Bitches im Fußballstadion
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Kunsthalle in Osnabrück (Niedersachsen) zu sehen. Foto: © Friso Gentsch
Nebelschwaden wabern durch den Raum. Stadionflutlichter erhellen die Szenerie. In der Mitte eine große Tribüne mit dem Titel „Away End“ (Englisch für Gästeblock). Figuren tragen Sportswear, weiter hinten eine Sitzgruppe mit Tischdekoration, an der dazugehörigen Bar gibt es Proteinshakes. Was nach einem deutschen Fußballwochenende zwischen Bengalos, Vereinsheim und Fitti klingt, ist in Wirklichkeit das Setting von Aleen Solaris Ausstellung „Tribute To Bicce“. Im sakralen Ambiente der ab 1283 erbauten Dominikanerkirche, in der seit über drei Jahrzehnten die Osnabrücker Kunsthalle ihre Räumlichkeiten hat, hinterfragt Solari während und nach der Männer-Fußball-WM die Ein- und Ausschlüsse, die mit globalen, männlich geprägten Fankulturen einhergehen. Nach welchen Codes und Ritualen funktionieren diese Subkulturen, die die maskulinistischen Dominanzgesten der Mehrheitsgesellschaft überaffirmieren? Welche Rolle spielen Gender, Sexualität, Queerness in diesen Zusammenschlüssen?
Der Abwertung des „Nicht-Männlichen“ setzt die in Hamburg lebende Künstlerin und Fan-Beauftragte des FC St. Pauli, die ursprünglich Malerei studiert hat, ganz bewusst Kitsch und Camp entgegen: Proteinshakes und Sportklamotten sind von ihr erdachte, fiktive Marken. Der „Gästeblock“ ist mit lieblichen Farben bemalt. Die in Stadien üblichen „Wellenbrecher“, also die Stangen, die auf Stehtribünen die Menschenmassen gliedern, bestehen aus Keramikplastiken. Dieses als quintessenziell weiblich geltende Material ist mit Schwarz-Weiß-Fotos von echten Fanstickern verziert. Den misogynen Inhalten, die sich darauf zuhauf finden, begegnet Solari auch durch den Titel der Ausstellung mit der popkulturellen Strategie der Aneignung. Das über tausend Jahre alte altenglische Wort „Bicce“, das aus dem Proto-Germanischen stammt (und auch mit dem deutschsprachigen Begriff „Petze“ verwandt ist) und eigentlich einen weiblichen Hund bezeichnet, wird bereits seit dem 15. Jahrhundert als abwertendes Schimpfwort benutzt. In Solaris Kirche wird der „Bitch“ gehuldigt – nicht nur durch ihre Kunst, sondern auch durch eine Öffnung der häufig hermetischen Fanräume für alle. An der Bar können Interessierte ins Gespräch kommen. Das Hamburger Dykebar-Kollektiv veranstaltet feministisches Armdrücken und Wrestling, und zur Finissage spricht keine Geringere als Dr. Lady Bitch Ray zu Sprach-Empowerment und reclaimten Räumen. Tor!
Aleen Solari „Tribute To Bicce“
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bis 11.10., Kunsthalle Osnabrück, kunsthalle.osnabrueck.de
Dieser Text erschien zuerst in Missy 04/26.