Musik-Rant: Black Girl in Girlband-Syndrom
Von Abena Appiah
Was haben Mel B von den Spice Girls, Leigh-Anne von Little Mix, Keisha von den Sugarbabes und Manon von Katseye gemeinsam? Genau, sie singen, tanzen und liefern hammermäßige Performances. Das sollte die Standardantwort sein, wenn man sich mit Girlbands auskennt. Aber zur traurigen Wahrheit gehört auch, dass sie die „Diversity Picks“ ihrer Bands sind. Oder plump gesagt: die Schwarzen Frauen, die einer Girlband das gewisse Etwas verleihen. Diesen Edge, diese Coolness eben. So einfach geht Diversity, lol. Zumindest in den Augen der Bandmacher*innen. Für die Big Bosses ist dieses Coolness-Upgrade günstig. Aber Schwarze Künstlerinnen zahlen mit der Missachtung ihres Talents – denn „singen können ja alle“. Sie werden exotisiert und hypersexualisiert, ihr Look wird als „international“ und „animalisch“ vermarktet. Und gleichzeitig sind sie die Ersten, die Anfeindungen von Fans und dem eigenen Management einstecken. Nett, oder?
Jüngstes Beispiel dieses altbekannten Phänomens: Manon Bannerman. Die Schweizerin ist zwar Teil der multinationalen Band Katseye, die über die Castingshow „The Debut: Dream Academy“ von Geffen Records und dem südkoreanischen Musikkonzern HYBE in Los Angeles bunt zusammengestellt wurde, but she is still the Black Girl in the Group. Und das Gurl hatte es von Anfang an nicht leicht. Sie wurde von den Macher*innen der Sendung gescoutet. An sich nicht ungewöhnlich, aber für die Fans war schnell klar: Manon sei nur dabei, weil sie das „Face“ der Band sei. Anders als ihre Kolleginnen hat Manon keinen langjährigen musikalischen oder tänzerischen Background. In der Castingshow heißt es seitens Kolleg*innen, Vorgesetzten und Zuschauer*innen bald: Manon sei faul, kein Teamplayer, immer krank, finde Ausreden, um nicht mitzumachen. Und trotzdem – oder gerade deswegen – kommt sie gut an: Sie hört auf ihren Körper, nimmt sich eine Auszeit, wenn sie krank ist, interagiert nahbar mit den Fans und wirkt mühelos cool. Diese Ausstrahlung gepaart mit ihrer Facecard macht sie zum Underdog und somit Mitglied von Katseye.
Die Bandmacher*innen versuchten, ihre Coolness auf das Gesamtkonzept zu übertragen. Sie hofften, dass Manons Aura auf die anderen abfärbt, während sie ihr die Rolle des „Bad Child“ zuschoben. Aber im Februar zogen HYBE und Geffen Records die Reißleine: In einem ChatGPT-artigen Statement verkündeten sie, Manon nehme eine Pause von der Band. Dabei unterschätzten die Labels ihren Rückhalt. Schwarze Sängerinnen, insbesondere aus Girlbands, solidarisierten sich mit ihr. Denn Manon hatte sich auch selbst mit einer kryptischen Nachricht an die Fans gerichtet: Sie sei gesund, könne nicht alle Entscheidungen kontrollieren, vertraue jedoch auf das größere Ganze. Die Worte brachten den Stein ins Rollen. Das Thema erreicht den Pop-Mainstream. Können wir nun endlich darüber reden, dass die Schwarze Sängerin Normani auf der Bühne Moves rausholt, die an Simone Biles erinnern, und nebenbei keinen schiefen Ton raushaut? Aber nicht ansatzweise so geschätzt wird wie ihre ehemalige Fifth-Harmony-Kollegin Camilla Cabello? Die Spice Girls haben Girlpower vorgelebt – aber warum war Mel B „Scary Spice“? Black Girls in Girlbands geben mir viel, doch wie Bandkolleg*innen, Fans und Management mit ihnen umgehen, ist immer: same but different. Girlbands inszenieren eine „Girlhood“, eine Utopie der Gleichheit. Aber am Ende spiegeln sie auch nur die traurige Realität wider.
Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/26.