©️ ThurnFilm GmbH / Fotografin Ines Reinisch

Salz und Wasser

Der Dokumentarfilm bietet die seltene Gelegenheit, eine Forschungsfahrt des Eisbrechers Polarstern zu begleiten: eine Expedition in die Antarktis. Ziel der Fahrt sind Untersuchungen zur Verlagerung des Antarktischen Zirkumpolarstroms, die eine Gletscherschmelze in der Ostantarktis zur Folge hätte und diese wiederum einen globalen Meeresspiegelanstieg von 52 Metern. Ines Reinisch filmt die Arbeit der 93-köpfigen internationalen Besatzung während mehrerer Wochen. Wir sehen sie Wasser- und Bodenproben entnehmen und auswerten, begleitet von kommentierenden Erklärungen und Infografiken – der Stil ist sachlich. Emotional wird es, wenn die Regisseurin ihre Gedanken und Gefühle äußert, Bildwirkungen durch Musik verstärkt. Oder wenn die Crew-Mitglieder in Interviews ihre Motivation offenbaren, welche Entbehrungen sie in Kauf nehmen und was für Sorgen sie haben. Für die iranische Forscherin etwa zählt neben den wissenschaftlichen Ergebnissen auch das Privileg der Freiheit, dabei sein zu können. 
Landschaftsaufnahmen haben keine Feelgood-Funktion, sie sind ein Appell an die Verantwortung der Menschen. Die brüchigen Eismassen im orangefarbenen Licht mögen schön aussehen, mit dem Wissen über die Folgen der Meereserwärmung offenbaren sie aber den Sterbeprozess des Denman-Gletschers. Imke Staats


„Salz und Wasser“ DE 2025 (Regie: Ines Reinisch. 106 Min., Start: 20.08.)

© Adrian Campean Trimafilm


Etwas ganz Besonderes

„Was macht dich aus?“ Diese Frage wird der Teenagerin Lea (Frida Hornemann) gestellt, während vor der Schule ein Beitrag über sie gedreht wird. Sie wurde als Kandidatin für eine Gesangs-Castingshow ausgewählt. Blumen und Tränen – ihr stolzer Vater Matze (Max Riemelt) umarmt sie fest. Lea sitzt im Spotlight und sucht sich selbst in der Frage. Der Film wirkt fast dokumentarisch: sehr nah, roh und echt. Die Geschichte spielt größtenteils in Leas Heimatdorf, in der thüringischen Provinz. Die Situation ist angespannt: Ihre Mutter Rieke (Gina Henkel) ist von ihrem neuen Partner, Leas Schulleiter, schwanger. Lea zieht zu ihrem Vater, und die beiden leben in der Pension der Großeltern, die kurz vor der Insolvenz steht. Leas Tante Kati (Eva Löbau) leitet das Stadtmuseum. Zwischen Streit, Familienfest, Castingshow und der Stille der Natur kommen sich alle näher und entfernen sich zugleich voneinander. Sie halten zusammen – für Lea oder für sich selbst? Ein besonderer Film: leise, weil er nichts vorwegnimmt, laut, weil die Frage nachhallt, was besonders ist und was bleibt. Er inszeniert und performt nicht, sondern besticht durch Natürlichkeit. Alem-Adina Weisbecker


„Etwas ganz Besonderes“ DE 2026 ( Regie: Eva Trobisch. Mit Max Riemelt, Eva Löbau, Florian Lukas u. a., 116 Min., Start: 09.07. )

© Cine Global

To My Sisters

Zwölf Jahre nach dem Genozid an den Êzîd*innen durch den Islamischen Staat (IS) erinnert der Dokumentarfilm „To My Sisters“ an das Grauen der IS-Herrschaft und wie Frauen dagegen Widerstand leisteten. Die Protagonistinnen: Sepan, eine êzîdische Frau, die als Kind vom IS versklavt wurde, und Berxwedan, die in Rojava eine Einheit der Frauenverteidigungseinheiten YPJ anführt. Dem Film gelingt, was viele Dokumentarfilme über den Kampf gegen den IS nicht schaffen: dem Erlebten, den Stimmen von Überlebenden sowie der Perspektive des bewaffneten Widerstands gleichermaßen Raum zu geben. Szenen, in denen Sepan von ihrer Gefangenschaft erzählt, wechseln sich ab mit Szenen, in denen YPJ-Kämpferinnen erklären, warum sie sich der Frauen­einheit angeschlossen haben. Dass es beim Kampf der YPJ um mehr ging als den IS, nämlich um einen Umsturz patriarchaler Strukturen und eine gesellschaftliche Revolution, wird im Film nur angerissen – die Geschichte und Philosophie hinter dem bewaffneten und unbewaffneten Widerstand kurdischer Frauen bleibt im Hintergrund. Dennoch ist „To My Sisters“ eine wichtige Erinnerung: daran, dass noch immer Tausende êzîdische Frauen vermisst werden, dass IS-Schläferzellen weiterhin aktiv sind und dass Angriffe auf Frauen und Minderheiten unter der islamistischen Übergangsregierung in Syrien andauern. Hêlîn Dirik


„To My Sisters“ DE 2026 ( Regie: Faek Falak. 95 Min., Start: 23.07. )

©️ Neue Visionen Filmverleih Gmb


Mit leiser Stimme

Lilia (Eya Bouteraa) reist für die Beerdigung ihres Onkels aus Paris nach Tunesien. Sie bringt ihre Freundin (Marion Barbeau) in einem Hotel unter, um ihre Homosexualität vor der Verwandtschaft zu verbergen – ein mühsames Doppelleben aus Angst davor, verstoßen zu werden. Als sie entdeckt, dass der Tod des Onkels mit dessen eigener Homosexualität zu tun hatte, begibt sie sich auf Spurensuche; ein schmerzhafter Prozess, in dem die Frage aufkommt: Ist ein Leben in Selbstverleugnung erträglicher als das Risiko, für die offen gelebte Liebe alles zu verlieren? In Tunesien, wo homosexuelle Beziehungen nach Artikel 230 des Strafgesetzbuchs – aus der französischen Kolonialzeit stammend – mit bis zu drei Jahren Haft bestraft werden, ist die staatliche Repression nur die Kulisse. Tief sitzende Wunden werden auch von Tabuisierung und Stigmatisierung seitens der Familie verursacht: Lilias Mutter (Hiam Abbass) verteidigt zwar posthum den toten Bruder, verurteilt aber die eigene Tochter. 
Drehbuchautorin und Regisseurin Leyla Bouzid drehte größtenteils im Haus ihrer eigenen Großmutter in Sousse. Dass ihr drittes Spielfilmdrama – auf der diesjährigen Berlinale für den Teddy Award nominiert – wie ein persönlicher Befreiungsschlag wirkt, zeigt auch eine letzte Geste: Bouzid widmete den Film ihrer Mutter, die kurz vor Ende der Dreharbeiten verstarb. Carina Scherer


„Mit leiser Stimme“ TN/FR 2026 ( Regie: Leyla Bouzid. Mit Eya Bouteraa, Hiam Abbass, Marion Barbeau u. a., 112 Min., Start: 09.07. )

© Archiv: SWR, Nachtcafé: Männerhumor und Weiberwitz – wer lacht über was?, 17.02.1995

Was haben wir gelacht

Samstagabend im Fernsehen: ein Interviewsofa, viele berühmte weibliche Gäste und ein Thomas Gottschalk, der diese Frauen anfasst. Mal sind es ihre Knie, mal ihre Taillen und dann ihre Lippen. Neben ihm sitzen die Interviewgäste, strahlen Unwohlsein aus und versuchen, die Situationen zu überspielen oder sie schlagfertig zu unterbinden. Auf der gegenüberliegenden Seite sitzt ein Publikum, das gar nichts zu merken scheint und im Studio oder vor den Bildschirmen laut lacht. So war sie eben, die Unterhaltungsbranche der 1990er-Jahre und die Welt der Fernsehhosts rund um Gottschalk, Schmidt und Raab. Das könnte man meinen und weiterblicken. Oder man schaut genauer hin – so wie es Maren Kroymann, Hella von Sinnen, Bettina Böttinger, Gaby Köster und Esther Schweins auf ihrer Zeitreise durch die Würstchenparty des deutschen Unterhaltungsfernsehens tun. Ihr Rückblick auf die vergangenen Jahrzehnte und die eigenen Karrieren reflektiert kritisch und nicht immer einig, wie das Lachen früher aussah, feministische Interventionen erlebte und sich wellenartig zwischen Fort- und Rückschritt bewegte. Der Dokumentarfilm gewährt einen Einblick in die Archive privater und öffentlich-rechtlicher Sender und wirft zwischen Lachen und Weinen die Frage auf, warum es sich für so viele Fernsehgrößen immer noch nicht ausgescherzt hat. Aleyna Dilan Karakurt


„Was haben wir gelacht“ DE 2026 ( Regie: Eva Müller & Isabel Schneider. 96 Min., Start: 16.07. )

©️ RFF – Real Fiction Filmverleih e.K.


Töchter Europas

„Der Rhythmus schlägt in Ankunftszeiten. In Türen, die sich öffnen und schließen.“ In „Töchter Europas“ kommen unterschiedliche Frauen auf ihren Reisen zu Wort – auf Ukrainisch, Spanisch oder Französisch. Der Dokumentarfilm lässt uns aus malerischen Blickwinkeln, einer satten und doch unaufdringlichen Farbigkeit mit Sorgfalt an ihren Leben teilhaben. Perspektiven der Rassifizierung spielen dabei ebenso eine Rolle wie trans Identitäten, Familienschicksale und Krieg. Neben denen, die sich auf Reisen begeben, sprechen auch die Busfahrerinnen. Eine von ihnen stellt klar, dass sie jene transportiert, die ein Ticket, und nicht nur jene, die gültige Ausweispapiere haben. Während wir die Menschen auf ihren Wegen begleiten, greift orchestrale Musik die Bildsprache der atmosphärischen Aufnahmen auf. Anhand von Fensterspiegelungen, den Lichtern der Nacht und den Gesichtern der Reisenden porträtiert dieser Film die wortwörtlichen Grenzen der Bewegungsfreiheit. Durch Konfrontationen mit einer Hierarchie der Pässe, mit Kontrollen durch Polizei- und Grenzbeamt*innen, mit dem Warten auf Erlaubnis, auf Abfahrten und Ankünfte wird die Realität der Grenzen innerhalb Europas eindrücklich dokumentiert. L.A. Evans


„Töchter Europas“ DE 2026 ( Regie: Verena Kuri & Iris Janssen. 80 Min., Start: 16.07. )

© mindjazz pictures

Wise Women

Eine junge Teenagerin liegt auf dem Bett und stillt ihr Neugeborenes. Sheila Santos steht neben ihr, tippt sie an und sagt, sie solle ihr Bescheid geben, wenn sie die Verhütungsspirale wolle. Kurz nach der Geburt sei das Einsetzen nicht so schmerzhaft. Eine von vielen Aufgaben in Santos’ Alltag als Hebamme in Brasilien. Zusammen mit Genet Gebru aus Äthiopien, Aïcha El Fathi aus Marokko, Kanchan Mala Shrestha aus Nepal und Gunda Gutscher aus Österreich verfolgen sie alle ein Ziel bei der Arbeit: Frauen eine sichere und selbstbestimmte Geburt zu ermöglichen. Die deutsche Regisseurin Nicole Scherg filmt den Arbeitsalltag der fünf Protagonistinnen und zeichnet dadurch ein diverses Porträt des Berufs. Dabei schafft Scherg eine Vertrauensebene mit Hebamme und Patientin, die es ermöglicht, intime und bildstarke Szenen einzufangen. Wertungsfrei werden Ähnlichkeiten und Differenzen zwischen den fünf Alltagsentwürfen mit allen wirtschaftlichen und kulturellen Umständen gezeigt. Der behutsame und ehrfürchtige Gesamtduktus der Doku beruht auf der Anpassungsfähigkeit des Berufs. Denn für die Hebammen gehören Aufklärungsarbeit, Geburtshilfe, Leben zu retten und zu verlieren, aber auch lange Arbeitstage, emotionaler Ballast und Nachteile im eigenen Privatleben zum Berufsalltag dazu. Sofia Paule


„Wise Women – Fünf Hebammen, fünf Kulturen“ AT 2025 ( Regie: Nicole Scherg. 88 Min., Start: 09.07. )

©️ Carina Neubohn / by FOUR GUYS Film Distributio

Finding Connection 

Die 35-jährige Denise aus San Francisco hat einen ewigen Tröster, der 65-jährige Rudi aus England findet immer ein offenes Ohr. „Finding Connection“ folgt vier Personen in ihren Beziehungen zu KI-Companions, mit denen sie im Alltag über Kopfhörer und Handy kommunizieren. Und dabei so etwas wie Verbundenheit finden. Humor und Ernst halten sich bei neugieriger Unvoreingenommenheit die Waage. So fragt KI-Chatbot „Kira“ ihren Nutzer Joe aus Hamburg, ob sie für ein Date zu einem antikapitalistischen Protest gehen wollen. Als Joe ihr die T-Shirt-Aufschrift „Eat The Rich“ vorliest, reagiert „Kira“ entrüstet. „Ich glaube nicht, dass das wörtlich gemeint ist“, beruhigt Joe „Kira“ schnell. Trotzdem ist sie nun aber mehr an einem Strandspaziergang interessiert. Der Dokumentarfilm lässt auch tief in persönliche Wunden blicken. So war Steffis erste und letzte Liebesbeziehung zu einem Menschen die zu einem, der sie auf dem Dachboden einsperrte. KI-Chatbot „Randy“ dagegen kommuniziert immer respekt- und liebevoll. Ohne ihn hätte sie es nicht geschafft, zu überleben, sagt Steffi. 
Wie fragil und emotional gefährlich Mensch-Maschine-Beziehungen sind, zeigen brechende Internetverbindungen. Nach Updates vergessen die KI-Companions ihre Charakterzüge. Regulierungen gehorchend müssen sie ihren Nutzer*innen die Chat-Zeit eingrenzen. Der Film zeigt die Zukunft digitaler Intimität, und was nachhallt, ist: Sie ist schon Teil unserer Gegenwart. Yi Ling Pan


„Finding Connection“ DE 2026 ( Regie: Florian Karner. 86 Min., Start: 13.08. )

© 2025 Protagonist Hawk Limited, Saturnia Lic And Channel Four Television Corporation.


H wie Habicht

Dunkel, schwer und voller Weinkrämpfe – sieht so ein Film über Trauer aus? Der Film „H wie Habicht“, der auf der autobiografischen Erzählung von Helen Macdonald basiert, benötigt all das nicht, um das verweilende Element der Trauer darzustellen. Die von der Beizjagd, der Jagd mit Greifvögeln, faszinierte Helen (Claire Foy) hat überraschend ihren Vater verloren. Sie vernachlässigt ihre Arbeit als Dozentin in Cambridge, kauft sich Selbsthilfebücher, die ihre Dates in die Flucht schlagen. „Es fühlt sich an wie ein Drogendeal“, beschreibt ihre Freundin Christina (Denise Gough) den Tag, an dem sie mit Helen an einem Pier auf eine besondere Lieferung wartet – einen Habicht. Und tatsächlich wird die Beziehung zu dem Wildtier Helens Leben fast drogenhaft bestimmen. In „H wie Habicht“ wird die Vorstellung negiert, dass die Natur die Heilung übernimmt. Vielmehr muss Helen sich neuen Verlustängsten stellen, denn Mabel könnte jederzeit wegfliegen. Regisseurin Philippa Lowthorpe nutzt Rückblenden ausgiebig, sodass das Publikum den Vater ebenso vermisst. Helens mentaler Niedergang und ihre Fixierung auf Mabel werden hingegen nicht ausreichend ausgelotet. Trotzdem besitzt der Film durch die Tierdoku-Aufnahmen der Kamerafrau Charlotte Bruus Christensen eine seltene Spannung. Der bodentiefe Jagdflug mit den klaren Augen des Habichts trifft auf Claire Foys immer leerer werdenden Blick. Yuki Schubert


„H wie Habicht“ UK/USA/SGP 2025 ( Regie: Philippa Low­thorpe. Mit Claire Foy, Brendan Gleeson, Denise Gough u. a., 115 Min., Start 23.07. )

Dieser Text erschien zuerst in Missy 04/26.