer Ort für Chinas rasanten Aufstieg zur globalen Wirtschaftsmacht steht. Eine 1956 gebaute Entladebrücke am Kohlehafen trägt hier bereits die Plakette „architektonisches Erbe“. Aus Fabrikgeländen werden Kunsthallen, aus peripheren Lagerflächen neue Zentren, die „Innovation“ und „Künstliche Intelligenz“ im Titel tragen.

Die Volksrepublik China und ihre Städte durchlaufen im Zeitraffer einen Prozess, der sich in den Industriestaaten des Globalen Nordens über mehr als zwei Jahrhunderte erstreckte: Industrialisierung und Deind…